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Erste Homo-Ehe in Frankreich Vincents und Brunos große Revolution

Frankreich ist zerrissen, die hochemotionale Debatte um die Homo-Ehe spaltet das Land. Vincent Autin und sein Lebensgefährte Bruno Boileau schreiben jetzt Geschichte: Sie schließen in Montpellier die erste gleichgeschlechtliche Ehe Frankreichs - und trotzen dem Hass.

Die Vertreterin der Obrigkeit mit blau-weiß-roter Schärpe, Bekenntnisse zur gemeinsamen Zukunft "in guten wie in schlechten Zeiten", dazu fliegender Reis, Musik, Konfetti: Wenn sich am Mittwoch Frankreichs erstes homosexuelles Paar das Jawort gibt, wird es eine Feier ganz und gar nach Regeln und Ritus der V. Republik. "Es wird eine Heirat wie jede andere", sagt Montpelliers Bürgermeisterin Hélène Mandroux, "mit demselben Respekt, derselben Abgeklärtheit, derselben Würde."

Und dennoch hat die Hochzeitsfeier im Rathaus der Stadt durchaus historischen Charakter. Zu allererst natürlich für den 40-jährigen Vincent Autin und seinen 30-jährigen Verlobten Bruno Boileau - "ein ersehnter Moment" sei die Zeremonie in Montpellier, ließ das Paar im Vorfeld wissen. Aber auch für ganz Frankreich kommt die Eheschließung einer kleinen Revolution gleich, und diese ist überaus umstritten.

Vincents und Brunos Hochzeit ist die erste, seit die Nationalversammlung Ende April das Gesetz über die "Ehe für Alle" verabschiedete. Die Reform, die gleichgeschlechtlichen Partnern auch die Adoption von Kindern erlaubt, wurde von Vertretern der Schwulen- und Lesbenorganisationen als Sieg bejubelt. Doch Gegner der Homo-Ehe sehen darin nicht weniger als den Untergang von gesellschaftlichen Werten und Konventionen.

Nächtliche Marathondebatten

Wochenlang war das Bündnis aus biederen Bürgern, radikalen Nationalisten und katholischen Dogmatikern gegen das sozialistische Projekt Sturm gelaufen. Im Parlament formierte sich der Widerstand in stundenlangen, nächtlichen Marathondebatten. Selbst die Verabschiedung der Reform hat den Protest nicht beendet: Am Wochenende eskalierte eine Kundgebung mehrerer hunderttausend Menschen in Paris; es kam zu Zusammenstößen zwischen Polizei und rechtsextremen Randgruppen des sogenannten Französischen Frühlings.

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Homo-Ehe in Frankreich: Geschichte wird gemacht

Foto: PASCAL GUYOT/ AFP

Bis zu einer halben Million Demonstranten nahmen an manchen Wochenenden an den Kundgebungen teil. Der heftige Widerstand traf die Regierung unvorbereitet: In Umfragen hatte sich zuvor eine klare Mehrheit gegenüber der gleichgeschlechtlichen Ehe tolerant gezeigt. Doch der vor allem über Internetforen organisierte Protest brachte erstmals eine Front aus Präsidentengegnern und empörten, wertkonservativen Mittelklassevertretern auf die Straße, die die Homo-Ehe als Angriff auf ihre Lebensweise empfinden.

Kein Wunder: Im Land der Menschenrechte war Homosexualität bis 1981 als "gesellschaftliche Geißel" oder "Geisteskrankheit" klassifiziert, erst unter Präsident François Mitterrand wurde die Diskriminierung beendet. Eheschließungen unter gleichgeschlechtlichen Partnern blieben dennoch undenkbar und waren in der Schwulen- und Frauenbewegung sogar unerwünscht: Die Vorkämpfer der sexuellen Befreiung betrachteten die Ehe als überholte Institution.

Kein Protest mehr bei Filmen über Homo-Liebe

Erst mit der Einführung des "Zivilen Solidaritätspakts" (PACS) wurde die Heirat wieder zum Thema. Diese rechtsverbindliche Partnerschaftsform existiert seit 1999 und ist für hetero- wie für homosexuelle Paare gleichermaßen gültig. Eheähnliche Verbindungen sind seither üblich und gehören mittlerweile zur Alltagskultur: Filme über lesbische Liebe wie der gerade in Cannes prämierte "Das Leben Adèles" rufen keinen Protest mehr hervor, selbst die populäre Seifenoper "Plus belle la Vie" befasst sich mit dem einst heiklen Thema.

Nach mehreren gescheiterten Gesetzesvorhaben erhob daher François Hollande die Homo-Ehe während seiner Präsidentschaftskampagne zum Wahlkampfversprechen. Eingelöst wurde es mit dem Gesetzestext, der am 18. Mai veröffentlicht wurde.

Bereits am Tag darauf bestellten Vincent und Bruno in Montpellier das Aufgebot - und machten ihren Bund fürs Leben damit zum weltweit beachteten Medienspektakel. Rund 140 Journalisten sind im Rathaus angemeldet, darunter Reporter aus Japan, China und Russland. CNN berichtet ebenso von vor Ort wie der arabische TV-Sender al-Dschasira. Zudem hat sich Regierungssprecherin Najat Vallaud-Belkacem angesagt: Die Ministerin für Frauenrechte wird in "privater Funktion" auftreten, jedoch in Absprache mit Premier Jean-Marc Ayrault.

Das Hochzeitspaar selbst reagiert gelassen auf den Rummel rund ums Rathaus. Vincent Autin, Mitglied der Organisation "Interpride World" und Vorkämpfer für die Gleichstellung von Schwulen und Lesben, betrachtet seine Heirat daher auch als öffentliches Signal: "Wir vergessen nicht, dass es noch Länder gibt, wo Homosexualität noch mit Gefängnis bestraft wird."

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