Holocaust-Leugner Vatikan genügt Williamsons Entschuldigung nicht

Klartext aus dem Vatikan: Die katholische Kirche hat Richard Williamson aufgefordert, seine Leugnung des Holocausts vollständig und öffentlich zu widerrufen - das letzte, halbherzige Statement des Rechtsaußen-Bischofs reiche nicht aus.


Rom - Der Vatikan hat die jüngste Erklärung von Richard Williamson als vage und unzureichend zurückgewiesen: Die katholische Kirche hat den rechtskonservativen Bischof nun dazu aufgefordert, seine Leugnung des Holocausts vollständig zu widerrufen.

Williamson auf der Flucht: Der umstrittene Bischof - eskortiert von Polizeibeamten - am Londoner Flughafen
REUTERS

Williamson auf der Flucht: Der umstrittene Bischof - eskortiert von Polizeibeamten - am Londoner Flughafen

"So, wie es aussieht, erfüllt (der Brief) nicht die Bedingungen, die das vatikanische Staatssekretariat gestellt hat", erklärte Vatikan-Sprecher Pater Federico Lombardi am Freitag in Rom.

Außerdem sei das Schreiben des britischen Traditionalisten weder an Papst Benedikt XVI. noch an die zuständige Päpstliche Kommission Ecclesia Dei gerichtet gewesen. Die mit den Traditionalisten befasste Kommission soll das Schreiben an eine Agentur weitergeleitet haben. Der Vatikan hatte von Williamson vor Wochen einen "absolut unmissverständlichen und öffentlichen Widerruf" seiner Holocaust-Leugnung verlangt.

Erst nach seiner erzwungenen Ausreise aus Argentinien hatte Williamson einen Brief an den Vatikan geschrieben und sich "vor Gott" bei allen entschuldigt, die er durch seine Leugnung der Judenvernichtung im Dritten Reich verletzt habe.Es habe sich bei seinen Äußerungen nur um die "Meinung eines Nicht-Historikers" gehandelt, die sich auf die Erkenntnisse von vor 20 Jahren gestützt habe, gab der 68-Jährige bekannt.

Wörtlich schrieb Williamson: "Der Heilige Vater und mein Oberer, Bischof Bernard Fellay, haben mich ersucht, die Bemerkungen, die ich vor vier Monaten gegenüber dem schwedischen Fernsehen gemacht habe, neu zu überdenken, da deren Folgen sehr schwerwiegend gewesen sind."

Und weiter: "In Anbetracht dieser Folgen kann ich wahrheitsgemäß sagen, dass es mir leid tut, diese Bemerkungen gemacht zu haben, und dass ich sie nicht gemacht hätte, wenn ich im Vorhinein um den ganzen Schaden und den Schmerz gewusst hätte, die diese verursachen würden, besonders der Kirche, aber ebenso den Überlebenden und den Verwandten der Opfer der Ungerechtigkeit unter dem Dritten Reich.

Im schwedischen Fernsehen habe ich nur die Meinung ( "Ich glaube", "Ich glaube") eines Nicht-Historikers geäußert, eine Meinung, die sich vor 20 Jahren auf Grundlage der damals verfügbaren Beweise herausgebildet hat und seither selten in der Öffentlichkeit geäußert worden ist. Nichtsdestoweniger haben mich die Ereignisse der letzten Wochen und der Rat von älteren Mitgliedern der Bruderschaft des hl. Pius X. von meiner Verantwortung für die verursachten großen Schwierigkeiten überzeugt. Ich bitte alle, die sich aufgrund meiner Worte aufrichtig entrüstet haben, vor Gott um Vergebung."

Grünen-Chefin Claudia Roth fordert den Vatikan nun zum konsequenten Handeln auf. "Bischof Williamson bedauert auf höchst doppeldeutige Weise die Wirkung seiner Äußerungen zum Holocaust", sagte sie SPIEGEL ONLINE. "Von seiner unerträglichen Holocaustleugnung nimmt er nichts zurück. Er versucht, sich mit Spitzfindigkeiten aus der Affäre zu ziehen und macht damit alles nur noch viel schlimmer." Seine Einlassung sei keine Entschuldigung und reiche nicht aus. "Der Papst muss endlich klarstellen, dass Bischof Richard Williamson in der katholischen Kirche nichts zu suchen hat."

Zypries schließt Erlass eines Haftbefehls nicht mehr aus

Nach seiner Rückkehr nach Europa muss Williamson mit strafrechtlichen Konsequenzen rechnen. Die Ermittlungen der deutschen Staatsanwaltschaft in Regensburg gegen den Briten könnten zum Erlass eines Europäischen Haftbefehls führen, sagte Bundesjustizministerin Brigitte Zypries am Freitag in Brüssel: "Grundsätzlich fällt das Delikt unter die Regelungen des Europäischen Haftbefehls, das heißt also, Deutschland könnte einen solchen Haftbefehl ausstellen."

Die Bundesjustizministerin räumte allerdings ein, der Erfolg eines EU-Haftbefehls sei in diesem Fall ungewiss: "Ob es dann von britischer Seite Einwendungen gäbe, die eine Auslieferung verhindern würden, kann ich im Moment nicht beurteilen." Zwingend ist die Auslieferung nur, wenn das dem Angeklagten vorgeworfene Delikt auch in dessen Aufenthaltsland als Straftat beurteilt wird oder wenn in dem Staat, der den Haftbefehl erlässt, eine Mindeststrafe von drei Jahren vorgesehen ist.

Zypries (SPD) äußerte indes die Erwartung, dass auch die britische Justiz selbst gegen Williamson ermittle: "Die haben ja sicherlich auch Veranlassung sich anzugucken, ob irgendwelche Strafnormen verletzt sind." Zypries' Sprecherin Eva Schmierer verwies in Berlin auf den am 6. Dezember vergangenen Jahres in Kraft getretenen Rahmenbeschluss zur europaweiten Bekämpfung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Holocaust-Leugner sollen demnach europaweit bestraft werden können, wenn die Tat "wahrscheinlich zu Gewalt oder Hass aufstachelt". Der Rahmenbeschluss muss allerdings von den Mitgliedstaaten noch in nationales Recht umgesetzt werden.

Zentralrat der Juden in Deutschland: "Verkorkste Erklärung"

Auch der Zentralrat der Juden in Deutschland hat Williamsons Entschuldigung als "verkorkste Erklärung" zurückgewiesen und erhofft "klare Konsequenzen" vom Vatikan. Ähnlich äußerte sich der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Hans Joachim Meyer. Er forderte, dass Williamson "keine Verantwortung" mehr tragen dürfe.

Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, verwies in "Handelsblatt.com" darauf, dass Williamson seine Thesen zum Holocaust nicht etwa zurückziehe, sondern nur bedauere, dass seine Worte Schaden angerichtet hätten. Seine "verkorkste Erklärung" lasse den Schluss zu, dass Williamson die Holocaust-Leugnung weiter aufrecht halte.

Graumann äußerte im Nachrichtensender N24 den Wunsch, dass der Vatikan "endlich klare Konsequenzen zieht". Die Piusbuderschaft weise eine "faschistische Nähe" auf und hetze konsequent gegen Juden, Muslime und Homosexuelle. "Ich glaube, der Spagat, mit diesen intoleranten, demokratiefeindlichen Fanatikern eins zu werden und gleichzeitig einen vertrauensvollen Dialog zu führen mit Juden und mit anderen - dieser waghalsige Spagat kann nicht gelingen", sagte Graumann dem Sender.

Meyer bezeichnete Williamsons Erklärung im "Berliner Tagespiegel" vom Freitag als "in keiner Weise befriedigend". So jemand dürfe "keine Verantwortung tragen". Von Williamson abgesehen bleibe der Kern des Problems bestehen: die antijudaistischen Tendenzen in der Piusbuderschaft, die solchen Äußerungen Vorschub leisteten, sagte Meyer.

Der Piusbuder hatte in einem am Donnerstag von der Nachrichtenagentur Zenit in Rom veröffentlichten Brief an den Vatikan geschrieben, er bitte "vor Gott" um Vergebung aller, die er durch seine Leugnung der Judenvernichtung während der NS-Diktatur verletzt habe. In seinem Interview mit dem schwedischen Fernsehen habe er nur die Meinung eines "Nicht-Historikers geäußert, eine Meinung, die sich vor 20 Jahren auf Grundlage der damals verfügbaren Beweise herausgebildet hat".

Williamson hatte in einem Ende Januar ausgestrahlten Interview mit dem schwedischen Fernsehen gesagt, er denke, dass "200.000 bis 300.000 Juden in den Konzentrationslagern gestorben" seien, aber "nicht ein einziger von ihnen in Gaskammern". Am selben Tag unterschrieb Papst Benedikt XVI. ein Dekret, das die Exkommunikation Williamsons und dreier weiterer Mitglieder der erzkonservativen Piusbuderschaft rückgängig machte - was einen Sturm der Entrüstung auslöste. Anfang Februar vom Papst aufgefordert, seine Äußerungen zu widerrufen, sagte Williamson zunächst lediglich, er werde seine Aussagen zum Holocaust "überprüfen".

jjc/AFP/ddp/dpa/AP/Reuters

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