Rettungsaktion mit dem Fahrrad 15-Jährige fährt verletzten Vater heim - durch halb Indien

Jyoti Kumari fuhr ihren verletzten Vater auf dem Rad 1200 Kilometer ins Heimatdorf - nun verschafft die Rettungsaktion der 15-Jährigen möglicherweise eine Sportlerkarriere. Vorerst hat sie jedoch andere Pläne.
Jyoti Kumari mit ihrem Vater

Jyoti Kumari mit ihrem Vater

Foto: ANI/ REUTERS

1200 Kilometer. Auf dem Fahrrad. In einer guten Woche und bei Temperaturen um die 40 Grad. Keine Frage, Jyoti Kumari Paswan ist taff. Doch das indische Mädchen transportierte nicht nur sich selbst mit Muskelkraft durch halb Indien. Sie hatte auch noch ihren verletzten Vater und dessen Tasche auf dem Gepäckträger dabei; auf einem Rad, das sie für umgerechnet 20 Euro gebraucht gekauft hatte.

Jyoti Kumaris Route

Derart bepackt ging es von Gurugram, einem Vorort Neu Delhis, Richtung Osten nach Sirhulli. In dem Dorf im Bundesstaat Bihar lebt die Familie, das einzige soziale Sicherungsnetz, das der Vater hat. Mohan Paswan arbeitete als Rikschafahrer, bevor er bei einem Autounfall verletzt wurde. Das Geld war schon davor knapp. Unterwegs hätten die beiden deshalb wenig Essen gehabt, schreibt die "New York Times" . Mehr als hundert Kilometer am Tag legten sie so zurück. Eine kurze Strecke wurden sie von einem Lastwagen mitgenommen. Zu allem Überfluss sei Jyoti Kumari während der Fahrt auch noch verspottet worden, weil sie als Mädchen in die Pedale trat.

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Der indische Radsportverband hingegen fand das überhaupt nicht lächerlich, ganz im Gegenteil. "Sie hat etwas in sich", sagte Verbandspräsident Onkar Singh der Nachrichtenagentur AFP und lud Kumari ein, sich im Nationalteam zu beweisen. Singh versprach Kumari ein Probetraining in Neu-Delhi, die Anreise werde dieses Mal der Verband organisieren. "Wir haben ihr gesagt, dass wir uns an unseren Akademien auch um die Schulbildung kümmern", sagte Singh. Jyoti Kumari hatte selbst darauf verwiesen, dass sie unbedingt ihre Schulausbildung fortsetzen will, die sie vor einem Jahr abbrechen musste, weil das Geld fehlte.

Millionen Wanderarbeiter auf dem Weg

Jyoti Kumaris Geschichte wirft auch ein Schlaglicht auf die Millionen Wanderarbeiter in Indien. Rikschafahrer, Teeverkäufer, Bauarbeiter: Sie leben von der Hand in den Mund und haben aufgrund der Corona-Maßnahmen nun keine Möglichkeit mehr zum Geldverdienen. Viele machten sich deshalb aus den großen Städten zurück auf in ihre Dörfer, oft mittellos und oft vollkommen entkräftet.

Indische Forscher schätzen, dass bis zu zehn Millionen Menschen unterwegs sind - das wäre die größte Menschenbewegung auf dem Subkontinent seit der Trennung Pakistans von Indien 1947.

Jyoti Kumaris Vater befindet sich seit der Ankunft in Sirhulli in einer Quarantänestation. Sie selbst durfte sich zu Hause isolieren, nachdem ihre Mutter die Dorfältesten überredet hatte. Dort schöpft sie nun neue Kraft. Womöglich für eine Karriere als Profiradsportlerin.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben die Angaben zur Dauer der Fahrt korrigiert.

löw/dpa

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