Inzestfall in Österreich Verschollen im väterlichen Verlies

Schwerer Stahlbeton und ein elektronischer Code, den nur der Täter kannte: Elisabeth F. wurde 24 Jahre lang von ihrem Vater in einem gut gesicherten Gefängnis wie eine Sklavin gehalten. Weder Angehörige, Nachbarn noch Behörden wollen etwas bemerkt haben. Kann das sein?

Von Marion Kraske, Wien


Der Fall gilt als einer der spektakulärsten in der Geschichte der Alpenrepublik: Ein Vater täuscht jahrelang vor, seine Tochter sei weggelaufen und befinde sich in den Fängen einer Sekte. Nur ab und zu soll sie zu Hause eines ihrer ungewollten Kinder vor die Tür gelegt haben, damit sich die Großeltern darum kümmern. Dann stellt sich heraus: Das Ganze ist eine einzige Lügengeschichte, eine raffinierte Täuschung, die mehr als zwei Jahrzehnte niemandem auffällt. Weder der Ehefrau, der Familie noch den Nachbarn. Auch den Behörden nicht. Angeblich.

Tatsächlich war Elisabeth F., die heute 42 Jahre alte Tochter, nicht verschwunden und auch nie Mitglied einer Sekte. Sie wurde stattdessen 24 Jahre lang in einem verliesartigen Keller gefangen gehalten. Der mutmaßliche Täter: ihr eigener Vater, ein ehemaliger Elektrotechniker.

Das Haus, in dem der heute 73-Jährige seine Familie drangsalierte, ist ein schmuckloser Klotz, grau und abweisend. An einem Fenster kleben bunte Abziehbilder. Bis auf diese wenigen Farbtupfer herrscht fade Tristesse.

Irgendwo da drinnen, in einem Haus, in dem zeitweise sogar andere Mieter wohnten, hat sich jahrzehntelang eine menschliche Tragödie abgespielt, die sämtliche Dimensionen sprengt. Sieben Kinder soll Josef F. mit seiner Tochter gezeugt haben, sie sind zwischen 5 und 19 Jahre alt. Die Polizei hat von dem mutmaßlichen Täter inzwischen DNA-Proben genommen, um die Vorwürfe gegen ihn zu prüfen. Man gehe davon aus, so BKA-Chef Franz Lang in der ORF-Diskussionssendung "Im Zentrum", dass man auf der "richtigen Spur" sei.

Das unheimliche Verlies hinterm Regal

Am späten Sonntagabend gelang der Polizei der Durchbruch in das Verlies: Die Ermittler gingen zunächst durch einen schmalen, lediglich 1,70 Meter hohen Gang, dann fanden sie eine voll ausgestattete Küche, Schlafräume mit Postern an den Wänden, einen Fernseher sowie eine Dusche. An die Wohnräume angeschlossen fanden die Ermittler eine Gummizelle. Sämtliche Räume waren ohne Tageslicht, stattdessen gab es Lampen, auch an eine künstliche Luftzufuhr war gedacht.

Der unheimliche Trakt soll mehrfach ausgebaut und erweitert worden sein. Er war raffiniert versteckt, hinter einem Regal in einem Werkraum, nicht auf den ersten Blick sichtbar. Gesichert war das Gefängnis mit einer Stahlbetontür, der elektronische Code, der erforderlich war, um die Schranke zu öffnen, war nur dem mutmaßlichen Täter bekannt. Für den Rest der Familie war der Kellerbereich, in dem die Mutter mit drei ihrer Kinder gefangen gehalten wurde, Sperrzone.

Nach Einschätzung von Psychiatern sind sowohl Mutter als Kinder durch ihre jahrelange Gefangenschaft und Isolation vermutlich schwer traumatisiert. Sie befinden sich momentan in psychiatrischer Behandlung. Bis zu ihrer Befreiung haben die drei Kinder nie das Tageslicht gesehen. Ein viertes Kind, das wegen mangelnder medizinischer Versorgung unmittelbar nach seiner Geburt gestorben war, soll von Josef F. verbrannt worden sein.

Drei ganz normale Schulkinder

Wenige Schritte entfernt herrschte eine Art Scheinnormalität: Drei andere Kinder lebten oben, mit den Großeltern, sie gingen in die Schule, waren Mitglieder in Feuerwehr- und Polizeigruppen. Sie galten als lustig, als erfolgreiche, gute Schüler. Eines von ihnen war von Josef F. und seiner Frau gar adoptiert worden, die beiden anderen waren Pflegekinder. Die Behörden hatten entsprechende Prüfungen durchgeführt - und nichts Auffälliges gefunden.

Alle drei waren nach und nach vor dem Familienhaus als angebliche Findelkinder abgelegt worden – diese Version hatte zumindest der Vater der 42-Jährigen verbreitet, um die grausame Wahrheit zu vertuschen. Jedes Mal hatte er einen Brief der Tochter an den Fundort gelegt, in dem sie ihre Sorge über die Kinder zum Ausdruck brachte und vermeintlich um Hilfe für sie bat. So konnte der Mann über all die Jahre die Geschichte von der abgängigen Tochter aufrechterhalten.

Doch kann das wirklich sein? Dass nicht nur die 69-jährige Ehefrau, sondern auch seine ersten sechs Kinder, die heute erwachsen sind, von den grausamen Umtrieben des Mannes nichts mitbekamen? Dass sie nicht den Hauch einer Ahnung verspürten, selbst dann nicht, wenn sie einmal zu Besuch waren? Oder schauten sie alle weg, aus Angst, aus Mangel an Zivilcourage?

"Perfektes Lügengerüst"

Experten bescheinigen Josef F. ein hohes Maß an Intelligenz: Der 73-Jährige gilt als autoritär, immer wieder beschwerte er sich bei der Polizei, dass man seine angeblich flüchtige Tochter nicht ausfindig machen könne. Er schuf, so BKA-Chef Lang, ein "perfekt aufgebautes Lügengerüst". Darin sieht der Kriminologe auch den Unterschied zum Entführungsfall Natascha Kampusch, in dem es – das kristallisiert sich immer mehr heraus – zu folgenreichen Fahndungspannen gekommen war. Anders als bei Kampusch, so Lang, habe es nach jetzigem Stand für die Polizei im Fall von Amstetten keine Chance gegeben, in die richtige Richtung zu ermitteln.

Und doch - es gab Warnzeichen. Bereits als Elisabeth elf Jahre alt war, soll Josef F. sie das erste Mal sexuell missbraucht haben. Zweimal versuchte das Mädchen, sich ihrem Martyrium zu entziehen, sie lief weg, das erste Mal mit 16, dann wieder mit 18. Als sie wieder da war, lockte Josef F. seine Tochter in den Keller, legte ihr Handschellen an und sperrte sie weg, offenbar aus Furcht, sie könne seine Übergriffe verraten.

Elisabeth sei heute aschfahl und weißhaarig, sagt Heinz Lenze, Bezirkshauptmann von Amstetten, sichtlich schockiert von den Vorkommnissen in seiner Gemeinde. Man sehe ihr an, was sie über all die Jahre mitgemacht habe.

Anonymer Hinweis rettete die Opfer

Dass ihre Gefangenschaft ein Ende fand, hat Elisabeth F. wohl eher einem Zufall zu verdanken. Vergangene Woche wurde ihre 19-jährige Tochter Kerstin schwer krank, ihren Vater und Peiniger konnte sie davon überzeugen, dass man den Teenager umgehend ins Krankenhaus bringen müsse. Möglicherweise handelt es sich um eine schwere Erbkrankheit infolge des Inzests – das würde erklären, warum die Behörden die als vermisst geltende Elisabeth in den Medien immer wieder aufriefen, sich umgehend zu melden - sie benötigten, so die Begründung, dringende Informationen.

Dann unterlief dem sonst so kühl agierenden Täter ein Fehler: Elisabeth konnte Josef F. überreden, auch sie ins Krankenhaus zu fahren. Auf dem Weg wurde der Rentner von einer Polizeistreife angehalten und festgenommen. Ein anonymer Hinweis war eingegangen. Also doch jemand, der etwas wusste? Und all die Jahre geschwiegen hatte? War das Amstettener Lügenkonstrukt doch nicht so ausgefeilt wie nun behauptet wird? Es sieht danach aus.

Bei seiner Vernehmung zeigte sich Josef F. zunächst nicht sonderlich gesprächig: Seine Familie tue ihm "leid", sagte er lapidar. Dann erklärte er, er wolle nun wieder seine Ruhe haben.



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