Irak Sehnsucht nach Stabilität

2,2 Millionen Iraker sind auf der Flucht. Es fehlt ihnen an Wasser, Nahrung und Medikamenten. Dennoch will Roger Wright, örtlicher Leiter des Kinderhilfswerks Unicef, an einen Aufwärtstrend glauben - denn im kommenden Jahr ziehen die internationalen Truppen ab.

Von Insa Moog


Berlin - Die Zeit ist knapp: "Bis Ende 2009" entscheidet sich die Zukunft des Iraks. Das meint zumindest Roger Wright, dortiger Leiter des Kinderhilfswerks Unicef. Nach derzeitiger Planung soll die Mehrheit der internationalen Truppen im nächsten Jahr den Irak verlassen. Im SPIEGEL-ONLINE-Gespräch gibt sich Wright optimistisch - trotz der widrigen humanitären Lage des Golfstaates. "Ich bin im vierten Jahr dort und aktuelle Entwicklungen geben erstmals Raum für Optimismus", sagt Wright.

Die Gewalt nehme ab, der Irak sei auch kein armes Land - es gebe Ressourcen. Eine Herausforderung sei deshalb auch die Verteilung des Zugangs zu diesen Ressourcen - allen voran Wasser und Öl - unter den drei ethnischen Gemeinschaften: Schiiten, Sunniten und Kurden. Ein Thema, das Wright noch Sorgen bereitet.

Bis Ende 2009 soll die Entwicklung des Golfstaates entscheidende Fortschritte machen, sagt er. Das primäre Ziel vor Ort: ein Mehr an "Stabilität". Denn seit 2006 haben 850.000 Kinder und Jugendliche ihr Zuhause verlassen müssen - derzeit sind allein innerhalb des Iraks 2,2 Millionen Menschen auf der Flucht, schätzt das Rote Kreuz.

Viele leiden an Schlafstörungen

Laut Wright besuchen von 100 Kindern derzeit nur knapp 40 regelmäßig eine Schule. Das irakische Gesundheitsamt schätzt, dass 30 Prozent der Kleinen an Schlaf- und Konzentrationsstörungen leiden. Die anhaltende Gewalt im Land sorge gerade bei den Jüngsten für psychosoziale Schädigungen, sagt Wright, ihre Entwicklung sei deutlich eingeschränkt. Ein noch größeres Problem: Dauerhafte Mangelernährung und eingeschränkter Zugang zu Trinkwasser und medizinischer Versorgung beeinträchtigt die Gesundheit der Kinder.

"Wir brauchen dringend Phasen der Stabilität, um Schulen zu renovieren und geflohene Lehrer zur Rückkehr zu bewegen", so Wright. Hilfreich sei der starke familiäre Zusammenhalt. "Ich bewundere Eltern immer wieder für ihren Einsatz und ihre Hingabe in dem Bemühen, den Schulbesuch ihrer Kinder zu ermöglichen", sagt der Unicef-Offizielle. Oft würden ganze Familiengruppen einzelne Kinder zur Schule eskortieren.

Die Unicef hat nun ein Hilfsprogramm für Iraks Kinder entwickelt - darin enthalten sind Pläne zum Aufbau von Notschulen, psychologische Unterstützung, Zusatznahrung und Impfaktionen. Kosten: 25 Millionen Euro. Die britische und die norwegische Regierung unterstützen das Programm bereits, Unicef-Deutschland stellte bislang 100.000 Euro zur Verfügung - Sorgen um die Finanzierung mache er sich aber nicht, sagt Wright.

Kein gutes Image

Umgesetzt wird das Paket einzelner Hilfsprojekte durch eine besondere Personalstruktur. Seit dem Bombenangriff auf das Uno-Hauptquartier in Bagdad im August 2003 wurden ausländische Helfer aus dem Irak abgezogen. Die Unicef arbeitet seit 2004 daher mit einem Netzwerk aus lokalen, einheimischen Partner und unterhält Verträge mit irakischen Firmen und Fachkräften.

Allen Bemühungen zum Trotz, ein gutes Image haben die humanitären Helfer bei der irakischen Bevölkerung oft trotzdem nicht. "Viele bringen uns zu eng mit den internationalen Truppen in Verbindung", sagt Wright. Auch wenn eine Verwechslung alles andere als erwünscht ist: Ohne den Schutz des Militärs wäre die Arbeit der internationalen Helfer nicht möglich. "Wenn ich Bagdad besuche, komme ich mit einem Militärflugzeug oder einem Helikopter aus dem Oman und wenn nötig bekomme ich eine Eskorte", noch gebe es Abhängigkeiten, so Wright.

Dass viele Iraker Schwierigkeiten haben, zwischen den Schutztruppen und den Helfern zu unterscheiden, sei auch dem Verhalten einiger Soldaten zuzurechnen. "Ich bin erstaunt darüber, dass es Angehörige der internationalen Truppe gibt, die versuchen, humanitäre Hilfe zu leisten, auch in Notfällen - unglücklicherweise, ohne dabei über die notwendige Erfahrung auf diesem Gebiet zu verfügen." Dieses gutgemeinte Engagement werfe schon bei geringster Schlampigkeit ein schlechtes Licht auf die professionellen humanitären Kräfte.

Humanitäre Hilfe im Aufwind

"Was der Irak am meisten braucht, ist der Rückzug aller fremden Elemente - der al-Qaida-Verbündeten ebenso wie der amerikanischen und britischen Truppen", sagt Wright. Unterschiede gebe es allerdings schon. Als Stütze werde die Anwesenheit der Alliierten für einen gewissen Zeitraum noch notwendig sein. Etwa in den "Hot Spots".

Die irakischen Kinder, die zum Ende des Krieges geboren worden seien, würden in diesem oder dem kommenden Jahr eingeschult, so Wright. Er hofft, dass diese Generation einen Wendepunkt in der Geschichte ihres Landes erlebt. "Wir müssen die Entwicklung dieser Kinder stützen und sie beschützen" Bis Ende 2009 sollte dann der Grundstein für eine bessere Zukunft des Landes gelegt sein.



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