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Lachen über Nazis: Mit Storch und Apfel gegen Neonazis

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Humor gegen rechts Quatsch mit brauner Soße

Hitlers Kopf als faules Ei, Armbinden mit Apfel statt Hakenkreuz: Aktivisten vertrauen auf die Macht des Humors, nehmen Rechtsextremisten auf die Schippe. Wissenschaftler halten das für effektiv - warnen aber davor, die Wirkung der Witze zu überschätzen.

Hamburg - Sie rufen "Heil Boskoop!", "Südfrüchte raus!" und skandieren: "Was gibt der deutschen Jugend Kraft? Apfelsaft! Apfelsaft!" Sie bezeichnen sich als "einzige wahre nationale Kraft", marschieren in schwarzer Kleidung durch die Straßen und tragen rote Armbinden mit ihrem Symbol: schwarzer Apfel vor weißem Hintergrund. Ihr zentrales Anliegen ist die "Reinhaltung des deutschen Obstes".

Sie nennen sich Front Deutscher Äpfel , unfreiwilliger Namenspatron ist der NPD-Politiker Holger Apfel. Mit ihrer Satire nehmen die Aktivisten der Apfelfront rechtsextreme Parteien auf die Schippe - Humor als Mittel gegen Rechts.

2010 gab es in Deutschland 15.905 Straftaten mit rechtsextremem Hintergrund. Wer gegensteuern will, muss Interesse wecken. "Gerade junge Leute kann man für Politik sehr gut über Humor und Satire gewinnen", sagt Mathias Brodkorb. Der SPD-Landtagsabgeordnete in Mecklenburg-Vorpommern engagiert sich bei Endstation Rechts. Das Projekt vertreibt Kleidung des Labels Storch Heinar , eine Persiflage auf die in der rechten Szene beliebte Marke Thor Steinar. Auf Storchen-Shirts wird beispielsweise aus Hitlers Kopf ein "faules Ei".

Ganz gleich ob die obstlastige Satire der Apfelfront oder die Kleidungspersiflage von Storch Heinar: Humor hilft, die Rechten zu bekämpfen - und der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten.

Humor gegen Propaganda

Genau das tut Kabarettist Gerd Dudenhöffer mit seiner Figur Heinz Becker. Der saarländische Kleinbürger plappert rechte Parolen nach, verdächtigt beim vermeintlichen Diebstahl eines Geldscheins "Ausländer und Asylbewerber", ausländische Kollegen sind für ihn vor allem eines: zu häufig krank.

"Heinz Becker ist eine Kunstfigur, aber sehr nahe an der Realität, dort würde er nicht auffallen", sagt Dudenhöffer. Mit Beckers rechtslastigen Sprüchen will der Kabarettist zeigen, wie leicht sich manche Personen von Nazi-Parolen vereinnahmen lassen. Schema: "Endlich sagt es mal einer." Der Spießbürger Becker offenbare mit seinen Aussagen die Verlogenheit der Gesellschaft im Umgang mit rechten Positionen, meint der Kabarettist Dudenhöffer.

"Mit Satire erreicht man Leute, die sich ansonsten nicht für Rechtsextremismus interessieren", sagt Armin Pfahl-Traughber. Er ist Professor an der FH des Bundes für öffentliche Verwaltung und forscht seit 20 Jahren zum Thema. Martin Dietzsch, der am Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung rechtsextreme Quellen wie Flugblätter oder Pamphlete analysiert, stimmt zu: Braune Propaganda ziele häufig auf den Bauch und nicht auf den Kopf der Leute ab. "Man kann intellektuell mit Humor dagegenhalten."

"Türen raus" statt "Türken raus"

Oft müssen sich Nazi-Gegner ihren Spott nicht einmal ausdenken, die Rechten liefern Material: NPD-Abgeordnete im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern sprechen vom Philosophen "Decartess" (René Descartes) und vom Dichter "Franz Grillpanzer" (Grillparzer). Und Neonazis, die sich als Bewahrer der deutschen Sprache geben, stolpern über ihre Rechtschreibung. Dann steht auf Plakaten "Nationaler Wiederstand" und auf Wänden "Türen raus" statt "Türken raus".

Wer sich darüber lustig macht, trifft einen wunden Punkt. "Dass sich die Nazis darüber aufregen, ist ein Indiz, dass es funktioniert", sagt Forscher Dietzsch. Mehrdeutigkeit, Selbstironie - "Nazis hassen so einen Humor", er sei in ihren Augen "jüdischer Witz". Aktivist Brodkorb sagt: "Wir begegnen den Rechten auf eine Weise, die sie nicht gewohnt sind. Wenn man einen Nazi anschreit, hat man verloren, weil er immer lauter schreien kann. Aber wie sollen sie auf Satire reagieren, die sagt, wir nehmen euch nicht mal ernst?"

Wenn es allerdings dumm läuft, nimmt die Öffentlichkeit die Satire allzu ernst und kann nicht zwischen Parodie und Parodierten unterscheiden. "Das passiert immer wieder, damit muss ich als Kabarettist rechnen", sagt Dudenhöffer. "Da merkt man den geistigen Zustand der Gesellschaft." Er erwarte vom Publikum, dass es mitdenke. "Dann ist es auch erlaubt, über Nazis zu lachen."

Satire kann nicht bekehren, aber entspannen

Selbst wenn keine Missverständnisse aufkommen - "sich im Kampf gegen Rechtsextremismus nur auf Humor zu konzentrieren, hielte ich für völlig daneben", sagt Pfahl-Traughber. "Wir haben in Deutschland zwar die glückliche Lage, dass viele Rechtsextreme intellektuell unterbelichtet sind." Abwinken nach dem Motto "Das sind doch alles nur Deppen" sei aber gefährlich. "Es gibt auch Leute, die Ausländer totschlagen, auch wenn sie Hitler mit 'ie' schreiben."

Zudem sieht Pfahl-Traughber die Gefahr, mit Satire unbeabsichtigt zu verharmlosen oder Gefühle von Nazi-Opfern zu verletzen. "Wir lachen über die Täter, nicht über die Opfer", betont Aktivist Brodkorb.

Man kann von Satire und Witzen nicht verlangen, Leute zu bekehren. Das zeigte sich schon während der NS-Herrschaft. "Im 'Dritten Reich' waren Anti-Nazi-Witze unglaublich weit verbreitet, aber trotzdem haben Leute bis zuletzt gekämpft", sagt Rudolph Herzog, Autor des Buches "Heil Hitler, das Schwein ist tot!".

Eines kann Humor aber im besten Fall leisten: die Situation entspannen. "Bei Auseinandersetzungen mit Rechtsextremen werden Antifaschisten manchmal gewalttätig, fanatisch", sagt Aktivist Brodkorb. "Satire zeigt, dass man nicht dieselben Mittel anwenden will wie der Gegner."

Und manchmal kann man mit einem Scherz auch einfach Frust abbauen. Das klappte schon im "Dritten Reich". Dort erzählte man sich folgenden Witz: Hitler und Göring stehen auf einem Hochhaus. Hitler: "Ich möchte den Deutschen eine Freude machen." Göring: "Dann spring doch runter!"