Kidnapping-Fall in Ohio Wie kann man das nur aushalten?

Mehr als neun Jahre lang waren drei junge Frauen gefangen in einem Haus in Cleveland. Sie sollen angekettet und missbraucht worden sein. Die österreichische Psychotherapeutin Heidi Kastner beschreibt im Interview den Tätertypus.

Die österreichische Psychiaterin Heidi Kastner: "Sklavenhaltung gibt es seit Jahrtausenden"
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Die österreichische Psychiaterin Heidi Kastner: "Sklavenhaltung gibt es seit Jahrtausenden"

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"Das ist nur die Spitze des Eisbergs, diese Ermittlungen werden sehr lange dauern", sagte Polizeisprecherin Jennifer Ciaccia CNN nach der spektakulären Befreiung von drei seit Jahren vermissten Frauen in Cleveland. Amanda Berry, Gina DeJesus und Michelle Knight waren zwischen 2002 und 2004 verschwunden, viele Angehörige hielten sie für tot. Doch die Frauen wurden gefangen gehalten - in einem Haus unweit von ihren Elternhäusern entfernt.

In dem weiß gestrichenen Haus in einer eher ruhigen Wohnstraße in Cleveland, auf der Veranda wehen US- und puerto-ricanische Flaggen, leben drei Brüder im Alter von 50, 52 und 54. Auf den von den Behörden veröffentlichten Polizeifotos sieht man drei korpulente Männer mit grauen Bärten.

Ariel C., der mittlere von ihnen, gilt derzeit als der mutmaßliche Kidnapper der drei Frauen. Der Schulbusfahrer ist offiziell der Entführung und Vergewaltigung beschuldigt worden. Die Anklage sollte noch am Donnerstag vor Gericht verlesen werden, sagte Staatsanwalt Victor Perez. Gegen seine beiden ebenfalls festgenommenen Brüder gebe es hingegen bislang keine rechtlichen Vorwürfe in dem Fall.

Die forensische Psychiaterin Heidi Kastner, 50, aus Österreich arbeitet seit 15 Jahren mit Psychopathen und als Gerichtsgutachterin, seit 2005 leitet sie die forensische Abteilung der Landesnervenklinik im österreichischen Linz. International bekannt wurde sie beim Prozess des Amstettener Inzesttäters Josef Fritzl, über den sie nach langen Einzelgesprächen das urteilsrelevante Gutachten erstellte.

SPIEGEL ONLINE: Frau Kastner, ein Mann soll die inzwischen befreiten Frauen im Alter von 16 bis 21 Jahren entführt und neun, zehn und elf Jahre gefangen gehalten haben. Wie müssen Täter beschaffen sein, um anderen Menschen so etwas anzutun?

Heidi Kastner: Sie müssen ein perfektes Doppelleben führen, zwei Leben auf einmal bewerkstelligen können. Allerdings stellt sich in einem so langen Zeitraum selbst unter derart abartigen Umständen eine gewisse Form von pervertierter Normalität ein, die zur Routine wird und damit auch zur "Gewohnheit".

SPIEGEL ONLINE: Welche Charaktereigenschaft erfordert es, einem anderen die Freiheit zu nehmen, ihn zu missbrauchen?

Kastner: Dass Menschen immer in der Lage waren, andere frei von Mitgefühl zu dehumanisieren, sie gefangen zu halten und zu benutzen, belegt die tausendjährige Tradition der Sklavenhaltung Was sich verändert hat, ist unsere Bewertung und unsere Definition von Normalität. Missbrauch kommt in allen Gesellschaftsschichten vor und ist keine Funktion mangelnder Intelligenz. Im Gegenteil: Eine Straftat in der Größenordnung wie in Ohio erfordert ein gewisses Ausmaß an Planungsfähigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Es besteht die Vermutung, dass die beiden anderen Brüder des Hauptverdächtigen in die taten eingeweiht, sich vielleicht auch daran beteiligt haben. Wie entsteht die Dynamik für einen Massenmissbrauch?

Kastner: Möglicherweise war einer federführend und hatte die Idee, die Nerven und die Fähigkeit, seine Phantasien umzusetzen. Wobei, wie gesagt: Die Idee, jemanden zu seiner absoluten Verfügung zu haben, ist an sich nichts Neues und nichts Ungewöhnliches.

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Mutmaßlicher Entführer Ariel C.: Ein ganz normaler Nachbar
SPIEGEL ONLINE: Ähnlich wie im Fall Fritzl waren die Nachbarn verblüfft: Die Brüder galten als freundlich, hilfsbereit, man hat gemeinsam gegrillt und Zeit verbracht. Ist das Böse unter uns nicht auszumachen?

Kastner: Dass solche Menschen nach außen hin normal wirken, ist fast eine Voraussetzung für solche Taten. Je unauffälliger einer wirkt, desto leichter wird ihm die Täuschung gelingen. Über den typischen Täter heißt es im Umfeld immer zuerst: Der war so nett! Dann: Das und das war komisch. Und am Ende haben es ihm einige zugetraut und wissen, dass er krank sein muss.

SPIEGEL ONLINE: Haben solche Täter irgendeine Form von Unrechtsbewusstsein?

Kastner: Das kognitive Unrechtsbewusstsein ist vorauszusetzen: Ihnen ist bekannt, dass sie etwas Verbotenes tun, sonst würden sie es nicht im Verborgenen tun. Das emotionale Unrechtsbewusstsein, die Fähigkeit zu empfinden, was man anderen antut, wird vermutlich nicht sonderlich ausgeprägt sein: Weltmeister in Empathie sind die Täter vermutlich alle nicht.

SPIEGEL ONLINE: Der Hauptverdächtige soll mit dem sechsjährigen Mädchen, das er offenbar mit einer der Frauen zeugte, das Haus verlassen haben, auf dem Spielplatz gesehen worden sein.

Kastner: Das Kind ist ja auch ein Teil von ihm. Da solche Täter sich selbst über alles stellen, kann man das Mädchen als sein erweitertes Ich sehen. Ihm wollte er womöglich Gutes, wie er sich wohl selbst auch nicht schlecht behandelt haben wird.

SPIEGEL ONLINE: Welche Beziehung müssen die Opfer zu ihren Peinigern aufgebaut haben, um die Jahre der Gefangenschaft zu überleben?

Kastner: Wer das übersteht, muss eine starke Persönlichkeit, seinen inneren Widerstand und vor allem ein ganz klares Unrechtsbewusstsein aufrechterhalten. Diese Frauen haben sich nicht brechen lassen, und sie haben überlebt. Das erfordert auch ein ausgeprägtes Sensorium für den Täter: Die Frau, die die Flucht durchgesetzt hat, kennt die Täter gut, muss sie lesen können. Zudem wird es wohl auch für die Opfer diese pervertierte "Normalität", einen geregelten Ablauf gegeben haben. Zehn Jahre in konstanter, schlafloser Panik kann kein Mensch überleben.

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