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03. Oktober 2015, 15:53 Uhr

Bekenntnis vor Familiensynode

Vatikan enthebt schwulen Priester des Amtes

Ein polnischer Priester aus dem Vatikan bekennt sich zu seiner Homosexualität - und wird umgehend von seinen Aufgaben befreit. Dabei wollte der Theologe der Kirche die Augen öffnen, dass ein Leben in Abstinenz "unmenschlich" sei.

Wenn Krzysztof Charamsa spricht, lächelt er sanft, seine Stimme klingt ruhig. Seine Worte aber haben Schlagkraft: "Ich bin schwul", sagt der 43-jährige Priester und lächelt breit. Charamsa muss tief Luft holen, bevor er das sagt, denn er ist nicht irgendein Geistlicher. Der 43-jährige Pole ist seit 2003 Mitglied der einflussreichen Glaubenskongregation, unterrichtet an der Päpstlichen Universität Gregoriana Theologie und lebt seit 17 Jahren in Rom.

Den Zeitpunkt für sein Coming-out hat der Priester mit Bedacht gewählt: Am Sonntag beginnt die Weltbischofssynode im Vatikan. Drei Wochen lang wird dort über die Rolle der Familie in der katholischen Welt gesprochen. Auch über Homosexualität und Ehe soll debattiert werden. Laut einer kircheninternen Umfrage plädieren 70 Prozent der deutschen Katholiken für eine Anerkennung und Segnung gleichgeschlechtlicher Paare.

"Ich habe jetzt einen Partner, der mir geholfen hat, meine Ängste in die Kraft der Liebe zu verwandeln", sagte Charamsa der italienischen Tageszeitung "Corriere della Sera". Seitdem er sich selbst akzeptiere und zu seiner Homosexualität stehe, habe er das Gefühl, dass er ein besserer Priester geworden sei, der bessere Predigten hält. "Ich möchte, dass die Kirche und meine Gemeinde wissen, wer ich bin: ein schwuler Priester, der glücklich und stolz ist auf seine Identität."

Mit dem Bekenntnis der Kirche helfen

"Die Kirche ist im Vergleich zu dem Wissen, das die Menschheit inzwischen hat, zurückgeblieben", sagte Charamsa weiter. "Es ist nicht möglich, noch weitere 50 Jahre zu warten." Die katholische Kirche müsse hinsichtlich gläubiger Homosexueller "die Augen öffnen und verstehen, dass ihre Lösung, totale Abstinenz und ein Leben ohne Liebe zu leben, unmenschlich ist".

Er wisse, dass er sein Amt aufgeben müsse. "Ich weiß, dass die Kirche mich als jemanden ansieht, der seiner Pflicht nicht nachgekommen ist", so Charamsa, "der sich verloren hat und der noch dazu nicht mit einer Frau, sondern mit einem Mann zusammen ist." Sein Ziel sei es aber, eine "zurückgebliebene" und "paranoide" Kirche zu bewegen. Gegenüber der polnischen Ausgabe des Magazins "Newsweek" vom Samstag stellte Charamsa zudem fest, der Klerus sei "überwiegend homosexuell und traurigerweise auch homophob bis zur Paranoia, weil es an Akzeptanz der eigenen sexuellen Orientierung mangelt".

Der Vatikan enthob Charamsa umgehend seines Amtes in der Glaubenskongregation. Über seine priesterliche Zukunft müsse sein zuständiger Bischof entscheiden, erklärte Sprecher Federico Lombardi weiter. Zugleich verurteilte er Charamsas Äußerungen als "sehr schwerwiegend und unverantwortlich".

Papst Franziskus stand kürzlich in der Kritik, weil er sich mit der homophoben Standesbeamtin Kim Davis aus dem US-Bundesstaat Kentucky getroffen hatte. Liberale Christen waren entsetzt, wie der Papst die schwulenfeindliche Haltung von Davis öffentlich unterstützen könne. Franziskus traf aber auch seinen alten Bekannten Yayo Grassi und dessen Lebensgefährten. Die sexuelle Orientierung des Freundes sei dem Pontifex schon seit Langem bekannt, so Grassi auf Facebook. Er habe sie aber nie verurteilt oder "etwas Negatives" gesagt.

Video: Papst Franziskus traf schwules Paar während USA-Reise

hei/AFP

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