Elbhochwasser in Elster Ein Dorf trotzt den Fluten

Tagelang haben die Menschen in der Kleinstadt Elster gegen die drohende Flut gekämpft, dann mussten sie den Deich aufgeben. Nun steigt das Wasser unaufhörlich, es gibt weder Strom noch ein funktionierendes Abwassersystem. Die Stadt will die Bewohner evakuieren - doch die wollen davon nichts wissen.

SPIEGEL ONLINE

Von , Elster


Der Kampf war hart und er hat ihn verloren. Stefan Grolet, 30, hat tagelang am Deich seiner Heimatstadt Elster gearbeitet. Er hat Sandsäcke gefüllt und gestapelt, wollte verhindern, dass die Elbe sein Elternhaus überflutet. Mittwochnacht hat er bis um halb drei durchgehalten, dann siegte die Müdigkeit. Am nächsten Morgen lag eine Nachricht der Stadt im Briefkasten: Wir geben den Deich auf. Wir können nichts mehr tun.

Fast 2500 Menschen leben in Elster im Landkreis Wittenberg, die Stadt liegt direkt an der Elbe. Nach tagelanger Flut hat sich das Wasser hinter den Deichen durch das Erdreich nach oben gedrückt, inzwischen quillt es aus den Gullideckeln der Stadt. In den meisten Straßen kommt man nur mit Booten vorwärts. Eine wenige Monate alte und 2,8 Millionen teure Kindertagesstätte ist ruiniert. Das Gewerbegebiet mit Möbelhaus und Supermarkt ist überflutet. Das Abwassersystem funktioniert nicht mehr. Pumpen, Stromaggregate oder Campingtoiletten sind in den Baumärkten Mangelware.

Aber von Katastrophenstimmung ist in Elster nichts zu merken. Dutzende Bewohner haben sich bei strahlendem Sonnenschein am alten Sportplatz versammelt, wer Kraft hat, füllt Sandsäcke zum Schutz der Häuser, die anderen sorgen für Getränke oder Kuchen, man kennt sich, man plauscht. Nebenan hat die DLRG ihr Lager aufgebaut. Es ist mehr Party als Panik.

Die meisten Sitzenbleiber haben dasselbe Argument

Doch tatsächlich wird die Lage für viele Bewohner in den überfluteten Häusern immer dramatischer. Denn was tun, wenn ein Unfall passiert - aber das Telefon nicht funktioniert oder der Rettungswagen nicht zum Haus vorkommt? Bürgermeister Peter Müller hat deshalb die Evakuierung angeordnet. Doch die Bewohner von Elster weigern sich.

Bis zum Freitagabend habe der DLRG gerade einmal 20 Menschen evakuieren können, sagt Müller. Einige wenige hätten sich freiwillig auf den Weg zu Freunden oder Verwandten gemacht. Die meisten Sitzenbleiber haben dasselbe Argument: "2002 haben wir's doch auch geschafft." Allerdings sei das Wasser damals sehr schnell abgeflacht, sagt Müller. Diesmal werde der Pegel tagelang auf sehr hohem Niveau bleiben. Am Freitagabend waren es 6,68 Meter, bis Mitternacht sollen es noch zwölf Zentimeter mehr werden - dann wäre der Stand von 2002 erreicht.

Auch Daniel und seine Mutter gehören zu den Evakuierungs-Verweigerern. Neun Steinstufen führen zu ihrem Haus, die unteren drei sind in der braunen Wassermasse nur zu erahnen, im Keller steht sie anderthalb Meter hoch. "Irgendwann muss es ja weniger werden", sagt die Mutter von Daniel, die namentlich nicht erwähnt werden will.

Wir haben doch eine Chemie-Toilette!

Sie sitzt vor ihrem Haus, spricht mit den Nachbarn gegenüber, die es sich ebenfalls auf den Stufen ihres von Wasser umzingelten Hauses gemütlich gemacht haben. Abends spielt sie Halma mit ihrem Sohn und isst Dosen-Ravioli, Licht kommt von den Solarlampen. "Das hat schon was von Camping-Flair", sagt Daniel. Und im Notfall? Na, da habe der Nachbar ein Schlauchboot.

Und so harren sie wie die anderen Bewohner von Elster aus: Ohne Strom, ohne funktionierende Klospülung, ohne Möglichkeit, das Haus trocken zu verlassen. Aber sie haben einander: Man kennt sich in Elster, man hilft sich.

Helfen, das will auch Judith Kahlert. Aber in Elster wird es ihr schwer gemacht. Kahlert, 22, arbeitet bei der DLRG und fährt mit ihren Kollegen seit Stunden zu Häusern von Flutopfern, eingepackt in wasserdichte Riesenhosen. An den Türen bekommt sie immer wieder zu hören: Wir haben Angst vor Plünderern, wir wollen unser Haus bewachen. Wir haben doch eine Chemie-Toilette. Wir haben 2002 doch auch überstanden. Was kann man da noch antworten?

Kahlert kann die Beweggründe der Bewohner verstehen. Wo Emotionen im Spiel sind, lohnt sich das sachliche Argumentieren selten. Sie kann nur eins tun: Hilfe anbieten. Sie versucht, ein offenes Ohr für die Nöte der Flutopfer zu haben. Und ihnen klar zu machen, dass es - ganz rational betrachtet - einfach sicherer ist, nicht im überfluteten Haus zu bleiben. Denn wer weiß schon, wie schlimm es noch werden wird?

insgesamt 27 Beiträge
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monotrom 07.06.2013
1. Wer nicht will, der hat schon
Wenn die Leutz in ihren Häusern bleiben wollen, ist das in Ordnung. Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Wenn ich da Kindestagesstätte lese, hoffe ich allerdings das wenigstens Eltern im Zweifelsfall einsichtig sind. Schlimm finde ich es hingegen, wenn Hilfskräfte noch alle Türen wie eine Drückerkolonne abklappern: "Wären Sie mal so freundlich..." - "Ne, wir kommen schon klar." Diese Leute wären an anderer Stelle sicherlich nützlicher einzusetzen, statt als Babysitter für ein paar Trotzköpfe zu fungieren. Meiner Meinung wäre es auch mal geboten, das wenn Einwohner aufgefordert werden, ihr Haus zu verlassen und dann schlußendlich doch mit Booten und Helis gerettet werden müssen, diese auch für die Kosten solcher Einsätze aufkommen. Wenn ich nicht irre ist das auch bei der Bergwacht in einigen Skigebieten so: Wer sich wissentlich in Gefahr begibt, und gerettet werden muss - zahlt. Also künftig: "Ne, wir kommen schon klar." "Dann seien Sie mal so nett und unterschreiben Sie mir hier das Sie aufgefordert wurden etc.pp. Wir schicken ihnen dann die Rechnung. Nassen Tag noch." Auch dafür muss nicht wieder die Allgemeinheit aufkommen.
Umbriel 08.06.2013
2. Die behördlichen Sozialromantiker
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINETagelang haben die Menschen in der Kleinstadt Elster gegen die drohende Flut gekämpft, dann mussten sie den Deich aufgeben. Nun steigt das Wasser unaufhörlich, es gibt weder Strom noch funktionierendes Abwassersystem. Die Stadt will die Bewohner evakuieren. Doch die wollen davon nichts wissen. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/hochwasser-in-elster-stadt-muss-deich-an-der-elbe-aufgeben-a-904489.html
Die Leute machen genau das Richtige, denn in Stadtverwaltungen sitzen heutzutage Leute, die für alles und jedes eine Vorschrift brauchen aber i.d.R. nicht sehr praktisch denken können, weil sie im Arbeitsalltag ausschließlich Kontakt mit Problembürgern haben aber selten mit normalen Menschen. Generell das Problem von Politikern.
spiegledich 08.06.2013
3. Netter Zusammenhalt da, aber!
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINETagelang haben die Menschen in der Kleinstadt Elster gegen die drohende Flut gekämpft, dann mussten sie den Deich aufgeben. Nun steigt das Wasser unaufhörlich, es gibt weder Strom noch funktionierendes Abwassersystem. Die Stadt will die Bewohner evakuieren. Doch die wollen davon nichts wissen. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/hochwasser-in-elster-stadt-muss-deich-an-der-elbe-aufgeben-a-904489.html
wieso braucht ein Dorf in Sachsen-Anhalt mit gerade mal 2500 Einwohnern eine Kindertagesstätte für stattliche 2,8 Millionen Euro? Und das offensichtlich "sehenden Auges" auch noch in einem potenziellen Überschwemmungsgebiet! Den Bewohnern wünsche ich viel Glück (spreche jetzt nicht von Karma oder so...). Gleichzeitig stelle ich aber schon die Frage, wo und wie sinnvoll Steuergelder oder Gelder aus dem "Soli" eingesetzt werden... Teuer gebaut ist offenbar nicht immer sinnvoll. Bei einer Kita für 2.500 Einwohner 2,8 Millionen Euro auszugeben finde ich schon sehr fragwürdig. Wir durften ja auch schon von teuer gebauten Flughäfen in den "neuen" Ländern lesen, die keiner nutzt...
hj.binder@t-online.de 08.06.2013
4. Warum ...
... sollten die Menschen auch tätige Hilfe annehmen ??? Gegen die Millionenhilfe aus Westdeutschland braucht man sich nicht zu wehren, die ersetzen eh alles (mehrfach)
fleischwurstfachvorleger 08.06.2013
5. Was macht die Poltik??
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINETagelang haben die Menschen in der Kleinstadt Elster gegen die drohende Flut gekämpft, dann mussten sie den Deich aufgeben. Nun steigt das Wasser unaufhörlich, es gibt weder Strom noch funktionierendes Abwassersystem. Die Stadt will die Bewohner evakuieren. Doch die wollen davon nichts wissen. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/hochwasser-in-elster-stadt-muss-deich-an-der-elbe-aufgeben-a-904489.html
Das nächste Jahrhunderthochwasser kommt vielleicht in 5 Jahren, oder noch früher. Wann investiert der Staat und die Bundesländer endlich konsequent in Hochwasserschutz? In Polder, Teiche und Mauern. Wann verschwinden endlich wieder die riesigen Maisanbauflächen, die den Boden erodieren und unsere Bienen verrecken lassen? Biogas treibt nicht nur die normalen Bauern in den Ruin. Wir brauchen keine Drohnen, keine neuen Flugzeuge, keine neuen Panzer und sonstige Waffensysteme. Wann fängt der Staat endlich an sich um sein Volk zu kümmern, ehe das Volk anfängt sich um den Staat zu kümmern? Ich kann sie nicht mehr sehen, unsere Politiker, wie sie mir ihren Personenschützern an den Deichen herumspazieren und Versprechungen abgeben. Über Nacht stehen für die Banken- und Eurorettung Milliarden zur Verfügung. Auch Deutschland und die Deutschen haben Anspruch auf Hilfe. Jetzt. Sofort. Und zwar nachhaltig und zukunftssichernd.
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