Gefährliche Riesending-Höhle Risikoeinsatz im "Monsterschacht"

In 1000 Meter Tiefe wartet ein Forscher noch immer auf seine Rettung. Um die verborgenen Welten zu entdecken, müssen Wissenschaftler in der Riesending-Schachthöhle seit jeher hohe Risiken eingehen. Immer wieder kam es zu Zwischenfällen.

Aus Berchtesgaden berichten und Anna Kistner


"Was ist denn das für ein Riesending?", riefen die Bad Cannstatter Höhlenforscher Ulrich Meyer und Hermann Sommer, als sie im Herbst 1996 unvermutet die Steilwände der Schachthöhle im Berchtesgadener Untersberg entdeckten. Mangels Seil wurde die Erkundung des Schachts an Ort und Stelle abgebrochen, aber der Name "Riesending" blieb haften.

Höhlenforscher Ulrich Meyer kommt seit 18 Jahren immer wieder an den Ort seiner Entdeckung zurück. Zuletzt bestieg er am Samstag mit dem erfahrenen Johann Westhauser und einem weiteren Höhlenforscher das Riesending. Doch in 1000 Meter Tiefe geriet Westhauser in einen Steinschlag.

Seitdem läuft eine der größten Rettungsaktionen im deutschen Alpengebiet. Der Arzt, der sich auf den Weg zu Westhauser in die Tiefe gemacht hat, dürfte in den nächsten Stunden bei dem Verletzten ankommen. Bis zu zwölf Stunden werden für den Weg veranschlagt. Selbst für die erfahrenen Rettungskräfte ist die Route anspruchsvoll: "Die Einsatzkräfte gehen an ihre Leistungsgrenze", sagte Stefan Schneider, stellvertretender Vorsitzender der bayerischen Bergwacht, in einer Pressekonferenz am Dienstag.

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Schwerverletzter in Alpenhöhle: Verborgene Welten, großes Risiko
Den Angaben der Bergwacht zufolge folgt in der Höhle auf die erste Schachtzone eine horizontale Canyon-Strecke von rund 500 Metern. Die Strecke erfordere Klettergeschick und sei nur "schwierig zu begehen", sagte Nils Bräunig von der Bergwacht. Auch in der sich anschließenden Schachtzone, die auf rund 900 Meter Tiefe führe, sei "permanentes Auf- und Abklettern" erforderlich.

Um verborgene Welten zu entdecken, gingen die Forscher in der Riesending-Schachthöhle jahrelang hohe Risiken ein. Die Bad Canstatter Höhlenexperten müssen sich der ständigen Gefahr, die in der Unterwelt lauert, bewusst gewesen sein. Die Streckenabschnitte auf dem Weg in die Tiefe tragen zum Teil abenteuerliche Namen: "Lets-Fetz-Canyon", "Donnerbach", "Schacht der Dröhnung", ein "Monsterschacht", ein "Nirvana-Schacht" oder die "Wind-Weg-Kammer" müssen beim Abstieg überwunden werden.

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Manchen Hindernissen versuchten die Forscher wohl mit ironischen Verniedlichungen den Schrecken zu nehmen. "Waschsalon" heißt eine kleine Höhle, in die zwei Wasserfälle stürzen. Ein Schacht unterhalb einer Lagune, in dem die Forscher vor einigen Jahren von einem Hochwasser überrascht wurden, trägt den bedeutungsvollen Namen "Schluss mit lustig". Die Expeditionsteilnehmer seien "durchnässt mit dem Schrecken davongekommen", schreibt Ulrich Meyer in einem Forschungsbericht für das Magazin "Die Höhle" aus dem Jahr 2009.

Auch von einem "bislang einzigen ernsthaften Zwischenfall" berichtet Meyer in dem Magazin: 2006 beim Aufstieg aus der Höhle hatte sich ein Seil in 350 Meter Tiefe so verfangen, dass es die hintere Gruppe nicht erreichen konnte: "Doch mithilfe der Bohrmaschine und eines glücklichen Maßbandwurfs gelang es schließlich, die Seilschlinge herunterzuziehen, sodass kein Rettungseinsatz nötig wurde."

Die Wissenschaftler hoffen, dass sich das Riesending einmal mit der auf Salzburger Seite gelegenen Kolowrathöhle verbinden lässt. Deshalb gehen sie jährlich rund zweimal für jeweils sechs Tage in die Höhle. "Die Forschung ist mühsam geworden, seit wir im Herbst 2010 das Ende des großen Hauptgangs unserer Riesending-Höhle in einem schlammigen Siphon am Grund eines düsteren Schachts gefunden haben", schrieb Meyer vor einem Jahr in einem Gastbeitrag im "Berchtesgadener Anzeiger".

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In dem Text beschreibt er unter anderem, wie er und sein Team, zu dem auch der verunglückte Johann Westhauser gehören, "im Entdeckerfieber" durch enge Gänge kriechen in der Hoffnung, neue Wege und Verbindungen zu finden. Einmal seilt sich Meyer "mit weichen Knien" 60 Meter in die Tiefe ab, ohne zu wissen, was ihn auf dem Grund des Schachts erwartet. Ein anderes Mal entdecken die Forscher mehrere Wasserfälle, die "überall um uns herum in unheimliche Abgründe abbrechen".

Es erscheint wie ein Wunder, dass bei dieser riskanten Pionierarbeit nicht ständig lebensgefährliche Unfälle passieren. "Vielleicht lässt sich unser Traum, eine Verbindung zwischen den beiden größten Höhlen des Untersbergs zu finden, auch nie verwirklichen", schrieb Ulrich Meyer vergangenes Jahr im "Berchtesgadener Anzeiger". "Doch an uns soll es nicht liegen, und wir werden sicher auch im nächsten Jahr wieder unser Biwak im Bauch des Bergs beziehen und den Wasserfällen trotzen."

insgesamt 138 Beiträge
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destination 10.06.2014
1. Leichtsinnig
Was erhofft man sich, eigentlich in einer Höhle zu finden, dass es so ein Risiko rechtfertigt? Erkenntnisse darüber wie Wasser eine Höhle entstehen lässt. Alles bereits hinlänglich bekannt. Der Sinn eines solchen Unterfangens erschließt sich mir nicht, zumal die Rettung des Mannes sicher in die Tausende geht.
mikesch0815 10.06.2014
2. Toi toi toi,
...das es a) problemlos geht und b) vielleicht auch schneller als erwartet. Gute Rettung und gute Genesung.
mannheimer34 10.06.2014
3. Hals und Beinbruch
Ich wünsche dem Team und dem Forscher viel Glück.
whocaresbutyou 10.06.2014
4. vor 2000 Jahren war die Erde eine Scheibe
Zitat von destinationWas erhofft man sich, eigentlich in einer Höhle zu finden, dass es so ein Risiko rechtfertigt? Erkenntnisse darüber wie Wasser eine Höhle entstehen lässt. Alles bereits hinlänglich bekannt. Der Sinn eines solchen Unterfangens erschließt sich mir nicht, zumal die Rettung des Mannes sicher in die Tausende geht.
Die meisten Dinge auf diesem Planeten wurden von Leuten erfunden (bzw. entdeckt), denen das, was "hinlänglich bekannt" war, arroganterweise einfach nicht genügte. Manche sind eben mit dem zufrieden, was sie nicht wissen, andere eben nicht...
denkdochmalmit 10.06.2014
5. Hoffentlich gelingt die Rettung!
Das der erste Kommentar gleich wieder die ganze Engstirnigkeit eines Erbsenzählers. Man könnte nun natürlich auch gleich wieder die Gleichung mit dem Straßenverkehr bemühen, aber was solls, man wird solche Langeweiler nie überzeugen können. ich war noch nie in einer solch großen Höhle, würde aber ohne zu zögern sofort mitgehen wen man mich fragen würde. Daher hoffe ich von herzen das die Rettung gelingt...
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