Welpenboom in der Coronazeit Landen frisch angeschaffte Hunde und Katzen jetzt massenhaft im Tierheim?

In der Pandemie holten sich viele Deutsche einen Hund oder eine Katze ins Haus. In vielen Fällen war das unüberlegt, Experten hatten davor gewarnt. Nun berichten Tierheime von überforderten Haltern – und anderen Problemen.
Interviews von Birte Bredow
Hunde im Dortmunder Tierheim (Symbolbild)

Hunde im Dortmunder Tierheim (Symbolbild)

Foto: imago images / Oliver Schaper

Ein Golden Retriever gegen die Einsamkeit, eine Katze für die Kinder: Als im vergangenen Jahr das öffentliche Leben heruntergefahren und die privaten Kontakte eingeschränkt wurden, schafften sich viele Menschen einen vierbeinigen Mitbewohner an.

2020 wurden nach Angaben des Verbandes für das Deutsche Hundewesen (VDH) im Vergleich zu den Vorjahren 20 Prozent mehr Hunde gekauft. Insgesamt legten sich die Deutschen im vergangenen Jahr etwa eine Million Haustiere zu.

Nicht immer war das eine gute Idee. Tierschützer warnten schon früh vor unüberlegten Spontankäufen . Ihre Befürchtung: Wenn die Normalität zurückkehrt, die Menschen wieder ihre Freunde und Freundinnen treffen können oder ins Büro müssen, landen viele dieser »Corona-Welpen« im Tierheim. Wie sieht es nun, rund eineinhalb Jahre nach dem ersten Shutdown, aus? Der SPIEGEL hat nachgefragt.

Sabine Petersen, Tierheim Kiel: »Innerhalb weniger Wochen hat sich der Bestand verdoppelt«

Sabine Petersen mit ihrer Hündin Lucy, die sie aus dem Tierheim Kiel übernommen hat

Sabine Petersen mit ihrer Hündin Lucy, die sie aus dem Tierheim Kiel übernommen hat

Foto: privat

SPIEGEL: Nehmen Sie momentan mehr Tiere auf als üblicherweise zu dieser Jahreszeit?

Petersen: Ja. Es rollt eine unglaubliche Anfragewelle auf das Kieler Tierheim zu. Wir hatten im Mai 21 Hunde im Tierheim. Das war wenig, weil in der Coronazeit auch viele Hunde neue Besitzer gefunden haben. Von den vermittelten Hunden sind keine zurückgekommen, weil wir sehr sorgsam geprüft und vermittelt haben. Jetzt haben wir auf einmal 52 Hunde, innerhalb weniger Wochen hat sich der Bestand verdoppelt, so etwas habe ich noch nie erlebt.

SPIEGEL: Woran machen Sie fest, dass das Tiere waren, die während der Corona-Lockdowns unüberlegt angeschafft wurden?

Petersen: Das sagt natürlich niemand offen, aber die Tiere sind oft ungefähr ein Jahr alt. Sie kommen in die Pubertät, das ist auch bei Tieren keine leichte Zeit.

SPIEGEL: Unterscheiden sich die Tiere, die Sie jetzt bekommen, von denen in der Zeit vor Corona?

Petersen: Oft handelt es sich um junge Rüden großer Rassen. Wir reden von 30-Kilo-Hunden, die nicht gelernt haben, sitzenzubleiben oder ihr Gegenüber nicht anzuspringen. Es dauert, bis sie die Spielregeln gelernt haben und vermittelbar sind. Das liegt sicher auch daran, dass die Hundeschulen geschlossen waren. Eine zweite große Gruppe sind die Hunde aus dem Auslandstierschutz, die unter falschen Voraussetzungen nach Deutschland geholt wurden. Da war dann ein Tier als Familienhund gedacht, das nie zuvor gelernt hatte, eine Bindung mit einem Menschen einzugehen.

SPIEGEL: Auf welchem Weg landen denn die meisten Tiere bei Ihnen?

Petersen: Am häufigsten möchten Privatpersonen ihr Tier abgeben. Es gibt auch Fundtiere, bei denen wir vermuten, dass sie ausgesetzt wurden. Da Haustiere in Schleswig-Holstein gechippt werden müssen, ist das Aussetzen nicht mehr so verbreitet wie vor zehn Jahren. Schließlich kann man den Halter so zurückverfolgen.

SPIEGEL: Wer kommt denn zu Ihnen?

Petersen: Da war ein älteres Ehepaar, beide über 70, sie hatten sich einen Neufundländermischling angeschafft. Beide waren gesundheitlich eingeschränkt, und dann – Überraschung – ist der Hund zu stürmisch für sie. Sie haben versichert, dass das Tier auf keinen Fall eine unbedachte Corona-Anschaffung war. Mit diesem Standardsatz fangen die Abgabegespräche leider oft an.

SPIEGEL: Wird es noch mehr Abgaben geben, oder haben Sie das Schlimmste jetzt hinter sich?

Petersen: Wir gehen davon aus, dass die Welle noch schlimmer wird. Die Privatvermehrer aus Deutschland, die während der Coronazeit auf den Markt kamen und Tiere züchten, ohne sich an Auflagen zu halten, haben noch Würfe. Irgendwann gibt es für diese Würfe und dann auch für die Elterntiere keine Nachfrage mehr. Die schwierige Zeit kommt erst noch.

Kristina Berchtold, Tierheim München: »Zunehmend auch schwierige, verhaltensauffällige Hunde«

Kristina Berchtold mit Hündin Luna

Kristina Berchtold mit Hündin Luna

Foto: Tierschutzverein München

SPIEGEL: Nehmen Sie momentan mehr Tiere auf als üblicherweise zu dieser Jahreszeit?

Berchtold: Es sind einige Tiere mehr als sonst in der Ferienzeit. Bei ungefähr einem Viertel unserer knapp hundert Hunde vermuten wir, dass es Coronahunde sind.

SPIEGEL: Unterscheiden sich die Tiere, die Sie jetzt bekommen, von denen in der Zeit vor Corona?

Berchtold: Wir haben einerseits einige wenige junge, relativ unkomplizierte Tiere mehr, die verhältnismäßig leicht zu vermitteln sind. Aber schon vor Corona bekamen wir auch zunehmend schwierige, verhaltensauffällige Hunde. Immer mehr Menschen schaffen sich etwa unüberlegt große Herdenschutzhunde an. Diese Tiere brauchen eine Aufgabe, viel Platz und erfahrene Halter.

SPIEGEL: Was würden Sie jemandem raten, der mit seinem Tier überfordert ist?

Berchtold: Tiertrainer können oft helfen. Manchmal hilft es, eine zweite Katze anzuschaffen, die für Beschäftigung sorgt. Wenn der Hund allerdings trotz Training gar nicht mit dem Kleinkind klarkommt oder ein Familienmitglied eine schwere Allergie entwickelt, kann die Abgabe die beste Lösung sein. Wir würden uns aber wünschen, dass diese Menschen erst selbst versuchen, neue Besitzer zu finden.

SPIEGEL: Wie viele Menschen wollen denn jetzt Tiere aufnehmen?

Berchtold: Die Nachfrage ist im Sommer immer geringer. Die Leute fahren lieber erst in den Urlaub, bevor sie sich mit dem Thema beschäftigen. Im letzten Jahr war das anders. Da hat das Telefon den ganzen Tag geklingelt. Die Leute haben immer gezielt nach Welpen gefragt. Andere wollten wissen, ob wir Hunde für abends ausleihen, weil Gassigehen von den Ausgangsbeschränkungen ausgenommen war.

SPIEGEL: Wird es noch mehr Abgaben geben, oder haben Sie das Schlimmste jetzt hinter sich?

Berchtold: Wir befürchten, dass noch mehr Tiere kommen, wenn die Pandemie wirklich vorbei ist, also alle Beschränkungen aufgehoben sind und die Leute weniger aus dem Homeoffice arbeiten.

Benjamin Pasternak, Tierheim Oekoven: »Wir mussten schon mehrmals die Polizei rufen«

Benjamin Pasternak mit Chicca, einer American-Staffordshire-Terrier-Hündin

Benjamin Pasternak mit Chicca, einer American-Staffordshire-Terrier-Hündin

Foto: Sarah Pasternak

SPIEGEL: Nehmen Sie momentan mehr Tiere auf als üblicherweise zu dieser Jahreszeit?

Pasternak: Aktuell noch nicht.

SPIEGEL: Merken Sie andere Auswirkungen der Coronapandemie?

Pasternak: In der Anfangsphase war die Nachfrage nach Tieren massiv. Die konnte – zumindest auf legalem Weg – gar nicht befriedigt werden. Als wir wegen des Lockdowns schließen mussten, wollten Menschen hier einbrechen. Viele haben eine verquere Sichtweise entwickelt. Sie sagen: Ich brauche jetzt ein Haustier, ihr müsst mir eins verkaufen. Wenn wir das nicht tun – weil wir ein entsprechendes Tier nicht haben oder die Leute nicht als Halter geeignet sind – machen sie Randale. Wir mussten schon mehrmals die Polizei rufen, weil wir die Leute sonst nicht vom Grundstück bekommen hätten.

SPIEGEL: Haben Sie mit dem illegalen Welpenhandel zu tun?

Pasternak: Direkt nur selten. Das Rheinland ist weit weg von den osteuropäischen Ländern, die dafür bekannt sind. Wir haben aber oft mit Leuten zu tun, die sich aus solchen Quellen einen Hund beschafft haben. Beim Tierarzt fällt dann auf, dass der Hund nicht gegen Tollwut geimpft ist. Der Welpe wird einkassiert und kommt bei uns in Quarantäne. Solche Fälle haben wir fünf- bis sechsmal im Monat – vor Corona höchstens einmal. Für die kleinen Welpen ist das schlimm, über Wochen in Einzelquarantäne zu sitzen. Und für die Besitzer wird es teuer. Pflege und Versorgung im Tierheim plus Tierarzt kosten im Schnitt etwa 1000 Euro. Dazu kommt das Bußgeld des Veterinär- und Ordnungsamtes wegen Einfuhr eines Welpen ohne Impfschutz.

SPIEGEL: Bezahlen die Leute das oder bleiben viele dieser Welpen bei Ihnen hängen?

Pasternak: In den meisten Fällen holen sie den Welpen ab. Oft handeln die Leute wirklich aus Unwissenheit. Da müsste viel mehr Aufklärungsarbeit gemacht werden.

SPIEGEL: Schildern Sie doch bitte ein Beispiel einer unüberlegten Anschaffung.

Pasternak: Es gab eine Familie mit zwei Kindern hier bei uns aus der Region, die haben einen Hund in Magdeburg gekauft. Die neuen Besitzer wunderten sich, dass der Hund die ganze Fahrt und auch zu Hause geschlafen hat. Am nächsten Morgen kam er an den Frühstückstisch und hat einem Kind ohne Vorwarnung ins Gesicht gebissen. Die Vorbesitzer hatten das Tier sediert und verschwiegen, dass der Hund schon mehrfach auffällig geworden war.

Gaby Schwab, Tierheim Bremen: »Der illegale Welpenhandel boomte ohne Ende«

Gaby Schwab

Gaby Schwab

Foto: Picasa / Marco Schwab

SPIEGEL: Nehmen Sie momentan mehr Tiere auf als üblicherweise zu dieser Jahreszeit?

Schwab: Es sind auf jeden Fall 30 bis 40 Prozent mehr. Wir haben fast täglich Anrufe von Leuten, die ihre Hunde und Katzen abgeben wollen. Oft geben die Halter als Grund Allergien an, aber man merkt, wenn sie nicht ehrlich sind. Viele sagen auch, dass sie mit dem Tier überfordert sind, es teurer ist als gedacht oder sie einen neuen Job haben. Wir hatten im Juni und Juli sogar für sechs Wochen einen Aufnahmestopp, weil zu viele Tiere da waren. Das lag vor allem an beschlagnahmten Hunden aus dem illegalen Welpenhandel.

SPIEGEL: Ist solcher Welpenhandel mit Corona schlimmer geworden, oder die Veterinärämter aufmerksamer?

Schwab: Beides. Weil immer mehr Menschen Hunde wollten und bei Tierschutzorganisationen und Züchtern keine bekommen haben, landeten sie bei Ebay-Kleinanzeigen und ähnlichen Anbietern. Das haben diese Vermehrer ausgenutzt, der illegale Welpenhandel hat geboomt ohne Ende. Durch Berichte darüber sind die Veterinärämter und die Bevölkerung aufmerksamer geworden. Ein Fall ist nur aufgeflogen, weil ein Passant gesehen hat, dass ein Hund auf einem Parkplatz gegen Geld seinen Besitzer gewechselt hat.

SPIEGEL: Gibt es weitere Besonderheiten der Coronapandemie?

Schwab: Wir haben sehr viele ausgesetzte Hühner. Als der erste Lockdown kam, wollten viele Menschen spontan Selbstversorger werden. Nach einer Zeit haben sie gemerkt, dass Hühner Arbeit machen, den Garten in eine Kraterlandschaft verwandeln und Hähne morgens sehr früh krähen.

SPIEGEL: Wird es noch mehr Abgaben geben, oder haben Sie das Schlimmste jetzt hinter sich?

Schwab: Es werden sicherlich noch ein paar kommen, aber nicht mehr so extrem wie nach dem Ende des letzten Lockdowns, als alle wieder in den Urlaub fahren wollten.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.