Irland Die Salamitaktik der Bischöfe

Seit Jahren werden immer neue Missbrauchsfälle in Irland enthüllt, längst ist klar, dass Kindesmissbrauch zum System gehörte. Vier Bischöfe sind zurückgetreten, doch die Kirchenführung reagiert nur zögerlich - nun wurde sogar der Kardinal beim Vertuschen erwischt.

Kardinal Sean Brady: Glaubwürdigkeit verloren
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Kardinal Sean Brady: Glaubwürdigkeit verloren


In keinem anderen Land hat der Skandal um Missbrauch und Misshandlungen von Kindern unter dem Dach katholischer Institutionen eine solche Dimension wie in Irland.

In den neunziger Jahren häuften sich die Enthüllungen über pädophile Pfarrer. 1999 setzte das irische Parlament eine unabhängige Kommission unter Vorsitz des Richters Sean Ryan ein. Ihr Auftrag: Den Kindesmissbrauch an christlichen Schulen seit 1940 zu untersuchen. Der Abschlussbericht im Mai 2009 kam zu dem Schluss, dass im Laufe der Jahrzehnte 35.000 Kinder geprügelt oder sexuell misshandelt wurden.

Damit nicht genug: Im November 2009 folgte der Murphy-Bericht. Eine zweite Kommission, unter dem Vorsitz der Richterin Yvonne Murphy, war den Missbrauchsvorwürfen von 320 Opfern gegen 46 Priester in der Erzdiözese Dublin zwischen 1975 und 2004 nachgegangen. Die Untersuchung stellte die katholische Führung auf der Insel an den Pranger: Systematisch hat sie demnach jahrzehntelang sämtliche Beschwerden über ihre Priester ignoriert und vertuscht.

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Die tiefkatholische Insel - rund drei Viertel der Bevölkerung sind Mitglied der Kirche - stürzte in eine Sinnkrise, von der sie sich bis heute nicht erholt hat.

Die beiden umfassenden Berichte legen nahe, dass die Aufarbeitung in Irland weiter fortgeschritten ist als in anderen Ländern. Doch die irischen Bischöfe reagierten nur zögerlich auf die öffentliche Wut. Vier amtierende Würdenträger, die im Murphy-Bericht genannt wurden, mussten erst zum Rücktritt gedrängt werden. Und auch der Vorsitzende der irischen Bischofskonferenz, Kardinal Sean Brady, der Transparenz versprochen hatte, sieht seine Glaubwürdigkeit inzwischen unterminiert.

Selbst der Kardinal hat vertuscht

Vor einer Woche wurde berichtet, dass Brady 1975 als protokollierender Priester dabei war, als zwei missbrauchten Kindern ein Schweigegelübde abgenommen wurde. Die Geschichte stand zwar bereits vor 13 Jahren in der Zeitung, aber erst im derzeitigen Klima entfaltete sie ihre explosive Wirkung: Reformer Brady stand plötzlich als Scheinheiliger da. Alle Rücktrittsforderungen wies der Kardinal bisher zurück.

Die Vertrauenskrise ist längst nicht ausgestanden, daher sollen jetzt auch die 24 bisher nicht untersuchten Diözesen unter die Lupe genommen werden. Die Kirchenführung hat zwei Millionen Euro bereitgestellt, damit ihr nationaler Kinderschutzbeauftragter Ian Elliott den Umgang mit Missbrauchsfällen in allen Diözesen überprüft. Die Ergebnisse werden jedoch erst in zwei Jahren erwartet - zu spät, finden Kritiker. Die unabhängige Katholikenzeitung "Irish Catholic" forderte die Bischöfe auf, von sich aus alle Karten auf den Tisch zu legen, statt auf die nächste Enthüllung der Medien zu warten.

Beobachter erwarten, dass noch etliche Priester und Bischöfe in den nächsten Jahren entlarvt werden. Es handelt sich jedoch in der Regel um Altfälle. Seit Mitte der neunziger Jahre - und spätestens seit der Untersuchung in der Diözese Ferns 2005 - wurde die Überwachung der Pfarrer deutlich verschärft. Heutzutage werden die Geistlichen beim Umgang mit Kindern mit Argusaugen beobachtet.



insgesamt 2551 Beiträge
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Klo, 26.03.2010
1.
Zitat von sysopEuropaweit wird die katholische Kirche mit Missbrauchsvorwürfen konfrontiert. Geht der Klerus richtig mit dem Problem um?
Geht er denn überhaupt mit dem Problem um? Erkennt er überhaupt ein "Problem"? Schießlich gibt es das Problem schon sehr lange, aber angegangen wrude es noch nie. Dass jetzt selbst im Klerus irgendetwas in Gang kommt, ist doch keiner tieferen Einsicht, oder gar Selbsterkenntnis zu verdanken, sondern das ist der Aufmerksamkeit der Medien geschuldet, nachdem sich hunderte von Opfern gemeldet haben. Freiwillig ist im Klerus noch gar nie Aufklärungsarbeit geleistet worden, schon gar nicht über eigenes Versagen.
Klo, 26.03.2010
2.
Na also, es geht doch. Bravo!
Fred Heine 26.03.2010
3.
Was Sie da fordern, treibt 80 Prozent der Sportvereine in Deutschland in den finanziellen Ruin. Wollen Sie das wirklich?
Willie, 26.03.2010
4.
Zitat von sysopEuropaweit wird die katholische Kirche mit Missbrauchsvorwürfen konfrontiert. Geht der Klerus richtig mit dem Problem um?
Bislang mal noch nicht.
oliver twist aka maga 26.03.2010
5. Und hier auch nochmal der neueste Skandal aus dem Vatikan
Neuer Skandal im Vatikan Skandal im Vatikan aufgedeckt. Was sind die Motive für die neuerlichen Entgleisungen des Papstes? Papst Benedikt XVI. hat im Anschluss an ein Treffen mit Journalisten aus dem Fenster seines Arbeitszimmers gezeigt und gesagt: "Es ist schönes Wetter heute." Dieser Satz des Papstes hat für Empörung und Entrüstung vor allem in Deutschland gesorgt. Ein Sprecher der kirchenkritischen Organisation "Kirche von unten" erklärte, mit seiner Aussage wolle der Papst nur verdecken, dass bis heute weder der Zwangszölibat abgeschafft noch das Frauenpriestertum eingeführt sei. Er verurteilte die Aussage des Papstes als "weiteres Zeugnis für das reaktionäre Denken, das in Rom vor allem seit der Amtsführung Ratzingers" vorherrscht. Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger forderte den Papst auf, sich nicht weiter um das Wetter zu kümmern, sondern den Vertuschungsaktionen seiner Bischöfe ein Ende zu bereiten. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger: "Der Papst muss endlich Klarheit schaffen statt die römische Sonne zu genießen." Sie kündigte an, ihrem neu gekauften Mops den Namen Ratzi zu geben. Die mutige Kirchenkritikerin und Theologie Uta Ranke-Heinemann verurteilte das Verhalten des Papstes als "heuchlerisch und unverfroren". Es müsse wohl an seiner zölibatären Einstellung liegen, dass er den grauen Himmel der ewigen Stadt als "schönes Wetter" bezeichne. Eugen Drewermann wies in einer Stellungnahme darauf hin, dass Papst Benedikt in seiner früheren Tätigkeit als Präfekt der Glaubenskongregation auch Meteorologen einen Maulkorb hätte umhängen wollen. Claudia Roth äußerte sich in Bodrum (Türkei) enttäuscht über die Worte des Papstes: "Während in Deutschland die Ausländerfeindlichkeit wächst, genießt der Papst in den Vatikanischen Gärten die Sonne. Er sollte ein klares Bekenntnis zur Aufnahme der Türkei in die EU und zu türkischen Gymnasien in Deutschland liefern." Auch in der Zeitschrift Emma wurde der Papst kritisiert. "Warum sagt er: "Es ist schönes Wetter heute." Und nicht "Sie ist schönes Wetter heute." Die Aussagen des Papstes zeigen einmal mehr die Frauenfeindlichkeit der Gerontokraten im Vatikan." Für die Humanistische Union stellt der Satz des Papstes eine Beleidigung aller Opfer der Klimaerwärmung dar. Der Vatikan sei neben den USA und China einer der Hauptverantwortlichen für die drohende Klimakatastrophe, so ein Sprecher der HU. Die Giordano-Bruno-Stiftung (GBS) nannte die Behauptungen des Papstes "groben und geschichtsverfälschenden Unfug". Giordano Bruno sei verbrannt worden, weil er eine andere Meinung über das Wetter in Rom als der Papst vertreten habe. Außerdem, so der Philosoph und Vorsitzende der GBS, Michael Schmidt-Salomon, sei das angeblich schöne Wetter ein klarer Beweis für die Nichtexistenz Gottes. Ein Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz meinte, die Worte des Papstes seien aus dem Kontext gerissen worden. Er verwies auf das "hohe Alter des Heiligen Vaters".
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