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Frauenrechte in Indien: Gewalt als Alltag

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Gewalt gegen Frauen in Indien "Endlich ist die Nation aufgewacht"

Weibliche Föten werden in Indien zu Tausenden abgetrieben, Mädchen benachteiligt, Gewalt ist an der Tagesordnung. Im Slum Dharavi begehren die Frauen nun auf - gegen eine Unterdrückung, die so alltäglich war, dass sie kaum noch wahrgenommen wurde.
Von Laura Salm und Carl Borromeo

Noch etwas unbeholfen hält Selvi* ihr kleines Mädchen in ihren Armen. Sie zupft das wärmende Deckchen zurecht, streichelt vorsichtig über die dünnen Beinchen ihres Kindes. Nicht einmal einen Monat ist es alt und hat noch keinen Namen. Wenn es nach Selvis Mann ginge, gäbe es das Kind gar nicht. Denn das Letzte was der IT-Ingenieur aus Dharavi, dem Slum im Herzen Mumbais, wollte, war ein Mädchen. Da waren er und seine Mutter sich einig.

Also drängten sie Selvi während ihrer Schwangerschaft zu einer Ultraschalluntersuchung, um das Geschlecht des Kindes festzustellen. Offiziell ist das verboten und doch werden in Indien jedes Jahr Tausende Föten abgetrieben, nur weil sie Mädchen sind. Schon im Mutterleib beginnt der lange Leidensweg von Indiens Frauen.

Die Gesellschaft will Söhne, Stammhalter und Erben. Keine Töchter, für die man teure Mitgift bezahlen muss und die sich im Alter dann doch nur um die Schwiegereltern kümmern. Töchter groß zu ziehen ist wie des Nachbarn Gartens zu wässern, sagt ein indisches Sprichwort.

Doch nun beginnt das Patriarchat zu bröckeln. Nirgends lässt sich das besser beobachten als in Dharavi - Indiens Vielfalt konzentriert auf zwei Quadratkilometer Slum inmitten der Wirtschaftsmetropole Mumbai. Dort leben Aufsteiger und Verlierer, Kastenlose und Brahmanen, einstige Dorfgrößen im Nichts der Megastadt.

Selvi ist in Dharavi aufgewachsen, ihre Tochter wollte sie unbedingt behalten. "Ich habe mich geweigert zum Ultraschall zu gehen", erzählt sie. "Wäre während der Schwangerschaft herausgekommen, dass es ein Mädchen ist, hätte mein Mann und meine Schwiegermutter mich zu einer Abtreibung gezwungen". Selvis Entscheidung erzürnte ihren Mann so sehr, dass er auf ihren schwangeren Bauch einprügelte, sie zu schwerer Arbeit zwang, in der Hoffnung, sie würde ihr Kind verlieren.

Doch Selvi zeigte ihren Mann bei der Polizei an, zog zurück zu ihrer Mutter und suchte Hilfe bei Nayreen Daruwalla.

Die Sozialpsychologin ist Leiterin von Sneha , einer Organisation in Dharavi, die sich gegen Gewalt an Frauen und Kindern einsetzt. Sneha ist dem örtlichen Krankenhaus angegliedert. Daruwalla erzählt, dass die Organisation gegründet wurde, weil man den Frauen einfach nicht mehr glauben wollte, sie hätten sich die ganzen Verletzungen bei der Hausarbeit zugefügt. Die Frauen sollten gegen ihre prügelnden Männer aufbegehren, aussprechen, was in jedem zweiten Haushalt passiert. Sneha  unterstützt sie und hat die Polizei dazu gebracht, gegen die Schläger und Vergewaltiger vorzugehen, anstatt zu argumentieren, die Frauen hätten die Vergewaltigung provoziert.

Ein Mädchen in Dharavi wurde von zwölf Männern vergewaltigt

Vorfälle gab es in Dharavi mehr als genug. Darunter auch solche, die nicht minder brutal waren als jene Vergewaltigung einer 23-Jährigen in Neu-Delhi, die nun die ganze Nation schockiert.

Erst vor zwei Monaten sei ein 18-jähriges Mädchen in Dharavi von zwölf Männern vergewaltigt und zu Tode gequält worden, sagt Daruwalla. Doch ihre Eltern wollten keine Anzeige gegen die Männer erstatten: Ihre Tochter sei ohnehin tot, sie müssten an die Zukunft ihrer anderen Kinder denken, so die Argumentation. Eine solche Denkweise ist der Freibrief für Sadisten und Vergewaltiger, sich an Indiens Frauen zu vergehen - und ungestraft davonzukommen.

"Hinter alldem steckt eine patriarchalische Mentalität", sagt Daruwalla. "Das System erlaubt es den Männern sich zu verhalten, wie es ihnen passt. Wer ein Verbrechen begeht, hat ausreichend Möglichkeiten einer Strafe zu entkommen. Indien ist quasi gesetzlos", so Daruwalla.

Dabei gibt es Gesetze gegen Körperverletzung, Vergewaltigung und der Abtreibung von Mädchen. Doch sie werden nicht angewendet. Richter oder Staatsanwälte werden bestochen, und die Justiz ist träge: Häufig vergehen Jahre, bis es überhaupt zur Verhandlung kommt.

"Eltern wollen ihre Töchter so schnell wie möglich loswerden"

Mädchen werden von Geburt an schlechter behandelt als ihre Brüder. Von klein auf müssen sie arbeiten, bekommen weniger zu essen und nur eine schlechte Ausbildung.

"Bei mir zu Hause war das auch so", erzählt Sunita. Die 25-Jährige lebt zusammen mit ihrem Mann und drei Kindern im zweiten Stock einer Wellblechhütte in einer engen Gasse im finsteren Wirrwarr Dharavis. "Für meinen Bruder wurden neue Kleider gekauft. Ich musste die alten Sachen meiner Mutter tragen. Frauen, die Mädchen bekommen, werden von der Familie, den Nachbarn, der ganzen Gesellschaft immer wieder an ihr Versagen erinnert. Sie lassen dann ihren ganzen Frust an den Töchtern aus".

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Als Sunita 14 war, wollte ihre Mutter sie an einen alten Mann verheiraten. Er war Alkoholiker. Um diesem Schicksal zu entgehen, lief Sunita mit dem Nachbarsjungen weg, der sie immerzu angestarrt hatte. "Ich wusste, dass mich das entehren und mich der alte Mann deshalb nicht mehr heiraten würde", erinnert sie sich und fügt hinzu: "Ich musste dann allerdings auch den Jungen, mit dem ich weggelaufen war, heiraten!" Zumindest hat dieser sie nur selten geschlagen.

Es war ein Akt des frühen Widerstands auf den Sunita heute stolz ist. Als Freiwillige ist sie nun für Sneha  in Dharavi unterwegs. Sie trifft sich mit Frauen, macht ihnen Mut, sich gegen Benachteiligung und Misshandlung zu wehren. Immer mehr von ihnen wagen, ihre Stimme zu erheben.

"Eltern wollen ihre Töchter so schnell wie möglich loswerden", erklärt Nitya, die 36-jährige Nachbarin von Sunita. In Indiens Gesellschaft, mit ihrer rigiden Sexualmoral, seien Töchter nicht nur eine finanzielle Last. Vielmehr hätten Eltern auch Angst, dass ihre Töchter sexuell belästigt werden. Das würde die Ehre der Familie beschmutzen und das Mädchen fände nie im Leben einen Mann, so Nitya. Also verheiratet man die Töchter mit 15 oder 16 Jahren.

"Wir wussten nicht, dass wir nein zu Sex mit unseren Männern sagen können"

Aufklärung gibt es praktisch nicht. "Die Mädchen sind auf das, was die Männer mit ihnen machen, nicht vorbereitet", sagt Nitya. Erst vor kurzem kam eine junge Frau zu Sneha, die Bissmahle auf ihren Geschlechtsteilen hatte. Ihr Mann hatte sie ihr zugefügt. Sie zögerte lange, schämte sich zu sehr, als dass sie Hilfe suchte. Sie dachte, das Beißen sei Teil des Geschlechtsverkehrs.

"Früher wussten wir nicht, dass wir nein zu Sex mit unseren Männern sagen können. Das hat sich dank der Aufklärungsarbeit von vielen Organisationen, die hier in Dharavi arbeiten, geändert", so Nitya. Nun trauen sich auch Frauen untereinander, über ihre Probleme und über Gewalt in der Ehe zu sprechen.

Doch viele Frauen haben Sorge, dass ihr Kampf auf sie zurückfällt. Nitya glaubt daran: "Umso mehr wir für unsere Rechte kämpfen, umso brutaler werden die Männer. Schließlich bedroht unser Erstarken das patriarchale System".

Der öffentliche Aufschrei, den der Fall in Neu-Delhi erzeugt hat, ist von großer Bedeutung. Er nimmt den Schlägern und Vergewaltigern ihre Sicherheit, wirft ein Licht auf ihre verkommene Moral, auf eine korrumpierte Polizei und Justiz.

"Die ganze Nation ist aufgewacht!", sagt Daruwalla, die Leiterin von Sneha.

Selvi, die trotz Prügel ihre Tochter zur Welt brachte, will ihrem Mann das Baby bald zeigen; sie vertraut darauf, dass er weich werden und das Kind annehmen wird. Dann werde sie ihm verzeihen und zu ihm zurückkehren, versichert sie.

"Mein Mann ist unschuldig. Unsere Gesellschaft hat ihn dazu getrieben, sich so zu verhalten", sagt die junge Mutter.

* Name von der Redaktion geändert


Das Pulitzer Center on Crisis Reporting  hat die Autoren bei ihrer Recherche unterstützt.