Anja Rützel

Debatte über Hunde Die Kampfschmuser sind los

Ein Hund tötet zwei Menschen - und nun? In der Diskussion über gefährliche Rassen und verantwortungslose Halter kommt eines zu kurz: Wenn wir aufhören, Hunde mit Projektionen zu überfrachten, wäre viel gewonnen.
Der Staffordshire-Terrier-Mischling "Chico"

Der Staffordshire-Terrier-Mischling "Chico"

Foto: Hauke-Christian Dittrich/ dpa

Neulich habe ich in der U-Bahn einen Tumult ausgelöst, weil ich zwei Bullterrier dabei hatte - natürlich ohne Maulkorb. Wie ich ausgerechnet diese Rasse, bekanntermaßen passionierte Totbeißer, mordlustige, kaltblütige Viecher, so seelenruhig präsentiere, sei in höchstem Maße verantwortungslos, geiferte ein vielleicht fünfzigjähriger Mitfahrer. "Totspritzen, alle totspritzen!", gurgelte er noch, als er ausstieg.

Es ist erstaunlich, dass er sich aus dem Stand so erregen konnte: Der Vorfall ereignete sich ein paar Tage, bevor in Hannover der Staffordshire-Terrier-Mischling Chico seine Besitzerin und ihren Sohn tötete, es gab gerade noch keinen aktuellen Anlass, sich über so genannte Kampfhunde zu erregen.

Und meine Bullterrier waren nicht einmal lebendige Tiere, sondern Schuhe in Hundeform, auf deren Fußspitzen eben die charakteristischen Gesichter dieser von mir geliebten Rasse appliziert waren.

Für mich war diese öffentliche Anfeindung neu. Ich besitze zwar neben den Schuhen auch einen leibhaftigen, echten Hund. Aber vor ihm fürchtet sich nur sehr selten jemand. Juri ist ein Straßenfindling aus Ibiza und sieht aus wie ein Fuchs auf Stelzen: Er hat den langbeinigen, schmalen Körper eines Podencos (neben dem Galgo die typische spanische Windhundrasse) und das schnuffbärtige, freundliche Gesicht eines Foxterriers, dazu riesige Fledermausohren.

Juri, Hund der Autorin

Juri, Hund der Autorin

Foto: Anja Rützel

Er fürchtet sich, wenn wir auf der Straße mal eine Katze sehen, und wenn man ihm ein Leckerli gibt, nimmt er es vorsichtig mit Mausezähnchen aus der Hand.

Als mich bei einer Bahnfahrt ein Schaffner mal anwies, ich müsse Juri den Maulkorb anziehen (den ich zwar dabei, meinem Hund aber nicht angelegt hatte), waren meine Mitfahrer empört, obwohl sie Juri gerade mal zwanzig Minuten kannten: Das sei doch so ein niedlicher Hund, völlig harmlos, der tat ja nichts!

In Diskussionen ist Chico kein Hund, sondern eine komplett andere Tierart

Auch nach der Beißattacke in Hannover gilt Juri nicht als verdächtig. Das macht mein tägliches Leben leicht und die Debatte um gefährliche Hunde schwierig - in den Diskussionen scheint es, als sei Chico, der Hund aus Hannover, nicht einfach nur eine andere Rasse, sondern eine komplett andere Tierart.

Chico beim Gassigehen im Tierheim

Chico beim Gassigehen im Tierheim

Foto: imago

Wenn wir bei unseren Spaziergängen in der Stadt in unangenehme oder manchmal auch heikle Situationen mit einem fremden Hund geraten, ist das meistens kein so genannter Listenhund. Das mag auch an der Gegend liegen, in der ich in Berlin wohne - es gibt hier nur sehr wenige Hunde, die in diese Kategorie fallen, und die werden fast ausnahmslos an der Leine geführt.

Es sind die frei laufenden Labradore, Riesenschnauzer und Dobermänner, die auf meinen Hund zustürzen und ihn bedrängen, er kann dann nicht ausweichen, weil er eben an der Leine ist, obwohl ihm dieser Kontakt oft unangenehm ist.

Neulich wurde Juri in so einer Situation gebissen. Ich hatte Händeleien mit dem anderen Hundebesitzer - der mir erklärte, es sei kein Problem, dass sein Hund frei laufe, obwohl er nicht gehorche und eben manchmal auch "zwicke", denn es sei ja ein Labrador und kein Listenhund.

Der Missbrauch eines Hundes fängt vor falscher Erziehung und Haltung an

Das Problem ist nie der Hund, sondern der Mensch, heißt es auch nach dem Fall in Hannover wieder, und natürlich stimmt das. Es ist der Mensch, der den Hund prägt und mit seinem Verhalten bestimmt, wie er die Welt sieht. Für mich ist ein Hund der stabilste Fonds der Welt: Was man in ihn investiert, bekommt man mit Zinsen zurück, im Guten, aber mitunter auch im Schlechten.

Die meiste Zeit seines Lebens soll Chico bei seiner Besitzerin in einem Zimmerzwinger zugebracht haben. Ich hoffe, dass rekonstruiert werden kann, was ihn am Ende zubeißen ließ. Und ich hoffe, dass Chico weiterleben kann, weil es Möglichkeiten gibt, ihm zu helfen.

Aber der Missbrauch eines Hundes fängt für mich schon vor der falschgelaufenen Erziehung und desaströsen Haltung an: Bei all den Zuschreibungen und Projektionen, die der Mensch auf seinen Hund ablädt. Vor ein paar Monaten traf ich mit meinem Hund auf einem ausgewiesenen, eingezäunten Hundeauslaufplatz einen blaugrauen Staffordshire-Terrier, ungefähr ein Jahr alt, er kam freundlich herangesprungen und wollte spielen.

Mein Hund wurde von den Tierschützern, die ihn damals auf Ibiza von der Straße sammelten, sehr früh kastriert, wie es im Tierschutz üblich war. Juri war damals erst wenige Monate alt, darum ist er auch mit fast vier Jahren ein Riesenbaby geblieben, das nur höchst selten Dominanzverhalten zeigt - nun aber unbedingt den Staff besteigen wollte, um ihm zu zeigen, wer hier auf dem Hundeplatz der Stärkste war.

"Darf ich mal streicheln?"

Also kletterte der langhaxige dünne Juri rückwärtig auf den kleinen Bulligen, es sah wahnsinnig komisch aus, als die beiden sich in dieser Position vorwärtsbewegten, ein bisschen, als wollten sie eine Polonaise starten. Ich lachte, und die Besitzerin des Staffordshire rastete aus. Anscheinend hatte ihre Gefährlichkeitsaura Dellen bekommen, weil mein Hund ihren dominiert hatte. Diese Aura hatte sie aber nur aufbauen können, weil ihr Hund eben als besonders gefährlich angesehen wurde.

Unsere Hunde hatten sich längst wieder voneinander gelöst, da brüllte sie noch, wie ihr Hund meinem gleich die Rippchen durchknacksen würde. Ich ging sofort, es tat mir leid um unseren schönen Auslauf, aber noch mehr für den fremden Hund. Es stimmte ja wirklich: Er wollte nur spielen, noch.

Es ist völlig klar, welche Defizite seiner Besitzerin der arme Hund ausgleichen soll. Aber es gibt auch genau umgedrehte Projektionen, die ebenso gefährlich sind. Gestern las ich das Posting einer Facebookfreundin, die einen Staffordshire-Terrier hat und die schrieb, dass nach Chicos Angriff in Hannover plötzlich dauernd fremde Menschen ihren Hund anfassen wollten. Noch nie habe sie so viele "Darf ich mal streicheln?"-Anfragen bekommen wie in den vergangenen Tagen. Die "Kampfschmuserfraktion" sei los, schrieb sie, die alle Listenhunde pauschal heilig sprechen möchte.

Diese naiven Tätschler machen im Prinzip dasselbe wie die Frau auf dem Hundeplatz: Sie missbrauchen einen Hund für ihr Selbstbild und ihre Außenwirkung, sie machen ihn zu einem Instrument - nur mit dem Unterschied, dass die Demonstrativstreichler damit nicht besonders gefährlich wirken. Sie wollen sich als besonders liberal und tierfreundlich zeigen  oder ihre Hundeexpertise betonen.

Es gibt die verrücktesten Dinge, die Menschen durch ihren Hund ausdrücken wollen: Ich habe mal einen Besitzer getroffen, der mir glaubhaft versicherte, einen Portugiesischen Wasserhund angeschafft zu haben, um damit ein politisches Statement zu setzen - Barack Obama hatte sich schließlich zwei Exemplare dieser Rasse ins Weiße Haus geholt.

Ich bin selbst nicht frei von solchen Anwandlungen. Selbstverständlich fühle ich mich auch selbst wie ein besserer Mensch, weil ich einen Straßenhund adoptiert habe, statt ein Tier teuer vom Züchter zu kaufen, um ein ästhetisches oder statushechelndes Bedürfnis zu befriedigen.

Im Buch "Manifest für Gefährten" der Zoologie-Philosophin Donna Haraway las ich den Gedanken, der anstrengendste Job für einen Hund sei nicht Herdenschützer, Lawinenbuddler oder Sprengstoffschnüffler. Sondern der, ein ganz normales Haustier zu sein: Jeden Tag erspüren zu müssen, welche emotionalen Erwartungen sein Besitzer an ihn hat, was er für ihn repräsentieren, welche Defizite er abdecken soll.

Den Hund freizubuddeln unter all den Überfrachtungen und Zuschreibungen, mit denen ihn der Mensch belastet, den Hund einfach Hund sein zu lassen - das würde nicht nur den Bullterriern helfen. Sondern auch den Labradoren.

Im Video: Hundepsychologie - Kontrollverlust am anderen Ende der Leine

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