"Irene" New York duckt sich vor dem Auge des Sturms

Regen, Wind, Wellen: Die Ausläufer des Wirbelsturms "Irene" sind in New York angekommen. Er hat an Stärke verloren, wurde vom Hurrikan zu einem Tropischen Sturm herabgestuft. Die Einwohner erwarten das Zentrum des Sturms dennoch mit einer Mischung aus Angst, Nonchalance und Trotz.

Von , New York


Ein seltsames Rauschen liegt über Manhattan. Hoch oben über den stockdüsteren Dächern rappelt und klappert es, weiter unter in den Straßenschluchten pfeift es - zwischen Autos, Bäumen und Briefkästen hindurch. Ein steter Regen hat eingesetzt. Über die Seventh Avenue wehen die ersten abgebrochenen Äste. Laub sammelt sich im überlaufenden Gulli, als sei es Herbst. "Irene" ist da.

Der ehemalige Hurrikan ist auf seiner Reise an der US-Ostküste entlang in New York angelangt - mit großem Spektakel: Ununterbrochenes Blitzen erhellt die Skyline, gefolgt von rumpelndem Donner, der in den Straßen der Millionenstadt verhallt. Mittlerweile hat er an Geschwindigkeit eingebüßt und gilt nicht länger als Hurrikan, sondern als Tropischer Sturm. Mit Spitzengeschwindigkeiten von 104 Kilometern pro Stunde erreichte er bei Coney Island im Staat New York Land. "Die Auswirkungen ändern sich damit aber nicht", warnte der Chef des Zentrums, Bill Read, im US-Sender CNN. Der Wind sei nach wie vor stark, es regne noch immer und der Sturm drücke weiter Wasser an die Küste.

Zuvor war es noch völlig windstill, die Luft fast schon erdrückend schwül - die buchstäblich Ruhe vor dem Sturm. Dann auf einmal, innerhalb von Minuten, nimmt der Himmel eine grün-graue Färbung an, und von weit oben erhebt sich ein erstes, leises Jaulen.

"Die Spitze des Hurrikans hat uns erreicht", sagte Bürgermeister Michael Bloomberg in seiner letzten von vielen Pressekonferenzen dieses Tages, diesmal tief im Bunker des städtischen Lagezentrums in Brooklyn. Dann verkriecht auch er sich für den Rest der Nacht, wie die meisten New Yorker.

Stunde um Stunde nimmt der Wind dann zu, in ruckartigen Böen. Gegen fünf Uhr morgens Ortszeit erreicht er Geschwindigkeiten von bis zu 93 Stundenkilometern, gemessen draußen am Kennedy-Flughafen, wo "Irene" vom offenen Meer auf die Stadt stößt, fast ohne Widerstand. Das Auge des Sturms hat New Jersey erreicht, den Nachbar-Bundesstaat. In Manhattans engen Straßen verliert er sich zu teils heftigen Wirbeln, die Müll und Unrat mit sich treiben, auf den weiten Avenues reißt es einen fast aus den Schuhen.

Das Schlimmste kommt noch. Für Brooklyn und Queens hat der Wetterdienst in der Nacht Tornado-Warnungen veröffentlicht.

Fotostrecke

17  Bilder
Hurrikan: "Irene" tobt über New York
Mindestens 100.000 New Yorker sind ohne Strom

Auf seinem Weg hierher hat "Irene" schon eine Schneise der Verwüstung gerissen. In den frühen Morgenstunden des Samstags erreicht er das Festland, an den Outer Banks, den Düneninseln vor North Carolina. Von dort wälzt sich der fast 800 Kilometer weite Wetterwirbel nordwärts, über Virginia und Maryland, an der Hauptstadt Washington vorbei, dann durch Pennsylvania und New Jersey auf das wartende New York zu.

Zehn Tote hat der Sturm bereits gefordert - mindestens. Die meisten starben durch entwurzelte Bäume oder herumfliegende Trümmerteile. Ein Mann starb an einem Herzinfarkt, als er die Fenster seines Hauses mit Brettern vernagelte.

In seinem Sog gebiert "Irene"alle möglichen Wetterkapriolen: horizontalen Regen, wilde Blitze, schwarze Wolkentürme, Tornados. Schon vor seiner Ankunft wurden mehr als 100.000 Menschen im Großraum New York von der Stromversorgung abgeschnitten, die meisten davon in New Jersey und auf Long Island. Im Süden Manhattans kappt die Stromgesellschaft Con Edison in einigen Gebäuden vorsorglich die Elektrizität.

Die 8,5-Millionen-Stadt hat den Sturm mit der üblichen Mischung aus Nonchalance, Trotz und Hype erwartet. Den ersten Hinweis, dass die Lage ernst ist, verspürten die meisten New Yorker erst am Samstag: Alle Starbucksläden in der Stadt wurden geschlossen, davon mehr als 250 Filialen allein in Manhattan. Das hat es selbst nach den 9/11-Anschlägen nicht gegeben.

Überall in der Stadt bieten sich bizarre Szenen. Verrammelte Geschäfte direkt neben bis spät geöffneten Restaurants, in denen die Leute noch gemütlich sitzen. Im Café "Sweet Life" im Greenwich Village genießen sie einen Hurrikan-Brunch: French Toast oder Pfannkuchen mit Kaffee für nur 4,60 Dollar.

Ein paar hundert Meter weiter offeriert der Erotikladen "Fantasy World" eine "spezielle Fantasy-Kerze" für die verregneten Stunden, 1,99 Dollar das Stück. An der Christopher Street erinnert ein Café auf einer einladenden Tafel an biblische Plagen: "Erdbeben, Hurrikane, Heuschrecken - lasst uns feiern!"

Im noch offenen A&P Supermarkt an der 14. Straße staksen zwei langbeinige Models durch die halbleeren Regalreihen. "Wasser, Wasser", murmelt die eine mit offenbar osteuropäischem Akzent, während die andere wie wild auf ihrem Blackberry herumhackt. "Brians Party ist gecancelt", beschwert sie sich. "Scheißsturm."

Die Betreiber des Apple-Stores fürchten Plünderungen

Vor vielen Nobelgeschäften an der Fifth Avenue liegen Sandsäcke, andere haben ihre Auslagen hinter Sperrholz verbarrikadiert, darunter die Kaufhäuser Bloomingdale's, Saks und Bergdorf Goodman. Der Edel-Laden Hermes entschuldigt sich umständlich: "Wir bedauern, Sie informieren zu müssen, dass Hermes am Samstag geschlossen bleibt."

Auch der Apple-Store an der Ninth Avenue hat Sandsäcke vor die Glastüren gelegt. "Wegen der Wetterbedingungen haben wir vorübergehend geschlossen", steht auf einem Schild, ein ziemliches Understatement. Zwei Angestellte haben sich drinnen für die Nacht eingerichtet. "Wegen Plünderungen", sagt einer und weigert sich, die Tür zu öffnen.

Selbst der Meatpacking District, das beliebte Ausgehviertel in der Nähe des Hudson-Ufers, ist verlassen. Nur im "Carte Blanche", dem Café des noblen Gansevoort Hotels, ist was los: Die Gäste scharen sich um den Billardtisch, um dem Hurrikan entgegenzufeiern, umringt von Champagnerflaschen. Die Frauen tragen superkurze Miniröcke, die Männer Schlaghosen mit Hochwasser, offenbar der letzte Schrei.

Draußen fährt ein Polizeibus herum und lässt die Sirene aufjaulen. "Evacuate to safety", blinkt über die elektronische Dachanzeige.

"Gibt es hier Fernsehen?", fragt der Junge in der Notunterkunft

Im Baruch College, einer Betonburg an der Lexington Avenue auf Manhattans East Side, ist ein Aufnahmezentrum eingerichtet, für all jene, die ihre Häuser verlassen mussten. "Evakuierungszentrum" steht an der Tür - in Englisch, Spanisch, Chinesisch und Russisch. Sind die Ankömmlinge registriert, werden sie mit Schulbussen weitergefahren in eine der 91 Notunterkünfte in der Stadt.

Eine solche Unterkunft ist die Washington Irving High School im Viertel Gramercy Park. In deren Turnhalle sind Pritschen hergerichtet. Helfer schleppen Dutzende Kartons mit Wasserflaschen herbei. Draußen läuft ein Bote mit einem riesigen Strauß bunter Luftballons vorbei. "Happy Birthday", steht auf denen. Nicht jede Party ist offenbar abgesagt.

"Freiwillig sind wir nicht hier", schimpft Lydia Tavares, die mit ihrem fünfjährigen Sohn Jorge und einem Rollkoffer eintrifft. Tavares lebt weit auf der West Side, einem der evakuierten Gebiete am Ufer des Hudson Rivers. "Aber es kamen zwei Cops, und die waren sehr überzeugend." Weil U-Bahn und Busse längst nicht mehr fahren, mussten sie zu Fuß quer durch Manhattan herkommen. "Gibt's hier auch Fernsehen?", fragt Jorge.

Der Ground Zero würde zuerst überspült

Andere weigern sich aber kategorisch, ihre Apartments zu verlassen. Bis zum späten Samstag sind nach Angaben der Stadt nur rund 1400 Menschen in den Notunterkünften angekommen. Auch in Atlantic City verharren rund 600 Senioren in ihrem Hochhaus, wie der Gouverneur von New Jersey, Chris Christie, berichtet, . Eine 92-Jährige habe ihm gesagt: "Wenn ich sterben muss, dann soll's so sein."

Manche sehen Parallelen zum Ausnahmezustand, in dem sich New York nach dem 11. September 2001 befand. Die Krankenschwester Roberta Kahn, die in der evakuierten Battery Park City an der Südspitze Manhattans wohnt und bei einer Tante in Queens Zuflucht sucht, hat das alles schon mal mitgemacht: Sie konnte ihre Wohnung damals vier Monate lang nicht beziehen, weil die ganze Gegend mit Staub überzogen war. "Das hier", sagt sie der "New York Times", "ist nichts im Vergleich zu 9/11."

Im Süden Manhattans, wo bis 2001 die beiden Türme des World Trade Center standen, ragt heute der hellerleuchtete Rohbau des "One World Trade Center" in den Himmel, die Spitze verschwindet in düsteren Wolken. Zwei riesige Kräne schwanken auf seinem Dach. One World Trade Center soll nach Fertigstellung mal das höchste Gebäude der USA werden.

Das One World Trade Center liegt am Ground Zero, dem am tiefsten gelegenen Bereich Manhattans. Die Südspitze der Stadt gilt als am verwundbarsten. Experten fürchten, dass der Sturm enorme Wassermassen vom Hafen in den Hudson River und in den East River drücken könnte, bis tief in die Straßen. Dutzende Fernsehteams erwarten die Flutwelle, sie haben sich am Rand des Battery Park aufgebaut. Der höchste Stand der Flut soll gegen acht Uhr früh erreicht werden, gerade wenn der Morgen dämmert.

Doch selbst im Unwetter sorgt sich die Stadt um Recht und Ordnung. Ein geschlossenes Café an der Eighth Avenue, dessen Mitarbeiter eine Mülltüte einfach vor die Tür geworfen hatten, bekommt prompt ein Knöllchen der Umweltbehörde an die Scheibe gesteckt. Die Strafe: 300 Dollar. Das Vergehen: "schmutziger Gehweg."

insgesamt 86 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Fritz Motzki 28.08.2011
1. Sie fürchten Windstille?
Was für ein Blödsinn! Im Auge eines Wirbelsturm weht höchstens ein laues Lüftchen.
medienquadrat, 28.08.2011
2. ...
or dem "Auge des Sturms" braucht niemand zittern. Da ist es nämlich Windstill, die Sonne scheint und man kann die Zerstörungen anschauen, bevor es wieder los geht.
McMacaber 28.08.2011
3. ...
Zitat von Fritz MotzkiWas für ein Blödsinn! Im Auge eines Wirbelsturm weht höchstens ein laues Lüftchen.
auch mein erster gedanke .. mich wundert bei spon sowieso fast nichts mehr, ah doch: wo ist der irene-ticker :D
j.schiffmann 28.08.2011
4. ...
Zitat von sysopRegen, Wind, Wellen: Die Ausläufer des*Hurrikans "Irene"*sind längst in New York angekommen. Doch das Schlimmste steht der Stadt noch bevor. Die Einwohner erwarten das*Zentrum des*Sturms mit einer Mischung aus Angst, Nonchalance und Trotz. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,782938,00.html
Im "Auge des Sturms" herrscht bekanntlich fast Windstille, aber die New Yorker zittern davor, klar... https://secure.wikimedia.org/wikipedia/de/wiki/Auge_%28Meteorologie%29
bauagent 28.08.2011
5. Was für ein Hype !
Einigen wir usn einmal auf den landläufigen Begriff des Sturms mit BIS zu 130 km/h. Dann reden wir über Sturmböen, die wir im Winter an der Nordsee oft erleben. Da wird berichtet, dass es bereits neun Tote gibt. In Wahrheit rechnet man verzweifelt jede erdenkliche Situation in dieses Naturereignis. So erlitt ein 55 jähriger Mann während des Vernagelns seines Fensters einen Herzinfarkt. Hätte er möglicherweise auch beim Fernsehen den Infarkt erlitten? Die einzig wirklich wichtige Frage, die hier gar kein Thema ist, ist die Tatsache, dass die marode Infrastruktur in den U.S.A. mit Überlandleitungen Kommunikation und Stromversorgung zum Problenm machen. Alle anderen Nachrichten sind leider der Sucht nach Hypes in der Welt geschuldet, denen unsere Presselandschaft einschl. SPON Rechnung trägt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.