Homosexualität Die tragische Geschichte vom schwulen indischen Prinzen

Sein Leben lang hat Manvendra Singh Gohil seine sexuelle Orientierung verheimlicht. Als sich der Sohn eines Maharadschas öffentlich als schwul outete, enterbte ihn seine Familie. Jetzt kämpft Gohil für einen gesellschaftlichen Wandel - in einem Land, in dem Homosexualität unter Strafe steht.

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Hamburg - Manvendra Singh Gohil tat sein Leben lang alles, um zu verheimlichen, dass er Männer liebt. Seine Eltern wussten von nichts, die Öffentlichkeit schon gar nicht. Gohil ist Sohn des Maharadschas und der Maharani von Rajpipla, einer Region im indischen Bundesstaat Gujarat. Als er sich vor neun Monaten einer Lokalzeitung anvertraute, hatte Indien einen Skandal und die Presse des Landes ein Thema, das seither regelmäßig kontrovers diskutiert wird. Ein schwuler Prinz - darf das sein? Ist die Bestrafung von Homosexualität noch zeitgemäß?

Filmplakat in Indien: Homosexualität als Tabuthema
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Filmplakat in Indien: Homosexualität als Tabuthema

Der Paragraf 337 des indischen Strafgesetzbuches stellt Homosexualität unter Strafe. "Wer freiwillig unnatürlichen sexuellen Verkehr mit einem Mann, einer Frau oder einem Tier hat, soll mit lebenslanger Freiheitsstrafe oder mit einer Gefängnisstrafe von bis zu zehn Jahren und Geldstrafe bestraft werden", heißt es in dem 1861 von den damaligen britischen Kolonialherren verfassten Text. Die Engländer sind seit bald 60 Jahren weg, das Gesetz gilt immer noch. Zwar kommt es nur selten zu Anklagen, Schwule sind in Indien aber häufig Misshandlungen ausgesetzt. Fälle von Erpressung selbst durch Polizisten sind nicht selten. In den Köpfen vieler Menschen in Indien gilt Homosexualität dennoch als kriminell. Eine Klage gegen dieses Gesetz ist derzeit am Obersten Zivilgericht in Neu-Delhi anhängig. Mehrere indische Stars, darunter Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen und Schriftsteller Vikram Seth, haben sich für eine Abschaffung dieses Paragrafen ausgesprochen.

Der 41-jährige Gohil kämpft gemeinsam mit Menschenrechtlern gegen die Diskriminierung von Homosexuellen. Seitdem eine Zeitung im März auf der ersten Seite titelte: "Der Prinz von Rajpipla erklärt, dass er schwul ist", hat sich sein Leben radikal verändert. Die Öffentlichkeit meidet ihn, in Rajpipla mit rund 70.000 Einwohnern verbrannte eine aufgebrachte Menge Bilder des Prinzen. Wenigstens könne er jetzt ein ehrliches Leben führen, zitiert die "Los Angeles Times" den Mann. Denn die Zeiten sind vorbei, in denen ihn eine Aura des Privilegierten umgab, in der ihn alle Menschen in seiner Heimatstadt bewunderten und ihm der Alltag in Villen oder in der Familienresidenz in Bombay von unzähligen Bediensteten erleichtert wurde.

Enterbung per Zeitungsanzeige

Adlige in Indien haben zwar seit der Unabhängigkeit Indiens 1947 keine politische Macht mehr, gehören aber oft noch zu den Reichsten des Landes - auch Gohils Familie: Der Maharadscha von Rajpipla und seine Frau sind die größten Landbesitzer in der Region. In ihrem Schloss verbrachte Gohil seine Kindheit. Seiner Familie gegenüber hat er sich bereits vor vier Jahren offenbart. Jetzt haben die Eltern ihren einzigen Sohn öffentlich enterbt. Per Zeitungsanzeigen ließen sie mitteilen, dass er in "für die Gesellschaft inakzeptable Aktivitäten" verwickelt sei und sie ihn daher nicht länger als ihren Erben sähen. Die Mutter droht jedem, der Gohil als ihren Sohn bezeichnet, mit juristischen Konsequenzen.

Begierig griff die Boulevardpresse die Geschichte auf und bot Gohil Gelegenheit, aus seinem Leben zu plaudern. "Irgendwann spürte ich, dass ich anders bin als andere", sagte Gohil in einem Interview. "Als ich in das Alter kam, wo man sexuelles Interesse am anderen Geschlecht entwickelt, merkte ich, dass ich mich nicht zu Frauen hingezogen fühlte, sondern zu Männern." Als Gohil 14 Jahre alt war, machte ihn ein Klassenkamerad auf sein Anderssein aufmerksam. "Er kam auf mich zu und fragte mich: 'Bist du ein Homo?' Ich sagte: 'Was? Ich weiß es nicht.' Dann ging ich nach Hause und schaute in ein Lexikon, was das heißt. Da stand aber nichts drin."

Der Junge merkte schnell, was Schwulsein in Indien bedeutet: dass man sich entscheiden muss für ein Leben in einem Lügengebäude oder ein Leben als Ausgestoßener. Er entschied sich für die Lügen. Er begann eine Beziehung zu einem gleichaltrigen Jungen, der als Bediensteter seiner Familie arbeitete. Die geheime Affäre hielt, bis beide 18 waren.

Eltern hielten jahrelang Ausschau nach einer Braut

Seine Eltern merkten nichts, sie erzogen ihren Sohn streng und hielten, wie in Indien üblich, Ausschau nach einer passenden Ehefrau. Mit 25 Jahren heiratete Gohil eine Adlige aus dem Bundesstaat Madhya Pradesh.

Alle Bemühungen seiner Frau, ihn sexuell zu verführen, endeten in Tränen. Nach eigenen Angaben vollzog Gohil die Ehe nicht. Sie schleppte ihn zum Arzt, der aber keine Krankheit diagnostizieren konnte. 15 Monate nach der Hochzeit ließen sich die beiden scheiden.

Doch die Lebenslüge war Gohil immer noch lieber als das gesellschaftliche Aus: Der Prinz lebte weiter wie bisher, seine Eltern machten sich auf die Suche nach einer neuen Braut für ihren Sohn. Erst allmählich begann der Prinz, Kontakt zur Schwulenszene von Bombay aufzunehmen und sich als Anti-Aids-Aktivist zu engagieren. "Meine Eltern dachten, ich wäre in der Yoga-Schule, aber tatsächlich verteilte ich Kondome", sagt Gohil. Doch wann immer er von Bombay in die Heimat nach Gujarat flog, fragten ihn die Menschen in Rajpipla, wann er denn wieder zu heiraten gedenke. Die Eltern suchten zunehmend intensiver nach einer passenden Frau, der Druck auf Gohil wuchs.

Outing nach einem Nervenzusammenbruch

2002 erlitt er schließlich einen Nervenzusammenbruch - er musste zwei Wochen im Krankenhaus verbringen. Gohil vertraute sich seinem Arzt an. Der Mediziner arrangierte ein Treffen mit seinen Eltern und seiner Schwester, bei dem er auf Wunsch von Gohil der Familie mitteilte, dass Gohil homosexuell ist. Die Familie wollte es nicht wahrhaben. Die Entfremdung begann, Gohil stürzte sich in Arbeit und engagierte sich noch intensiver in der Aidshilfe. Bereits im Jahr 2000 hatte er dazu die Organisation Lakshya Trust gegründet. Gohils heterosexuellen Freunde, sagt er, reagierten geschockt, als sie von seiner sexuellen Orientierung erfuhren. Seine homosexuellen Freunde waren geschockt, als sie hörten, dass er mal mit einer Frau verheiratet war.

Gohil bereut dennoch nichts. Die Vereinten Nationen haben kürzlich seine Organisation ausgezeichnet, das Interesse der internationalen Medien an ihm und an seiner Arbeit wächst und auch in Indien selbst setzen sich immer mehr Menschen für einen Wandel in der Einstellung zur Homosexualität ein.

Gohils Mutter und er sprechen nach wie vor nicht miteinander. Aber sein Vater hat kürzlich in einem Interview eingeräumt, er habe, was die Enterbung betreffe, "unter Druck von Freunden und Verwandten" reagiert. Eigentlich sei sein Junge ja "ein guter Sohn". Die beiden Männer haben sich in jüngster Vergangenheit wieder gelegentlich getroffen.



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