Identitätsschock "Du bist das Kind eines Samenspenders"

Stina war 26, als sie es erfuhr: Ihr leiblicher Vater ist ein Samenspender - gebildet, nicht besonders groß, vermutlich Medizinstudent. Die Nachricht war ein Schock, stürzte die junge Frau in eine Identitätskrise. Jetzt zieht sie vor Gericht, um den Mann kennenzulernen, dem sie ihr Leben verdankt.

Von Ulrike Demmer


Hamburg - Nach 26 Jahren bitten die Eltern sie zum Gespräch. Es gehe um "etwas Wichtiges, nichts Schlimmes". Die Atmosphäre an diesem milden Juliabend ist steif, der Vater angespannt. Er kippt noch einen Schnaps, bevor die Mutter den Satz sagt: "Du bist das Kind eines Samenspenders."

26 Jahre, ihr ganzes bisheriges Leben lang, hatte sie geglaubt, ihr Vater sei der Mann ihrer Mutter. Der Mann, der ihr das Schwimmen beigebracht hat, mit dem sie an den Wochenenden lange Fahrradtouren unternahm. Mit ihren braunen Haaren und den braunen Augen sah sie ihm doch sogar ähnlich.

"Es war, als würde mir der Boden unter den Füßen weggezogen", sagt sie heute, zwei Jahre später. Fremd im eigenen Körper fühle sie sich seitdem.

Die junge Frau sitzt im Nadelstreifenkostüm mit Perlenohrringen vor einer Tasse Tee und berichtet nüchtern, fast geschäftsmäßig von diesem Abend und klingt dabei, als spräche sie von einer anderen Frau.

Stina, wie sie genannt werden will, hat sich in die hinterste Ecke des Cafés zurückgezogen. Niemand soll mitbekommen, worüber sie jetzt spricht. Die junge Frau steigt gerade in den Beruf ein, ist politisch engagiert. Sie will ihr Leben schützen vor der Geschichte von Stina und dem Samenspender.

Anfangs war sie verzweifelt. In der Uni-Bibliothek liefen ihr unvermittelt Tränen über das Gesicht. Noch heute steht sie oft vor dem Spiegel und fragt sich, ob das Grübchen am Kinn oder die vollen Lippen wohl von ihm sind, und ob sie ihre Leidenschaft für Lakritz oder ihr soziales Engagement den Genen des Samenspenders verdankt.

Stina ist aus einem "technischen Prozess" entstanden, wie sie es nennt. Ärzte haben ihrer Mutter fremden Samen injiziert, weil ihr Vater nach einer Hodenerkrankung unfruchtbar war. Ihr leiblicher Vater ist ein unbekannter Mann, der im Spätherbst 1979 in der Essener Frauenklinik in ein Plastikdöschen ejakuliert hat. Ein Medizinstudent sei es vermutlich gewesen, intelligent, gebildet und gesund und nicht so groß, sagt ihre Mutter. Mehr weiß auch sie nicht.

Angst vor dem Sperma-Notstand

Seit 1970 wurden in Deutschland rund 100.000 Kinder mit Hilfe einer Samenspende gezeugt. Anders als bei einer Adoption müssen die Eltern keine Behördengänge auf sich nehmen. Auch eine psychologische Beratung ist nicht vorgesehen. Weil Eltern, Arzt und Spender lieber schweigen, werden etwa 90 Prozent der Kinder von ihrer Herkunft nie erfahren. Die aufgeklärten Kinder hingegen, so lehrt die Erfahrung, wollen den Samenspender unbedingt kennen lernen. "Ein einziges Treffen würde mir schon reichen", sagt Stina, "zur Not auch ein Foto, oder ein kurzer E-Mail-Kontakt." Sie möchte nur wissen, was sie von ihm geerbt hat und woher sie kommt.

Stina hat an die Uniklinik in Essen geschrieben. Doch der Arzt von damals sagt, die Unterlagen seien ordnungsgemäß nach zehn Jahren vernichtet worden.

Stina fühlt sich betrogen.

Von ihren Eltern, weil sie ihre Herkunft so lange verheimlicht haben. Aber mehr noch ärgert sie die gezielte Desinformation der Ärzte. "Die verschweigen den Paaren und dem Spender, dass das Kind ein Recht auf Kenntnis der genetischen Abstammung hat", sagt Stina. In der Tat hat das Bundesverfassungsgericht 1989 so entschieden.

Stina könnte die Vaterschaft ihres sozialen Vaters anfechten und stattdessen die des Samenspenders feststellen lassen - der wäre damit sogar unterhaltspflichtig, und sie könnte ihn beerben. Sind die Unterlagen vernichtet, wie in ihrem Fall, müsste der Arzt einspringen. Aber Stina will nichts anfechten, sie will kein Geld, sie sucht auch keinen neuen Vater, sondern ihre Identität.

Studien über Adoptivkinder haben gezeigt, wie wichtig die Kenntnis des eigenen Ursprungs für die Entwicklung des Menschen ist. In der Schweiz und in England ist deshalb die anonyme Samenspende längst verboten. Doch in Deutschland sagen die Ärzte, es drohe ein Spender-Notstand.

"Unsinn" sei das, sagt Stina. Was den Spendern fehle, sei Rechtssicherheit. "Wer will denn Samen spenden, wenn ihm Unterhaltszahlungen drohen?" Deshalb hat sie die Klinik auf Herausgabe der Akten verklagt.

Auch wenn die Unterlagen tatsächlich verschwunden sein sollten, will sie einen Prozess durchfechten. Damit die Samenspenderkinder mit ihren Problemen nicht länger sich selber überlassen bleiben.


"Geschäft mit der Hoffnung": Lesen Sie in der Titelgeschichte der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL, warum Hunderttausende Paare in Deutschland ungewollt kinderlos bleiben, sich von den Ärzten ausgenommen und von der Politik im Stich gelassen fühlen.



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