Mobiles Impfen in Hamburg »Wir gehen wirklich noch den letzten Meter«

Eine Aktionswoche soll Deutschlands Impfkampagne neuen Schwung geben. Hamburg setzt dabei auf mobile Impfteams. Wie gut funktioniert das? Und wer lässt sich jetzt erst impfen?
Eine Videoreportage von Birgit Großekathöfer und Benjamin Braden, Hamburg
DER SPIEGEL

Corona-Impfstoff fast frei Haus: In ganz Deutschland sind mobile Impfteams unterwegs – eine Aktionswoche soll die Quote nach oben treiben. Was bringt die Strategie? Und wer lässt sich jetzt erst impfen?

In Hamburg wurde das zentrale Impfzentrum Ende August geschlossen, die Stadt setzt nun stärker auf mobile Angebote. Heute wird unter anderem im Stadtteil Eimsbüttel das Bürgerhaus für einige Stunden zum Impfzentrum.

Um 13:00 Uhr soll es losgehen – und da ist der Stoff. Das Deutsche Rote Kreuz liefert Johnson & Johnson und Biontech. In der Teeküche zieht Christina Wulf die ersten Spritzen auf. Die Kinderärztin leitet die mobilen Impfteams in ganz Hamburg. Und die haben noch viel zu tun, denn mit 62 Prozent Vollgeimpften liegt Deutschland im europäischen Vergleich nur im Mittelfeld.

Christina Wulf, Leiterin mobile Impfteams
»Es gibt immer noch genug Erwachsene, die nicht geimpft sind, und das ist auf jeden Fall was, wo wir noch versuchen müssen, da ein bisschen gegenzusteuern. Es geht ja nicht nur darum, wie hoch ist mein Risiko. Ich zum Beispiel oder wir alle hier arbeiten ja ganz nah an ungeimpften Menschen. Das heißt, es ist unsere Verantwortung, dass wir uns impfen lassen. Und genau genau so sehe ich das auch für zum Beipsiel Lehrer, für Kita-Personal und natürlich auch für Pflegepersonal und Altenpfleger.«

Eine Impfpflicht gibt es in Deutschland nicht. Die Strategie stattdessen: Die Corona-Impfungen sollen so einfach und bequem sein wie möglich.

Christina Wulf, Leiterin mobile Impfteams
»Du warst im Impfzentrum, oder? Du auch? Okay. Also, es ist ein bisschen anders hier, weil wir keine vorgedruckten Zettel haben. Das heißt, alle müssen immer ihren Namen ausfüllen und auch auf der Impfbescheinigung oben den Namen drauf schreiben. Das ist so der klassische Fehler, dass die Zettel alle ohne Namen zurückgehen. Das ist so das Schwierigste.«

Es ist bereits die zweite Impfaktion im Bürgerhaus, beim letzten Mal kamen mehr als 300 Menschen, heute werden sich sogar 420 Menschen impfen lassen, auch viele Schülerinnen und Schüler.

Ana, Schülerin, 17 Jahre
»Man muss ja immer diese Tests machen, und die, die vollständig geimpft sind, nicht. Und da kommt schon mal so ein: Wieso jetzt noch nicht? Keine Ahnung.«

Pepe, Schüler, 13 Jahre
»Insgesamt hat man mit dem Thema jetzt ein bisschen abgeschlossen, man fühlt sich irgendwie ein bisschen freier. Sonst war immer ein bisschen Druck da, man kann es doch nochmal bekommen und muss in Quarantäne. Und jetzt ist man einfach durch.«

Ein Aufklärungsgespräch auf Arabisch – das Impf-Team ist darauf vorbereitet, dass nicht jeder Impfling gut Deutsch spricht.

Arian Abi-Chokami, Mobiles Impf-Team
»Wir haben heute Arabisch, Farsi, Russisch, wir haben Französisch, Chinesisch, wir haben Spanisch dabei, Englisch natürlich auch.«

Vier Ärztinnen und Ärzte arbeiten heute parallel, niemand muss lange für eine Spitze anstehen. Im Wartebereich für die Geimpften spendiert das Bürgerhaus Getränke und Snacks an.

Ralf Helling, Vorstand Verein Lenzsiedlung e.V.
»Es braucht viel Information, viel Aufklärung, viel Beratung. Insofern ist es ganz gut, dass so ein Impfteam auch zu uns kommt, hier in die Siedlung. Das ist einfach wichtig, um die Leute hier vor Ort zu erreichen. Wir leben ja hier in der Lenzsiedlung, hier leben ungefähr 60 Prozent aus irgendwelchen Ländern dieser Erde mit entsprechend kulturellen Besonderheiten und so weiter. Und da ist es ganz gut, solche Angebote niedrigschwellig zu halten. Bei Covid allemal, weil wir ja wissen, wie unterschiedlich das diskutiert und empfunden wird.«

Nima
»Ich wohne nah hier und deswegen hatte ich keine Zeit zum Arzt zu gehen und mir einen Termin zu holen. Hier war es nah und das ging zügig.«

Bequemer kann man sich kaum impfen lassen. Und das ist auch ein Grund, warum die Menschen ins Bürgerhaus kommen. Es gibt aber auch einen zweiten Grund: Der Druck auf Ungeimpfte steigt.

Eyüpcan Bilgin, Maler
»Ich dachte jetzt eigentlich, wenn 70 Prozent geimpft sind, dann lassen sie uns in Ruhe, aber: Nee. Ich habe gehört, viele Sachen werden eingeschränkt, ne? Ich habe keine Lust mehr, jeden Tag einen Test zu machen, wenn ich essen gehe oder so. Ich habe gehört, es reicht eine Spritze, Johnson & Johnson, jetzt habe ich erstmal keine Probleme.«

Nick Nebel, Student
»Man braucht ja für alles einen Test. Auch für die Uni haben sie gesagt, dass du, wenn du nicht geimpft bist oder genesen bist, musst du jeden Tag einen Test vorweisen. Es ist Faulheit, sage ich einfach mal so. Ich wollte mich jetzt auch mit einem Freund beim Fitnesscenter anmelden, da musst du dich auch jedes Mal vorher testen lassen.«

Ulla Lehsken, Rentnerin
»Eigentlich wollte ich nicht, aber ich möchte im Oktober einen Computerkurs machen. Und ohne geht nicht. Damit meine Enkel nicht immer genervt sind, weil sie mir alles erklären müssen.«

Reporterin
»Wieso wollten Sie sich denn nicht impfen lassen?«

Ulla Lehsken, Rentnerin
»Weil ich grundsätzlich irgendwie, weiß nicht, was dagegen habe. Ich bin nie krank. Ich bin zwar 83, aber gesund. Was soll das Ganze?«

Trotz Impfaktionswoche und vieler anderer kreativer Aktionen - eine Herdenimmunität wird es in Deutschland in diesem Herbst nicht geben.

Christina Wulf, Leiterin mobile Impfteams
»Wir haben uns ein Bein ausgerissen, dass jedem ein Impfangebot gemacht werden kann. Wir fahren ja sogar mit den mobilen Impfteams, wenn der Hausarzt nicht kann, fahren wir sogar in die Wohnung, also wir gehen wirklich noch den letzten Meter, damit wirklich jeder, der das nötig hat, geimpft werden kann. Und es darf auch nicht so sein, dass die, die sich nicht impfen lassen wollen, zahlenmäßig so überwiegen, dass sie uns die Intensivstationen verstopfen, dass wir gar keinen Verkehrsunfall oder Herzinfarkt aufnehmen können.«

Howard Bridges ist Musiker. Der US-Amerikaner hat lange gezögert, sich impfen zu lassen – heute macht er es, unter anderem, weil es mehr und mehr Partys und Konzerte ausschließlich für Geimpfte und Genesene gibt.

Howard Bridges, Musiker
»Ich nenne es Zwang, weil es geht um meine Arbeit auch in Verbindung mit Familie und Reisefreiheit und Gangfreiheit. Ich bin dagegen eigentlich, aber ich springe über meinen Schatten und nehme das Angebot an.«

Kosten wird die Impfung wohl auch in Zukunft nichts. Aber ab Mitte Oktober werden die Corona-Schnelltests kostenpflichtig und immer mehr Regionen setzen auf 2G. Das heißt: noch mehr Druck auf Ungeimpfte und vermutlich noch mehr Arbeit für die mobilen Impfteams.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.