Indien Frauen betreten Hindutempel und lösen Proteste aus

Seit Kurzem dürfen weibliche Gläubige im gebärfähigen Alter offiziell den Sabarimala-Tempel in Indien betreten. Doch in der Praxis ändert das wenig - das hat sich nun erneut gezeigt.

Polizisten am Sabarimala-Tempel
AFP

Polizisten am Sabarimala-Tempel


Im Süden Indiens sind zwei 42-Jährige in einen Hindutempel gelangt, in dem Frauen im gebärfähigen Alter normalerweise der Zutritt verwehrt wird - obwohl das mittlerweile legal ist. Unter Polizeischutz betraten die beiden am Mittwoch kurz vor Sonnenaufgang heimlich den Sabarimala-Tempel im Bundesstaat Kerala.

Sie verließen das Heiligtum wenig später unentdeckt. Auf Videoaufnahmen war zu sehen, wie die beiden Frauen in schwarzen Gewändern mit gesenkten Köpfen in den Tempel eilen. Sie seien nicht über die "18 heiligen Stufen" zu dem Tempel gelangt, sondern über den Personalzugang, sagten sie anschließend. Ihre Aktion sorgte in mehreren Städten des Landes für heftige Proteste.

Kurz nach Bekanntwerden des Besuchs der beiden Frauen ordnete der oberste Priester die Schließung des Tempels an, um ein "Reinigungsritual" vorzunehmen. Nach einer Stunde wurde er wieder geöffnet.

Jahrelanger Rechtsstreit wegen Zutrittsverbot

Der Sabarimala-Tempel ist einer der heiligsten Tempel der Hindus. Das Oberste Gericht des Landes hatte im vergangenen Herbst nach einem jahrelangen Rechtsstreit das Zutrittsverbot für Frauen zwischen zehn und 50 Jahren aufgehoben. Frauenrechtsaktivistinnen versuchten seither immer wieder vergeblich, zu dem auf einem Berg gelegenen Schrein für den Gott Ayyappan zu gelangen. Sie wurden jedoch stets von konservativen Hindus abgehalten. Dabei kam es bereits im Oktober zu gewaltsamen Zusammenstößen mit der Polizei, mehr als 2000 Menschen wurden festgenommen.

Auch am Mittwoch gab es heftige Proteste gegen die Aktion der Frauen. Vor dem Parlament in Keralas Hauptstadt Thiruvananthapuram lieferten sich gegnerische Gruppierungen gewalttätige Auseinandersetzungen. Die Polizei setzte Tränengas, Wasserwerfer und Blendgranaten gegen die Demonstranten ein. Auch aus anderen Städten des Bundesstaats wurden Proteste gemeldet. Dabei wurden örtlichen Medienberichten zufolge mehrere Polizisten verletzt.

Erzkonservative Hindus kritisierten die Unterstützung der Behörden für die Frauen, die weiter unter Polizeischutz standen. Die linksgerichtete Regierung von Kerala verteidigte dagegen das Vorgehen. Die Polizei sei verpflichtet, jedem zu helfen, der seine Religion in dem Schrein ausüben wolle, teilte sie mit.

Am Dienstag hatten Hunderttausende Frauen eine kilometerlange Menschenkette durch Kerala gebildet, um der Forderung nach Zutritt zum Tempel Nachdruck zu verleihen. Die Nachricht von den beiden Frauen, denen der Zutritt zum Tempel gelang, wurde von der Solidaritätsbewegung begeistert aufgenommen.

Menschenkette in Kochi
AFP

Menschenkette in Kochi

Gegen die Entscheidung des Obersten Gerichts legten zahlreiche konservative Hindu-Bewegungen sowie die hinduistisch-nationalistische Bharatiya Janata Partei (BJP) von Regierungschef Narendra Modi Widerspruch ein. Sie fechten das Urteil mit der Begründung an, es ignoriere die traditionelle Überzeugung, wonach Ayyappan im Zölibat lebte. Für sie gelten menstruierende Frauen als unrein. Für den 22. Januar ist eine Gerichtsanhörung der Urteilsgegner vorgesehen.

bbr/AFP/AP



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