Indonesische Hausmädchen Sonntags Prinzessin

Sie werden lausig bezahlt, unwürdig behandelt - Hunderttausende junge Frauen aus Indonesien sind Hausangestellte in Hongkong. Fotografin Rebecca Sampson zeigt, wie sie sich in ihrer Freizeit verwandeln.

Rebecca Sampson

Von


Manche von ihnen müssen zwischen Küchentisch und Kühlschrank schlafen, an ihrem einzigen freien Tag den Kindern der Familie Milch ans Bett bringen, und trotzdem bleibt kein Geld übrig, um mal ins Kino zu gehen: Indonesische Hausmädchen in Hongkong werden häufig von Agenturen und ihren Arbeitgebern ausgebeutet. Die Fotografin Rebecca Sampson hat einige dieser Frauen kennengelernt und zeigt sie in ihrem Bildband "Apples for Sale".

Über 300.000 Hausangestellte arbeiten laut dem HKSAR Census and Statistics Departement in Hongkong. Ein Großteil stammt aus Indonesien oder von den Philippinen, sie kommen, weil es nur wenig Verdienstmöglichkeiten im eigenen Land gibt.

In Hongkong angekommen, fängt die Ausbeutung schon bei der Vermittlung über private Agenturen an. Diese behalten laut Sampson bis zu einem Drittel des Jahreseinkommens der Hausmädchen als Vermittlungsgebühr ein - und manchmal sogar illegal ihre Ausweisdokumente, bis die Schulden beglichen sind. Außerdem informieren sie die Frauen kaum vor der Vermittlung. So können sie sie maximal ausnutzen.

Deutlich unterhalb des Mindeslohns

Eigentlich steht den Frauen laut Hongkonger Regierung umgerechnet rund 500 Euro pro Monat zu - weniger als der gesetzliche Mindestlohn. Oft wird aber nicht mal dieser Betrag eingehalten, zeigen Umfragen unter den Hausangestellten. Einen Großteil davon schicken sie ihren Familien nach Hause. Für sie selbst bleibt kaum etwas übrig. Mal in die Disco gehen oder sich neue Kleider kaufen, ist fast unmöglich.

Fotostrecke

8  Bilder
Parallelwelt in Hongkong: Die kleinen Fluchten der indonesischen Mägde

Die Arbeitgeber sind zwar verpflichtet, den Frauen "eine geeignete Unterbringung mit angemessener Privatsphäre" zu stellen. Wie das genau aussieht, ist allerdings Interpretationssache. In der Realität haben laut Sampson viele nur eine kleine Schlafecke, müssen sich einen Raum teilen oder gar in der Küche oder dem Flur übernachten. Sie erleben einen Alltag unter unwürdigen Umständen.

Die täglichen Arbeitszeiten sind lang, manche müssen sogar rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Laut Gesetz steht den Hausmädchen ein freier Tag pro Woche zu, meist der Sonntag, der sich als Familientag der Arbeitgeber etabliert hat. Von ihren Angestellten erwarten sie, an diesem Tag die Wohnung zu verlassen.

Indonesische Parallelwelt am freien Sonntag

Tausende Frauen strömen daher an diesem Tag in Parks und zu öffentlichen Plätzen. Hier schaffen sie sich ein kleines Stück Heimat mit indonesischem Essen und Musik. Sie treffen sich mit anderen Hausmädchen, nehmen an Beauty-, Make-up- und Tanzwettbewerben teil oder machen Fotoshootings.

Da sie nur wenig Freizeit haben, sind für viele soziale Netzwerke sehr wichtig - und die Bilder, die sie dort posten. "Sie müssen ausreichen, um für die gesamte Woche sich selbst sowie die Facebook-Freunde in Indonesien und Hongkong von einem erfüllten und ereignisreichen Leben zu überzeugen", schreibt Sampson in ihrem Bildband.

ANZEIGE
Rebecca Sampson:
Apples for Sale

Kerber; 144 Seiten, 35,00 Euro

Hausangestellten stehen der Fotografin zufolge nur alle zwei Jahre zwei Wochen Urlaub zu. Für viele stellt diese die einzige Möglichkeit dar, ihre Familien zu sehen. Weit weg von Partnern oder Kindern und isoliert in der Hongkonger Gesellschaft, suchen die Frauen laut Sampson nach Nähe - und finden diese oft bei anderen Frauen. Viele würden eine lesbische Beziehung miteinander führen - oder zumindest so tun.

Sie würden eine Art Rollenspiel spielen, sich maskulin kleiden und verhalten, zu sogenannten Tomboys werden. Diese stark überspitzten Geschlechterrollen werden laut Sampson aber regelmäßig gewechselt. Oft handele es sich bei den Beziehungen auch eher um eine Art Freundschaft als um eine sexuelle Beziehung - aus der Einsamkeit heraus entstanden.

Warum die jungen Frauen sich ihrer Situation ergeben? Die Arbeitgeber können sie mit kurzer Kündigungsfrist wieder entlassen. Dann bleibt ihnen nur zwei Wochen Zeit, eine neue Anstellung zu finden, bevor sie aus Hongkong ausgewiesen werden. Oder sie müssen sich erneut über eine Agentur anmelden - und wieder die überteuerten Gebühren zahlen. Lieber bleiben sie, als dass sie ohne Geld zurück zu ihren Familien gehen.


Die Recherche für das Projekt "Apples for Sale" wurde im Rahmen des Programms "Grenzgänger China - Deutschland" der Robert Bosch Stiftung in Kooperation mit dem Literarischen Colloquium Berlin gefördert, sowie vom Goethe-Institut Hongkong.

Mehr zum Thema


insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
mia1 27.02.2019
1. tapfere frauen!
ich bin erschüttert!
salomohn 27.02.2019
2. Schwer auszuhalten
Was kann man gegen diese Behandlung tun?
123Valentino 27.02.2019
3. Das ist...
nicht nur Hongkong, alle asiatischen Metropolen und eine charakterlose Mittelschicht rekrutiert , Mädchen aus Indonesien, den Philippinen und vermehrt aus Myanmar. In the fine City of Singapore werden diese Mädels wie Sklaven gehalten.
mia1 27.02.2019
4. wer sind eigentlich die arbeitgeber?
wo arbeiten die damen? in welchen familien? was verdienen die arbeitgeber? in welchen branchen arbeiten die arbeitgeber? wie groß sind die wohnungen der arbeitgeber überhaupt? kann es sein, dass die familien, in denen die frauen arbeiten, selbst nicht besonders gut situiert sind? wie immer - der spiegel erzählt nur ein zehntel der ganzen geschichte. ich möchte aber gern das gesamtpaket verstehen, was nicht bedeutet, dass ich irgendwas relativieren möchte, ganz klar: die lebensbedingungen der "hausangestellten" sind entsetzlich. möglicherweise das leben ihrer arbeitgeber nicht viel besser. dazu hätte ich jetzt gerne näheres gewusst.
MIRUG 27.02.2019
5. Differenzierung
Die Situation stellt sich in der Tat wesentlich differenzierter dar als es in diesem Artikel dargestellt wird. Die Autorin hat mit Sicherheit keine eigene Erfahrung mit diesem komplexen Thema und es bleibt ausgespart wieviele Maids in Hong Kong ein gutes Auskommen finden und sehr ordentlich behandelt werden was wiederum Ihren Familien in den Heimatlaendern ein bessere Lebensperspektive verschafft.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.