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Neu-Delhi: Der Kampf der Inderinnen gegen Vergewaltigungen

Foto: ROBERTO SCHMIDT/ AFP

Vergewaltigungen in Indien "Natürlich gehe ich abends nie allein vor die Tür"

Die brutale Vergewaltigung einer Studentin hat Indien verstört, beschämt - nur hat sie das Land auch verändert? Ein Jahr danach feiert die Regierung Fortschritte, doch junge Inderinnen erzählen eine andere Geschichte.

Kann ein einzelnes Verbrechen ein Land verändern? Eine Tat, die niemand gesehen hat, deren Opfer gestorben ist, deren Täter längst zum Tode verurteilt sind? Indien wollte zeigen, dass das möglich ist.

Ein Jahr ist vergangen, seit in Delhi eine junge Frau von sechs Männern vergewaltigt wurde. Die grausamen Details machten aus dem "Delhi Gang Rape" eine weltweite Nachricht, Indien stand am Pranger. Im Land selbst brach ein zorniger Massenprotest los. Gesetze wurden geändert, vier Täter im Schnellverfahren zum Tode verurteilt, so wie es der Volkszorn gefordert hatte.

Das Land schämte sich dafür, wie es seine Frauen behandelt. Indien versprach, sie besser zu schützen. Ein Jahr später rühmt sich die Politik: für den schnellen Prozess, für neue Notrufnummern, neue Polizeieinheiten. Was aber hat sich wirklich geändert für Frauen?

Wer sich mit jungen Inderinnen unterhält, hört Sätze wie diese: "Die Politik interessiert sich nicht für Frauen", sagt die Journalistin Simran Sodhi. Und wenn die Doktorandin Aali Kumar sagt, Indien ändere sich, meint sie etwas ganz anderes als die Politik.

Kumar ist 28 Jahre alt, sie schreibt an ihrer Doktorarbeit über einen indischen Sozialreformer. Sie trägt einen gelben Sari, Henna-Tattoos zieren ihre Unterarme. Ihre Finger- und Fußnägel sind pink lackiert, im Nasenflügel blitzt ein Piercing. Kumar, die aus einer einfachen Landfamilie stammt, studiert an Neu-Delhis liberalster Uni. Ihre Geschichte erzählt von Indiens Wandel und dessen Grenzen. "Natürlich", sagt sie, "gehe ich abends nie allein vor die Tür."

Der Täter prahlt: "Du bist nicht mein erstes Opfer"

In Delhi und anderen indischen Megacitys treffen entwurzelte, einsame Männer vom Land auf unabhängige Frauen mit modernen Jobs, in westlicher Kleidung.

Delhi, 16. Dezember 2012: Sechs Männer aus einem Slum überfallen in einem Bus eine 23 Jahre alte angehende Physiotherapeutin, schlagen ihren Freund bewusstlos. Sie vergewaltigen sie immer wieder, malträtieren sie mit einer Eisenstange, werfen sie am Ende nackt auf die Straße. Zwei Wochen später stirbt sie an ihren inneren Verletzungen.

Aali Kumar sagt: "Zwei Monate haben alle darüber geredet, danach war wieder alles beim Alten."

Mumbai, 22. August 2013: Vier Männer überfallen eine 22-jährige Fotografin eines englischsprachigen Magazins in einer alten Textilfabrik, der Begleiter wird gefesselt. Sie vergewaltigen die Frau dutzendfach, zwingen sie, Szenen aus Pornos nachzuspielen. Einer der Täter prahlt: "Du bist nicht mein erstes Opfer."

Gewalt und Missbrauch gehen oft, wie in anderen Ländern, von Familie und nahem Umfeld aus. Es gibt keine Belege dafür, dass in Indien mehr Vergewaltigungen stattfinden als anderswo. Es schwirren Zahlen umher, doch es gibt nur eine verlässliche Statistik: Die Zahl der Anzeigen ist seit Dezember 2012 rapide gestiegen - in Delhi hat sie sich verdoppelt. Es sind die Gruppenvergewaltigungen, die sich ins kollektive Gedächtnis einprägen.

Das Problem ist: Vergewaltigungen waren lange so alltäglich, dass sich kaum jemand daran störte. Die Täter blieben straffrei, oft galt die Frau als die Schuldige. Auch die Schergen von Mumbai gaben nach ihrer Festnahme zu, dass sie mindestens fünf Mal zusammen Frauen überfallen hatten. Ohne Folgen für sie. Generell galt: In den wenigen Fällen, wo es zu Vergewaltigungsprozessen kam, zogen sich diese über sieben, acht Jahre hin. Das ist nun vorbei.

Das Thema Vergewaltigungen wird Indien nicht los

Fast täglich stehen in den Zeitungen Berichte über grausame Fälle. Manchen wird es zu viel. Ein Satz, den viele Politiker zuletzt sagten, lautet: Vergewaltigungen sind furchtbar, jedoch ein "zivilisatorisches Problem, kein indisches". Die Regierung sieht sich zu Unrecht am Pranger, fürchtet unter anderem, dass Touristen wegbleiben.

Simran Sodhi wird wütend, wenn sie solche Sätze hört. "Als Frau erwarte ich, dass die Politiker Vergewaltigungen stärker zum Thema machen", sagt sie. Bei den Regionalwahlen in Delhi Anfang Dezember war Gewalt gegen Frauen nur ein Randthema. "Das System nimmt die Sorgen der Frauen nicht ernst. Wenn sich wirklich etwas geändert hätte, würde man es doch sehen."

Die Auslandsredakteurin der Zeitung "The Statesman" hat in Washington studiert, in New York gelebt, jetzt ist sie zurück in der indischen Hauptstadt. "Ich kenne keine Frau in Delhi, die sich sicher fühlt, wenn sie in eine Polizeiwache geht."

Als Reporterin ist die 33-Jährige oft allein unterwegs, sie fühlt sich nicht wohl dabei. Es gibt ein neues Gesetz gegen Stalking, aber als Sodhi selbst vorsprach, weil sie obszöne Anrufe erhielt, hat man sie fortgeschickt. Das sei doch nichts Ernstes. Sie ließ nicht locker, nur über Beziehungen schaffte sie es letztlich, dass die Polizei dem Fall doch nachging.

Die Journalistin Sodhi drängt ebenso wie die Doktorandin Aali Kumar darauf, dass sich endlich die Sicherheit im Alltag ändert.

Kumar gibt Kurse für Erstsemestler an der Uni. Gender-Sensibilisierung nennt sie das. Sie begann damit, als die Proteste wieder abgeklungen waren. Mit den Jungen und Mädchen, die gerade erst erwachsen werden, spricht sie über Liebe und Sex, über gute Berührungen und schlechte. "Die sind total verwirrt, sie sprechen zum ersten Mal von diesen Dingen."

Ob es etwas bringt? Aali Kumar zuckt mit den Schultern. Sie sagt: "Irgendwo müssen wir anfangen, uns zu ändern."

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