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19. Oktober 2012, 17:29 Uhr

Schlagersänger Wendler

Schöner Shit

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In Ballermann-Kneipen und Provinzdiscotheken ist Michael Wendler ein König, ein Popschlagerkönig. Doch seit er als gieriger Fanabzocker am Pranger steht, bricht im Internet ein Shitstorm über den Mann herein. Schadet ihm das wirklich? Seine Prominenz wächst stündlich.

Michael Wendler ist einer dieser deutschen Musikstars, die nur Fans oder Feinde haben. Weil letztere ihn bisher lieber ignorierten, fiel er außerhalb von Bierzelten, Schützenhallen, Provinzdiscotheken und Ballermann-Kneipen selten auf, während seine Fans und die Boulevardpresse den "Sie liebt den DJ"-Sänger als "König des Popschlagers" feierten.

Es ist also nicht ganz klar, ob er eher als berühmt oder berüchtigt gelten darf. Doch neben Jürgen Drews gehört Wendler zu den absoluten Stars der Ballermann-Szene. Unfassbare 28 CDs füllte er bisher mit seinen einfach gestrickten, Kirmes-kompatiblen Gute-Laune-Liedchen im Discofox-Tempo. Es ist eine Art Musik, die man zum Medley machen kann, indem man einfach die Pause zwischen den Liedern weglässt. Wo Wendler singt, ist Oberbayern und Megapark, Après-Ski, Kopf abschalten und lustig feiern - bisher.

Jetzt macht "Der Wendler" Schlagzeilen anderer Art. Am Mittwochabend strahlte RTL einen Beitrag der Serie "Christopher Posch - Ich kämpfe für ihr Recht" aus, in der der TV-Anwalt zwei Frauen vertrat, die angeblich von Wendler betrogen wurden. Sylvia und Nadine Simbeck wollten demnach auf Mallorca ein nach dem Sänger benanntes Wendler-Fan-Café eröffnen, dort auch entsprechende Artikel verkaufen. Wendler verlangte 100.000 Euro dafür und ließ sich rund 40.000 Euro Anzahlung vorab überweisen, bevor er der Sache ein Ende setzte: Laut Darstellung von RTL habe Wendler mitteilen lassen, dass er über die Namensrechte gar nicht verfüge. Auf Zahlung der 100.000 Euro soll er trotzdem beharrt haben.

Für den TV-Anwalt Christopher Posch war das ein gefundenes Fressen. Er klagte im Namen der Simbecks und gewann. Der Vorvertrag sei ungültig, urteilte das Landgericht Duisburg, das Geld sei zurückzuzahlen.

Noch am Abend der Ausstrahlung ging bei Facebook eine Anti-Fan-Gruppe namens "100.000 Menschen die Michael Wendler scheiße finden" online. Innerhalb eines Tages wurden daraus 200.000, inzwischen zielen die Organisatoren auf eine Million. Wenn es so weiterläuft wie bisher, dürfte auch das kaum ein Problem sein. Die Hatz ist eröffnet, und wer sich für Wendler äußert, bekommt auch was ab vom wütenden "Shitstorm", wie man diese Wutwellen im Web nennt.

Jene, die sich da nun bei Facebook gegen Wendler austoben, mögen enttäuschte Fans sein. Die meisten sind wohl eher das Gegenteil, und jetzt gibt es auch dafür einen Namen - sie sind "Anti-Fans". Der von ihnen entfesselte Shitstorm fegt nun vom Internet ausgehend durch die Medien. So heftig, dass auch Michael Wendler das nicht mehr ignorieren kann.

"Das werden wir gemeinsam durchstehen! Lieb Euch..."

Am Donnerstag meldeten sich seine Anwälte zu Wort, verbreitet via Wendler-Management. Die Berichte seien "tendenziös, einseitig und unzutreffend", hieß es da, veröffentlicht auf Wendlers eigener Facebook-Seite. Das Urteil des Landgerichts Duisburg hielten die Anwälte für "falsch". Weiter heißt es in dem Statement: "Wir haben namens unserer Mandantschaft bereits Berufung beim Oberlandesgericht Düsseldorf eingelegt. Wir sind zuversichtlich, dass das Berufungsgericht den wirklichen Sachverhalt unvoreingenommen und rechtlich zutreffend beurteilen wird."

Angeblich Wendler selbst sowie sein Manager Markus Krampe widersprachen der RTL-Darstellung und dem Duisburger Urteil im Detail: Es sei unwahr, dass Wendlers Name nicht für das Café habe benutzt werden dürfen, und natürlich sei er auch zur Kooperation bereit gewesen.

Wendlers Bookingagentur MPM Music kündigte ein Statement ihres Klienten für den Freitag an. Lange Zeit erfolgte nichts, eine Nachfrage von SPIEGEL ONLINE blieb zunächst schriftlich unbeantwortet und wurde dann fernmündlich abgewiegelt: "Es wird zu der Sache keine weitere Stellungnahme geben", hieß es seitens MPM Music, die in den vergangenen Tagen mehrfach als Sprachrohr des Sängers auftraten. Wendler selbst sei "nicht erreichbar".

Erst am Freitagabend veröffentlichte die Person, die auf Facebook unter Wendlers Namen postet, folgendes Statement: "Hallo Fans, frisch gestärkt komme ich soeben aus meinem Urlaub zurück und werde mich nun dem SHIT-STORM entgegen stellen. Von der Unterstützung meiner Fans bin ich absolut überwältigt und auch das werden wir gemeinsam durchstehen! Lieb Euch..."

Zuvor hatte der Facebook-Wendler Zeugen in eigener Sache bemüht: Der Blogger Jochen Kolbe hatte sich unter der Schlagzeile "Hexenjagd 2.0" mehr oder weniger vor Wendler gestellt und gemutmaßt, dass der Shitstorm eine Art Kampagne sein könne. Die Anti-Fan-Seite bei Facebook wirke inszeniert. Sein Versuch, eine Anti-Anti-Fan-Seite gegen RTL und "Bild" dagegen zu inszenieren, scheiterte bisher kläglich. Bei "Bild" gibt es mittlerweile sogar eine "Akte Wendler", in der akribisch Buch geführt wird über vergangene "Sünden" des Sängers. So, als ginge es hier um eine Staatsaffäre und nicht nur um eine völlig irrelevante Prominenten-Posse.

An der Sachlage ändert all das nichts. Es gab vertraglichen Hickhack, es gab eine Klage und ein Urteil - und zwar gegen Wendler. Dass die Darstellung der beiden geschädigten Frauen als Wendler-Fans, die sich ihren Lebenstraum erfüllen wollten und dann vom geldgierigen Star abgezockt wurden, hanebüchen ist, steht auf einem anderen Blatt: Geschäfte wollten da wohl alle Beteiligten machen - den Frauen war das immerhin 100.000 Euro wert, vorab bezahlt, auf Basis eines obskuren Vorvertrags.

Was Wendler von diesem Geld kassiert hat, wird er womöglich zurückzahlen müssen. Bezahlen könnte er die Rechnung derzeit wohl ganz gut, denn eigentlich ist alles wie immer: Während die einen ihn beschimpfen, unterstützen ihn die Fans um so mehr. "Was wäre wenn?", sein neuestes Umpf-Umpf-Machwerk, steht zumindest in den Schlager-Charts ganz oben.

Der Refrain geht so:

"Was wäre wenn, wenn ich dich verliere und dir verschweige, dass ich dich brauche wie Salz auf der Haut?
Was wäre wenn, wenn ich dich frage, willst du es wagen, einmal verrückt sein mit Brause im Bauch?"

Die Zahl der Anti-Fans wächst. Dem Verkauf wird es kaum schaden.

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