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27. August 2011, 23:06 Uhr

+++"Irene"-Ticker+++

"Die Zeit der Vorbereitung ist vorbei"

"Irene" wirbelt an der US-Ostküste entlang, Millionen Menschen bringen sich in Sicherheit. Lesen Sie die Entwicklungen der Nacht im Minutenprotokoll nach.

Hurrikan wütet an der amerikanischen Ostküste. New York rüstet sich für das Schlimmste: Hunderttausende mussten ihre Wohnungen verlassen, für weitere Evakuierungen ist es schon zu spät. Die Ansage von Bürgermeister Bloomberg: "Bleiben Sie, wo Sie sind!" Weiter südlich ist der Sturm bereits durchgezogen.

Lesen Sie die Ereignisse nach - so verlief die Nacht an der Ostküste der USA:

+++ Polizei rettet zwei Kajak-Fahrer +++

[06.48] Mitten im Großeinsatz hat die New Yorker Polizei zwei Kajak-Fahrer aus dem Wasser holen müssen. Die zwei waren vor Staten Island in der aufgewühlten See unterwegs, sagte New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg am späten Samstagabend (Ortszeit) im Krisenzentrum im Stadtteil Brooklyn. Nach der Meldung brauchte die Polizei erstmal eine halbe Stunde, um die beiden Extremsportler zu finden. "Die beiden sind gerettet", sagte Bloomberg. "Aber das ist eine von diesen rücksichtslosen Aktionen, mit der die Kräfte unserer Polizei verschwendet werden."

+++ "Irene" über der US-Hauptstadt +++

[05.15] Hurrikan "Irene" tobt jetzt über der Chesapeake Bay unweit der US-Hauptstadt, immer stärker werden Wind und Regen auch in Washington selbst, berichtet SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Sebastian Fischer. Auf den Straßen kaum noch Menschen, die Fenster der Häuser sind erleuchtet. Bisher sind hier nur wenige tausend Haushalte von Stromausfällen betroffen. In den letzten Tagen haben sich die Menschen mit Lebensmitteln und Wasser eingedeckt. Bei "Trader's Joe" in der 25. Straße - einer Art Edel-Aldi - reichte die Schlange am Freitag bis auf die Straße. Glücklich, wer die letzte Konservendose mit geschälten Tomaten ergattern konnte.

Taschenlampen sind nahezu überall ausverkauft. Beim Buchhändler "Barnes & Noble" in der M-Street, der Ausgehmeile im Stadtteil Georgetown, sind noch kleine LED-Leselampen zu haben. Ein Kunde bringt kurz vor Feierabend gleich drei Brettspiele, darunter Monopoly, zur Kasse. Er ist gerüstet für den Kampf gegen die Langeweile. Denn in der Hauptstadt wissen sie: Fällt der Strom erst einmal flächendeckend aus, dann kann es Tage dauern, bis überhaupt wieder was geht.

+++ Kein Nahverkehr in Philadelphia +++

[05.05] Wie der Sender CNN berichtet, hat die Nahverkehrsgesellschaft "Southeastern Pennsylvania Transit Authority" am Samstagabend (Ortszeit) wegen einer Sturmwarnung den Betrieb in Philadelphia eingestellt.

+++ Bloomberg: "Jeder sollte drinnen bleiben" +++

[04.35] New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg ist vor die Presse getreten. "Die Zeit der Evakuierung ist jetzt vorbei", sagte er. Jeder solle sich in Sicherheit bringen und drinnen bleiben. Die Stadt habe gründliche Vorbereitungen getroffen, "für was auch immer auf uns zu kommen mag", sagte Bloomberg. Der Sturm sei nun endgültig in New York City angekommen.

+++ Börsenhandel soll Montag wie gewohnt starten +++

[04.20] Insgesamt sind rund 1,3 Millionen Haushalte an der Ostküste derzeit ohne Strom. Dennoch rechnen die Börsenbetreiber Nyse Euronext und Nasdaq mit normalem Handel am Montag. Es gebe Notfallstromagregate, die diesen sicherstellten, sagte Nyse-Sprecher Rich Adomis. Die US-Börsenaufsicht SEC will bei einer Sondersitzung am Sonntagnachmittag darüber entscheiden, ob an der Wall Street gehandelt wird oder nicht.

+++ Verlassener Times Square +++

[04.05] Die ersten starken Winde und kräftigen Regenfälle des anrückenden Wirbelsturms haben innerhalb kürzester Zeit auch die letzten Bastionen des New Yorker Nachtlebens geknackt, berichtet SPIEGEL-Korrespondent Thomas Schulz. Noch bis vor einer halben Stunde ähnelte zumindest der Times Square einem normalen Samstagabend mit vollen Bars, Live-Jazz und Menschentrauben auf der Straße. Doch inzwischen ist auch der prominente Platz fast völlig verlassen, nur Polizisten in leuchtenden Westen und langen Regenmänteln harren aus.

+++ Flughafen Philadelphia geschlossen +++

[03.15] Der internationale Flughafen in Philadelphia ist seit Samstag geschlossen, der Flugverkehr ist bis mindestens Sonntag, 16 Uhr Ortszeit, eingestellt, sagte Sprecherin Victoria Lupica dem Sender CNN.

+++ Brücken wegen zu hoher Windgeschwindigkeit gesperrt +++

[02.35] Die erste Brücke nach Manhattan ist teilweise gesperrt worden, berichtet SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Marc Pitzke. Die Hafenbehörde Port Authority schloss das untere Deck der George Washington Bridge wegen zu hoher Windgeschwindigkeiten. Die Brücke verbindet New York und New Jersey. Gleichzeitig verhängte der Wetterdienst eine Tornado-Warnung über New York, was aber im Umfeld von Hurrikanen normal ist. Zuvor war bereits die Chesapeake Bay Bridge im US-Bundesstaat Maryland geschlossen worden.

+++ "Irene" erreicht New York +++

[02.01] Die ersten stärkeren Ausläufer von "Irene" erreichen Manhattan gegen 19 Uhr Ortszeit. Zuvor war es noch völlig windstill, die Luft fast schon erdrückend schwer und schwül, berichtet SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Marc Pitzke. Dann auf einmal, innerhalb von wenigen Minuten, verdunkelt sich der Himmel, wird grün-grau, und ein steter Wind beginnt durch die fast menschenleeren Straßen zu blasen.

Selbst der Meatpacking District, das beliebte Nachtviertel in der Nähe des Hudson-Ufers, ist verlassen, viele Kneipen, Bars und Lokale sind verbarrikadiert. Nur im "Carte Blanche", dem Café des noblen Gaansevort Hotels, ist etwas los. Die Gäste haben sich um den Billiardtisch geschart, um den Hurrikan hier auszusitzen, umringt von Champagnerflaschen.

Ein Polizeibus fährt übers Kopfsteinpflaster und lässt die Sirene aufjaulen. "Evacuate to safety", blinkt über die Anzeige auf dem Dach. Der Fleischgroßmarkt "Western Beef" hat aber trotzdem noch weiter geöffnet. "Wir halten durch bis 22 Uhr", verspricht einer der Metzger in einer weißen Kittelschürze.

Auch im geschlossenen, aber hell erleuchteten Apple Store haben sich zwei bullige Angestellte offenbar für die Nacht eingerichtet. "Wegen Plünderungen", ruft einer, der seinen Namen nicht angeben will, durch die Glasscheibe, weigert sich aber, die Tür aufzumachen.

+++ Zwei weitere Menschen sterben +++

[01.15] Bei Autounfällen in North Carolina sind zwei Personen gestorben. Damit erhöht sich die Anzahl der Todesopfer auf insgesamt acht.

+++ Hochwasser in Ocean City +++

[00.40] In Ocean City im Bundesstaat Maryland ist es zu ersten Überschwemmungen gekommen. Bürgermeister Rick Meehan rechnet laut CNN damit, dass "Irene" gegen Mitternacht die Stadt am schlimmsten trifft. Wegen "schlechteren Bedingungen" habe er Polizisten aus den Straßen abgezogen. Wie auf Notrufe reagiert würde, werde von Fall zu Fall entschieden, sagte Meehan.

+++ Philadelphia ruft Notstand aus +++

[00.23] Der Bürgermeister von Philadelphia, Michael Nutter, hat offiziell den Notstand in der Stadt ausgerufen. Dies war zum letzten Mal im Jahr 1986 geschehen.

+++ Anzahl der Todesopfer steigt auf sechs +++

[23.48] Wie der Sender CNN berichtet, sind inzwischen sechs Menschen durch Hurrikan "Irene" gestorben. Zuletzt sei ein 55-jähriger Surfer in Florida ums Leben gekommen. Der Mann wurde mit einer schweren Kopfverletzung aus dem Wasser geborgen. "Die Brandung heute morgen war ein Überbleibsel von Hurrikan Irene", sagte Tamara Marris, Sprecherin der Strandwache. Zwei weitere Männer starben in Virginia, drei in North Carolina.

+++ Angst und Gelassenheit liegen nah beieinander +++

[23.35] In New York sind die Szenen bizarr: Verbretterte Geschäfte liegen neben offenen Restaurants, in denen die Leute frühstücken. Der Apple Store an der 9th Avenue hat Sandsäcke vor die Glastüren gelegt, berichtet SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Marc Pitzke. "Wegen der Wetterbedingungen sind wir vorübergehend geschlossen", steht auf einem Schild, ein ziemliches Understatement.

Sandsäcke liegen auch vor dem Nobel-Küchenladen "Williams Sonoma". Die Fenster des sonst samstags überlaufenen Szenecafes "Cafeteria" sind komplett mit Sperrholz verbrettert, ebenso das gläserne Erdgeschoss des weltberühmten "Flatiron Buildings" am Broadway.

Im Café "Sweet Life" im Greenwich Village dagegen sitzen die Leute ungerührt beim Brunch, French Toast oder Pfannkuchen mit Kaffee für 4,60 Dollar. Ein paar hundert Meter weiter offeriert der Erotikladen "Fantasy World" eine "spezielle Fantasy-Kerze" für die verregneten Stunden, 1,99 Dollar das Stück. Davor staut sich das erste Wasser im verstopften Gulli, ein Omen auf das, was da vielleicht noch kommen wird.

Der Baumarkt "Home Depot" an der West 23rd Street weist schon am Eingang darauf hin, dass ihm die Batterien, Taschenlampen, Klebeband, Generatoren und das Sperrholz ausgegangen sind. Die Suppenküche "Welcome Table" der katholischen St. Francis Xavier an der 15th Street ist ebenfalls geschlossen: "Wir bitten die Unannehmlichkeit zu entschuldigen."

+++ "Irene" stört die US-Open +++

Die Vorbereitungen auf die US-Open sind durch "Irene" empfindlich gestört. Zwar soll das Tennisturnier wie geplant am Montag beginnen. Am Samstag fiel jedoch der "Arthur Ashe Kids Day" aus, bei dem ein Show- und Tennisprogramm für Familien geboten wird. Am Nachmittag sollte die Anlage dann schließen und den kompletten Sonntag über erst gar nicht öffnen.

Auch die Berlinerin Sabine Lisicki - Nummer 23 der Weltrangliste - wird an dem Turnier teilnehmen. Kurz vor ihrem Sieg im Finale des WTA-Turniers in Dallas twitterte die 21-Jährige: "Alle Flüge nach NYC in den nächsten Tagen wurden gestrichen... Wie sollen wir dort hinkommen??"

+++ Flugverkehr komplett gestrichen +++

[22.50] Fünf New Yorker Flughäfen werden am Sonntag komplett gesperrt sein: John F. Kennedy, LaGuardia, Newark Liberty, Teterboro und Stewart. Das bedeutet, "dass tausende Flüge gestrichen sind, mit jeweils 150 bis 200 Gästen an Bord", sagte Sprecher Steve Coleman.

+++ Gespenstische Ruhe in New York +++

[22.45] Noch ist es ruhig in New York, fast windstill, nur ab und an prasselt heftiger Regen herab. Doch schon Stunden bevor die Ankunft des Sturms erwartet wird, ist die Stadt zu großen Teilen lahmgelegt, berichtet SPIEGEL-Korrespondent Thomas Schulz. Selbst das ständige Hupen ist nicht mehr zu hören. Im zentralen Geschäfts- und Shopping-Viertel Midtown sind fast nur noch Taxen und Touristen auf der Straße. Eine seltsame Stimmung liegt in der Luft: eine Mischung aus gespannter Erwartung, Angst und Genervtheit.

Auf der 5th Avenue ist es leer und dunkel wie sonst höchstens am Weihnachtsmorgen oder anderen Hochfeiertagen. Egal ob Armani oder Abercrombie & Fitch: Alle Geschäfte sind dicht. Nicht einmal mehr der Schaufensterbummel bleibt den genervt wirkenden Touristen. Das legendäre Kaufhaus Saks Fifth Avenue hat seine Schaufenster zum Schutz mit dunklen Tüchern verhangen. Bergdorf Goodman ist mit Holzplatten verbarrikadiert. Vor Versace stehen noch zwei Handwerker mit einer Kreissäge, die noch in letzter Minute versuchen, passende Bretter zu basteln. Vor dem Eingang zu Gap sind Sandsäcke gestapelt. Nicht einer der an fast jeder Straßenecke zu findenden Starbucks-Läden ist geöffnet, mehr als 250 Filialen sind allein in Manhattan geschlossen. Das hat es selbst nach 9/11 nicht gegeben. Vor dem Rockefeller Center haben städtische Arbeiter vorsorglich die Zierpalmen ausgegraben und an der Seite liegend aufgestapelt, damit sie nicht aus ihren Kübeln gerissen werden.

+++ Letzter Stopp für New Yorker U-Bahnen +++

[22.25] New York wird zur Fußgängerzone, die letzten U-Bahnen haben ihre Fahrt beendet. Zum ersten Mal in der Geschichte der Stadt wurde das komplette System eingestellt. Frühestens am kommenden Montag sollen die Züge wieder rollen.

+++ CNN: Zahl der Todesopfer steigt auf vier +++

[22.18] Die Zahl der Todesopfer durch den Sturm steigt nach Angaben des US-Senders CNN auf mindestens vier.

+++ Eine Million Menschen ohne Strom +++

[22.16 Uhr] Die Folgen des Hurrikans "Irene" werden immer massiver. Bis zum Samstagnachmittag (Ortszeit) waren in den zunächst besonders betroffenen Staaten North Carolina und Virginia eine Million Menschen ohne Strom, wie der Sender CNN berichtete.

+++ Sturmwarnung auch in Kanada +++

[21.27 Uhr] Wegen des herannahenden Hurrikans "Irene" haben Meteorologen nun auch eine Sturmwarnung für Teile Kanadas nahe der US-Grenze herausgegeben. Die Warnung gelte von der Grenze bis nach Fort Lawrence, teilte das nationale Hurrikan-Zentrum in Miami mit.

+++ Zwei Tote durch "Irene" +++

[21.12 Uhr] Hurrikan "Irene" hat nach Behördenangaben in den USA bereits zwei Menschen das Leben gekostet. In Nash County im US-Staat North Carolina wurde am Samstag ein Mann von einem Ast erschlagen. In Newport News in Virginia wurde ein elfjähriger Junge getötet, als ein Baum in ein Haus stürzte.

+++ Obama: "Das werden lange 72 Stunden" +++

[20.25 Uhr] US-Präsident Barack Obama hat sich bei einem Besuch in der Zentrale der Katastrophenschutzbehörde Fema zufrieden über den bisherigen Hurrikan-Einsatz gezeigt. "Ihr macht einen prima Job", lobte Obama, der zuvor wegen des Sturms "Irene" seinen Sommerurlaub um einen Tag verkürzt hatte. Zugleich wies er auf die Aufgaben hin, die noch vor Helfern und Einsatzkräften liegen: "Das werden lange 72 Stunden."

aar/dapd/dpa/Reuters

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