Islam in Deutschland Gleiche Freiheit heißt gleiche Verantwortung

Muss der Staat Muslimen mehr Rechte einräumen? Justizminister Heiko Maas beschreibt in einem Gastbeitrag, was sich in Staat und Gesellschaft ändern müsse, um Gleichberechtigung unter den Religionen zu erreichen. Und was Muslime dazu beitragen können.
Junge Musliminnen in Deutschland: Kein Anspruch, Religion nicht sehen zu müssen

Junge Musliminnen in Deutschland: Kein Anspruch, Religion nicht sehen zu müssen

Foto: Sean Gallup/ Getty Images

Religion ist nicht "generell Blödsinn", wie Jan Böhmermann findet . Zum Evangelischen Kirchentag kommen hunderttausend Teilnehmer. Kirche und Glauben haben weiter für viele Menschen eine große Bedeutung. Gleichzeitig bleibt nicht zu übersehen, dass Deutschland säkularer und religiös vielfältiger wird. Ein Drittel der Bevölkerung ist heute religionslos, vier Millionen Muslime leben in Deutschland, das Judentum wächst wieder - mit Blick auf die deutsche Geschichte ein unverdientes Glück! -, und auch an den Rändern der Großkirchen wird die Landschaft bunter, etwa durch evangelikale Christen.

Diese Vielfalt ist eine große Bereicherung, und doch nehmen auch die Konflikte zu. Das Kreuz im Klassenzimmer oder die Beschneidung von Jungen erregen die Gemüter. In Münster wurde gerade über einen städtischen Zuschuss für den Katholikentag erbittert gestritten. Wenn irgendwo in Deutschland eine Moschee gebaut werden soll, sind öffentliche Proteste nicht selten programmiert. Gerade in der Begegnung mit dem Islam wittern viele Menschen eine Gefahr für die eigene Kultur. Oft richten sich die Blicke dann aufs Recht und manche fragen, ob wir das Verhältnis von Staat und Religionsgemeinschaften nicht neu ordnen sollten.

Mir ist eines ganz wichtig: Vielfalt ist ein Zeichen der Freiheit. Eine Muslimin mit Kopftuch, ein junger Mann mit Kippa, ein Minarett im Stadtbild - all das sind keine Widersprüche zu unserem Grundgesetz, sondern das ist genauso gelebte Religionsfreiheit wie das Läuten der Kirchenglocken. Wir können stolz sein auf diese Freiheit, gerade weil sie für Menschen in vielen Teilen der Welt nur ein Traum, aber keine Realität ist.

Keine Einführung eines Zwei-Klassen-Regimes

Manchmal sind diejenigen, die unter Verweis auf Vernunft und Rationalität alle Religionen ablehnen, weniger tolerant als die Religiösen, denen sie diese Intoleranz gern unterstellen. Die negative Religionsfreiheit unserer Verfassung gibt jedem auch das Recht, nichts zu glauben. Sie gibt aber keinen Anspruch darauf, die Religionsausübung anderer nicht sehen oder hören zu müssen. So wie eine abweichende Meinung oder eine konkurrierende Partei zu einem pluralistischen Staat gehören, so gehört auch die Religionsausübung von Andersgläubigen dazu.

Die Skepsis gegenüber Religionen im Allgemeinen und dem Islam im Besonderen führt manche dazu, Gefallen am Laizismus zu finden. Ihre Logik: Bevor der Islam die gleichen Rechte wie die christlichen Kirchen bekommt, sollte man auf Kirchensteuer, Religionsunterricht und religiöse Feiertage lieber ganz verzichten. Die Annahme, man könnte ausgerechnet durch die Verbannung von Religion aus dem öffentlichen Raum das tolerante Miteinander der Religionen fördern, finde ich wenig überzeugend.

Ich halte auch nichts davon, in Sachen Religion ein Zwei-Klassen-Regime einzuführen. Die alte Landesregierung von Nordrhein-Westfalen hat das mit ihrem Schulgesetz versucht: Das Kopftuch der muslimischen Lehrerin wurde verboten, aber das christliche Nonnenhabit oder die jüdische Kippa wurden erlaubt. Solchen Doppelstandards hat das Bundesverfassungsgericht zu Recht eine Absage erteilt. Freiheit ist stets gleiche Freiheit. Eine Bevorzugung einzelner Religionen durch den Staat ist damit unvereinbar.

Die Möglichkeiten unseres Religionsverfassungsrechts stehen deshalb auch dem Islam offen. Staatsverträge, die etwa die Ausbildung islamischer Theologen an unseren Universitäten regeln, können ein wichtiger Schritt sein, um den Platz des Islam in der Mitte unserer Gesellschaft zu stärken.

Manche Probleme haben ihre Wurzeln ja nicht in religiösen, sondern in kulturellen Unterschieden. Imamen, die in Deutschland tätig sind, aber aus Ländern stammen, in denen es keine Freiheit, Vielfalt und Gleichberechtigung gibt, dürfte es schwerer fallen, sich hier zurecht zu finden als deutschen Imamen, die die Wertordnung dieses Landes bereits kennen und leben. Und: Wenn der Islam in Deutschland als Körperschaft des öffentlichen Rechts organisiert wäre und zentrale Instanzen hätte, könnte die Abgrenzung gegenüber religiösen Extremisten auch mit noch mehr Autorität erfolgen - gegenüber einer kritischen Öffentlichkeit und auch gegenüber manchen Wirrköpfen in den eigenen Reihen.

Was wir brauchen

Denn gleiche Freiheit heißt für mich auch gleiche Verantwortung, deshalb darf in muslimischen Gemeinden kein Platz für Antisemitismus sein. Juden sollen nie wieder Angst haben müssen, sich in Deutschland als Juden erkennen zu geben. Antisemitismus und Islamfeindlichkeit sind aus dem gleichen Holz geschnitzt: Wer von der jüdischen Weltverschwörung fabuliert, der bedient die gleichen Ängste wie jene, die über die drohende Islamisierung des Abendlandes schwadronieren.

Ich meine, wir brauchen keine Änderungen des Rechts, aber Tugenden für das friedliche Zusammenleben. Wir brauchen Respekt auch gegenüber den Religionen, an die wir selbst nicht glauben und die wir ablehnen. Daran fehlt es, wenn in Moscheen gegen Frauen ohne Kopftuch gehetzt wird oder - wie jüngst in Bremen - ein evangelikaler Pfarrer Buddha verunglimpft. Wir brauchen Rücksicht im Umgang miteinander, eine muslimische Beschneidungsfeier muss nicht ausgerechnet am Karfreitag stattfinden.

Wir brauchen die Bereitschaft zum Dialog, damit unser Bild vom anderen Glauben nicht von Vorurteilen und extremen Ausnahmefällen bestimmt wird; die christlich-jüdische Zusammenarbeit ist eine Erfolgsgeschichte, eine christlich-islamische Zusammenarbeit wäre eine wichtige Ergänzung. Wir brauchen auch Kritikfähigkeit; Religionen, die das soziale Leben prägen wollen, müssen akzeptieren, dass kritisch hinterfragt wird, wie sie es mit der Gleichbehandlung von Frauen oder Homosexuellen halten.

Weil der religiöse Kulturkampf keine Alternative ist, müssen wir für ein friedliches Miteinander arbeiten. In Europa ist die politische Vielfalt zu Hause. Deutschland hat als Land der Reformation viel Erfahrung mit konfessioneller Vielfalt. Wo sollte das friedliche Zusammenleben der Religionen gelingen, wenn nicht bei uns?

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Foto: Maurizio Gambarini/ dpa

Heiko Maas, 48, ist seit Dezember 2013 Bundesjustizminister. Der SPD-Politiker und Jurist war zuvor im Saarland Wirtschaftsminister. Dort ist der Katholik auch aufgewachsen.

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