Übergriffe in Hoyerswerda Erst kamen die Rassisten, dann die Gaffer

Hoyerswerda wurde 1991 zum Synonym für Rassismus im wiedervereinigten Deutschland. Bilder von damals zeigen, wie Hunderte Anwohner auf die tagelangen Ausschreitungen reagierten: gar nicht. Oder mit Applaus.
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Rassismus und Rudelgucken: Im September 1991 gehen solche Bilder aus dem sächsischen Hoyerswerda um die Welt. Tagelang randalieren Rechtsextremisten in der damaligen Kreisstadt, sie attackieren Vertragsarbeiter und Geflüchtete. Die Unterstützung für die Migranten fällt überschaubar aus, wie dieses Foto zeigt: Etliche Menschen stehen vor dem sogenannten Ausländerwohnheim in der Albert-Schweitzer-Straße – und schauen zu.

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Uwe Schulz

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Erst zerbrechen Scheiben, dann Illusionen – etwa die, dass es in der ehemaligen DDR keinen Rassismus gab, dass Menschen aus »Bruderstaaten« tatsächlich wie Brüder und Schwestern behandelt wurden, dass es für die vielfältigen Probleme in Orten wie Hoyerswerda einfache Lösungen geben könnte.

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Uwe Schulz

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ARD-Livesendung am 25. September 1991 auf dem Marktplatz in Hoyerswerda: Auch da war das Interesse vieler Menschen groß. Die Ausschreitungen dauern in jenem Herbst eine Woche lang an, und die Debatten über Ursachen und Folgen werden auch nach 30 Jahren nicht beendet sein.

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Uwe Schulz

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Einige Tage nach dem Ende der Ausschreitungen gibt es noch einmal einen Großeinsatz: Linke Demonstrierende, angereist auch aus anderen Teilen des Landes, gehen gegen Neonazis auf die Straße. »War das nun der letzte große Auftritt Hoyerswerdas in den deutschen Medien?«, schreibt das »Hoyerswerdaer Wochenblatt« wenig später über diesen Tag. »Man möchte es nach den vergangenen zwei Wochen wirklich hoffen.«

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Uwe Schulz

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Zuschauer auf Mauern und in den Fenstern ihrer Wohnungen in der Thomas-Müntzer-Straße: Dieses Bild vom 22. September 1991 zeigt, wie sehr die rassistischen Ausschreitungen von vielen als Event wahrgenommen werden.

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Uwe Schulz

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Ähnliche Zusammenrottungen gibt es auch in der Albert-Schweitzer-Straße, wo damals mosambikanische Vertragsarbeiter lebten. In Hoyerswerda zeigt sich in diesen Tagen erstmals, was in ähnlicher Form später auch in Rostock, Mölln und Solingen geschehen wird: rechtsextreme Gewalt – von manchen beklatscht, von vielen hingenommen, von niemandem verhindert.

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Uwe Schulz

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Schließlich kapituliert der Rechtsstaat: »Es besteht einheitliche Auffassung dazu, dass eine endgültige Problemlösung nur durch Ausreise der Ausländer geschaffen werden kann«, heißt es am 20. September in einer sogenannten Lageeinschätzung des Landratsamts. Wenig später werden Hunderte Menschen in Bussen aus der Stadt gebracht.

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Uwe Schulz

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Selbst die Evakuierung der Betroffenen verläuft jedoch mitunter chaotisch. Die Ausschreitungen enden schließlich, das eigentliche Problem aber bleibt: Noch Jahre später feiern Rechtsextremisten, dass Hoyerswerda damals »ausländerfrei« geworden sei.

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Sie hielten die Bilder fest, die viele Menschen bis heute mit Hoyerswerda verbinden: Zahlreiche Journalistinnen und Journalisten strömten nach Beginn der Ausschreitungen in die Stadt, tagelang waren Kamerateams und Reporter unterwegs. Der SPIEGEL etwa veröffentlichte unter der Überschrift »Jagdzeit in Sachsen« am 29. September eine lange Reportage, die ersten Wörter des Textes lauten: »Mordstimmung im sächsischen Hoyerswerda«.

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Uwe Schulz

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Tatort Neustadt: Östlich des verschlafenen Örtchens Hoyerswerda ließ die DDR-Regierung am Reißbrett die Neustadt in den Himmel wachsen, um Wohnraum für die Zehntausenden Beschäftigten des Braunkohlekombinats Schwarze Pumpe zu schaffen. Die Einwohnerzahl verzehnfachte sich bis 1980 auf über 70.000 – und schrumpfte seit dem Mauerfall wieder um die Hälfte. Die Wohnblöcke, vor denen 1991 Rassisten aufmarschierten, stehen heute nicht mehr.

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Uwe Schulz

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Es bleibt nicht bei hässlichen Parolen und Bildern: Als die Betroffenen nach tagelangen Ausschreitungen in Bussen aus der Stadt gebracht werden sollen, fliegt aus der Menge ein Stein durch das Fenster, hinter dem Tam Le Thanh sitzt. Der 21-Jährige wird getroffen und verletzt.

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imago images / Detlev Konnerth

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Zugleich geht der Alltag in der Stadt einfach weiter – fast so, als wäre gar nichts geschehen: Schon wenige Tage nach den Ausschreitungen feiern die Menschen etwa das Erntedankfest in der Altstadt. In sorbischer Tracht ziehen diese Kinder über den Rathausplatz.

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Uwe Schulz

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Uwe Schulz, damals 20 Jahre alt, erlebt die Ausschreitungen als Fotograf des »Hoyerswerdaer Wochenblatts«. Der heute 50-Jährige, inzwischen Redaktionsleiter der Zeitung, hat einige der hier gezeigten Aufnahmen geschossen. Dieses Bild zeigt ihn auf dem Lausitzer Platz – jenem Ort, an dem am 17. September 1991 die rechten Krawalle ihren Anfang nahmen.

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Peter Maxwill / DER SPIEGEL

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Die Hoffnung war groß, dass es solche Fotos aus dem wiedervereinigten Deutschland nicht mehr geben würde: Jugendliche applaudieren in Hoyerswerda, während Zugewanderte in Bussen aus der Stadt gebracht werden.

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imago images / Detlev Konnerth

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Hoyerswerda ist der erste Ort, an dem es nach der Wiedervereinigung zu solchen rassistischen Ausschreitungen kommt. Die Behörden wirken entsprechend überrumpelt, die Polizei fordert schließlich Verstärkung aus anderen Städten an. Hier ist zu sehen, wie Beamte am 23. September 1991 eine Straße in der Neustadt absperren.

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Einige der Zugewanderten zeigen sich trotz Gebrüll und Gewalt in der Öffentlichkeit – und fassungslos: »Warum hassen sie uns?«, steht auf diesem Transparent, das einige Männer am 25. September 1991 vor ihrem Wohnhaus anbringen.

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Thomas Lehmann / picture alliance / dpa

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Hoyerswerda-Neustadt, zu DDR-Zeiten eine moderne Vorzeigestadt nach sozialistischem Ideal, wandelt sich in diesen Septembertagen 1991 zu einem Symbol für so vieles, was im Ostdeutschland der Neunzigerjahre schiefläuft. Auf diesem Bild sind Einsatzkräfte vor einem der Plattenbauten zu sehen.

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imago images / Detlev Konnerth

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Zerbrochenes Glas, zerbrochene Träume: Die Menschen, die im Herbst 1991 zum Ziel rassistischer Hetze werden, kehren Hoyerswerda für immer den Rücken.

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picture alliance / dpa

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Hoyerswerda ist heute eine andere Stadt: Während viele alte Wohnblöcke in der Neustadt abgerissen wurden, erstrahlt die liebevoll sanierte Altstadt in neuem Glanz.

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Peter Maxwill / DER SPIEGEL

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An die Ausschreitungen, die Hoyerswerda zum Synonym für Rechtsradikalismus im Nachwende-Deutschland werden ließen, erinnert nur noch wenig in der Stadt. Unter anderem gibt es dieses Denkmal in der Neustadt: »Hoyerswerda vergisst nicht« steht darauf.

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Peter Maxwill / DER SPIEGEL

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