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28. April 2019, 19:05 Uhr

Kampf gegen illegale Autorennen

"Die Sucht ist größer als die Vernunft"

Aus Brilon berichtet Christian Parth

Wie kriegt man Speed-Junkies von der Straße? Ein Rennveranstalter will illegale Raser für eine sichere Alternative begeistern. Ein Besuch auf der Strecke.

Beim Start schaltet Matthias* das ESP aus und legt den Sportgang ein. Dann drückt er das Gaspedal. Der Motor jault bei 4000 Umdrehungen, 430 PS brüllen unter der Haube seines unscheinbaren, weißen Golf 7 R. Feine Düsen spritzen ein Wasser-Methanol-Gemisch in den Ansaugtrakt, um die Zwei-Liter-Maschine vor Überhitzung zu bewahren. Dann leuchtet die grüne Lampe.

Der Ingenieur aus Heinsberg lässt die Kupplung kommen, die Beschleunigung drückt ihn in den Sitz, sein Handy fliegt von der Magnethalterung zwischen die beiden Vordersitze. Im Rückspiegel, schon weit entfernt, sieht er seinen Kontrahenten, einen silbernen Audi A4 Avant. Der ist ohne Chance.

Am Spiegel baumelt ein duftender Wunderbaum-Messias mit Aufschrift: "Jesus loves you anyway". 11,542 Sekunden braucht der 33-Jährige für die Viertelmeile. Er lächelt zufrieden. Schneller ist in seiner Kategorie heute keiner.

Es riecht nach verbranntem Gummi

Am kleinen Sportflughafen in der Nähe von Brilon hat die "European Fun Race", kurz EFR Germany, die Rennsaison eröffnet. Wie ein grauer Strich zieht sich die Start- und Landebahn durch die frühlingsgrünen Wiesen auf der sauerländischen Hochebene. Schon aus der Ferne ist das Röhren der Motoren und das Knallen der Fehlzündungen zu hören, qualmende Reifen hüllen den Startbereich in Nebel, es riecht nach verbranntem Gummi.

Etwa 150 Hobby-Rennfahrer sind mit ihren Autos und Motorrädern gekommen, um sich beim Viertelmeilen-Beschleunigungsrennen zu messen. Gefahren wird immer im Duell, die Paarungen ergeben sich zufällig. 18 Klassen werden unterschieden, von der 1,6- bis zu 7,4-Liter-Maschine.

Nico Klassen hat das EFR-Germany 2006 ins Leben gerufen. "Das Ziel ist es, illegale Raser von der Straße zu holen", sagt er. Er selbst war bis Ende der Neunziger in der Szene, zuerst als Zuschauer, dann als Teilnehmer.

Wie ein Rausch sei das gewesen, sagt der 39-jährige Kfz-Mechaniker. Mit der Zeit sei der Thrill der Beschleunigung, das Verlangen nach Adrenalin, die Anerkennung durch die anderen Raser zur Sucht geworden. "Fast allen in der Szene ist bewusst, dass es gefährlich ist. Aber da ist dieser Suchtdruck. Du willst es haben und dann gehst du über Leichen."

Im Sommer 1998 machte Klassen Schluss mit der Raserei. Ein Kumpel hatte sich im westfälischen Hamm mit seinem Motorrad bei einem illegalen Rennen totgefahren. Nie werde er diesen dumpfen Knall vergessen. Wie ein Schneeball, den man mit Wucht gegen ein Verkehrsschild wirft. Schockiert habe er neben der Blutlache gestanden und sich gefragt: "Was mache ich hier eigentlich?"

Dann habe er sein Konzept entwickelt. "Raser abholen - statt abschrecken!", heißt sein Projekt. Bei den Rennen würde die problematische Gruppe der überwiegend jungen "Möchtegern-Rennfahrer" einen sicheren und legalen Weg finden, ihr Hobby zu betreiben.

"Wir alle hatten Glück"

In der ganzen Welt hatte sich Klassen umgeschaut und habe ähnliche Projekte in den USA, Großbritannien, Russland und den arabischen Ländern gefunden. "Dort hat man es geschafft, durch regelmäßige Rennveranstaltungen die Szene von der Straße zu halten oder örtlich sogar ganz zu zerschlagen", sagt Klassen. "In Deutschland aber zeigt man kaum Interesse." Gerade mal vier Rennen kann Klassen im Jahr veranstalten.

Die Zahl der illegalen Straßenrennen ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Im Jahr 2017 zählte allein die NRW-Landesregierung 335 Rennen mit 32 Unfällen, einer davon tödlich. Vergangenes Jahr waren es 474 Rennen, bei denen es 70 Mal krachte, drei Menschen kamen ums Leben. Vergangene Woche starb bei einem Unfall in Moers eine 43-Jährige, die unbeteiligt in ein mutmaßlich illegales Autorennen geraten war. Die Fahrer sind flüchtig.

Die Statistik spiegle die Realität nicht annähernd wider, sagt Christian Bell. "Wenn man die Zahl der Rennen mal fünf rechnet, kommt es vielleicht hin." Bell sitzt mit seiner Familie an einem Biertisch in einem grünen Zelt-Pavillon, den er auf der Briloner Flughafenwiese aufgestellt hat. Er trinkt Kaffee und zieht an einer Zigarette.

Am Freitagabend ist er mit seinen beiden Söhnen, der Schwiegertochter und einem hochgetunten Corsa A angereist. 25 Jahre sei der Lkw-Fahrer in seiner Heimatstadt Duisburg und im gesamten Ruhrgebiet illegale Rennen gefahren, später sogar mit den Söhnen zusammen. Manta, Kadett, Corsa, Escort, Mercedes 190, alle umgebaut und mit ordentlich PS unter der Haube.

"Es ist eine Sucht", sagt auch Bell. Er erzählt, wie er damals noch freitagabends zu Hause saß und es in ihm kribbelte. Dann sei er raus auf die Straße, um sich Befriedigung zu verschaffen. Sohn Jascha nickt. "Man fährt los und sucht jemanden, der sich provozieren lässt", sagt der 25-Jährige. "Wenn ich mit einem Corsa B einen 500.000-Euro-Wagen versägt habe, habe ich mich toll gefühlt." Passiert sei nie etwas, sagt Vater Christian. "Wir alle hatten Glück." 2016 hat die Duisburger Familie gemeinsam beschlossen auszusteigen - auch wegen der Alternative, die Klassen ihnen biete.

Rasen als Ausdruck einer Suchterkrankung, das lassen die Behörden nicht gelten. Straßen seien "keine Rennstrecken und keine Schauplätze für Selbstinszenierung. Hier gelten Regeln und Rücksichtnahme", sagt NRW-Innenminister Herbert Reul auf Anfrage des SPIEGEL. "Wer das nicht respektiert, dem müssen Konsequenzen aufgezeigt werden."

"Der Paragraf ist einem Raser scheißegal"

Der Staat setzt auf Abschreckung. Nach der Häufung tödlicher Unfälle durch illegale Autorennen hat die Bundesregierung im Oktober 2017 das Gesetz verschärft. Rasen ist seitdem keine Ordnungswidrigkeit mehr, sondern eine Straftat: Nach Paragraf 315d drohen nun bis zu zehn Jahre Gefängnis, Autos können eingezogen werden.

Die Justiz indes ist noch uneins, wie sie mit den neuen Möglichkeiten umgehen soll. Nach dem tödlichen Rennen auf dem Berliner Ku'damm im Februar 2016, bei dem ein Rentner ums Leben kam, wurden die beiden verantwortlichen Raser in einem wegweisenden Prozess wegen Mordes verurteilt.

"Die Strafe ist gerechtfertigt", sagt Ex-Raser Christian Bell. Und doch schüttelt er genervt den Kopf, wenn es um die Gesetzesverschärfung geht. "Der Paragraf ist einem Raser scheißegal", sagt er. "Die Abschreckung ist gleich null. Die Sucht ist größer als die Vernunft." Mit einer Verurteilung hole man ein, zwei Leute von der Straße, durch legale Rennveranstaltungen aber seien es Dutzende. "Wir alle hier stehen hinter Nico und seinem Konzept. Was er macht, ist genau richtig."

Rennveranstalter Klassen hat versucht, Politik und Behörden von seinem Konzept zu überzeugen. Fast ein Dutzend Empfehlungsschreiben von Experten hat er eingeholt. Dennoch ist die Bereitschaft der Politik, mit Steuergeld Ersatzstrecken für suchtkranke Raser herzurichten, gering.

Schon 2015 hatte das NRW-Verkehrsministerium Klassens Konzept geprüft und abgelehnt. Auf Anfrage des SPIEGEL schreibt die Landesregierung, es seien "keine neuen Aspekte für das Vorhaben von Herrn Klassen bekannt, die eine neuerliche Bewertung veranlassen könnten".

*Name ist der Redaktion bekannt

Im Video: Die Sucht nach Adrenalin - Speed-Junkies

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