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23. Oktober 2014, 17:38 Uhr

Kampf gegen den "Islamischen Staat"

Paruars Krieg

Eine Familie aus dem Irak glaubt, in Oldenburg Frieden gefunden zu haben. Dann beginnt der Horror des IS. Der Vater zieht in den Krieg, der Sohn führt seinen Kampf im Internet. Özlem Gezer über ihre Begegnung mit der Familie Bako.

Paruar Bako ist 21 Jahre alt und studiert Wirtschaftsrecht in Osnabrück, seine Semesterferien verbrachte er im Irak, im Krieg gegen den "Islamischen Staat" (IS).

Ich traf Paruar Bako das erste Mal am Flughafen in Hannover. Es war eine Dienstagnacht gegen 2.30 Uhr, er war gerade gelandet, kam zurück aus Arbil.

Er trug Jeans, Hemd und eine schwarze Laptop-Tasche, hielt sein Smartphone in der Hand und sah aus wie ein Student, der gerade vom Austauschsemester in Bologna zurückkehrte. Nur seine Stiefel waren voller Dreck und Staub, es war der Staub vom Sindschar-Gebirge im Nordirak.

Paruar Bako und seine Familie sind kurdische Jesiden, eine religiöse Minderheit, auch in ihrer alten Heimat im Irak unter Muslimen und Arabern. Männer wie Paruars Vater Ali Bako haben vor zwei Jahrzehnten ihre Heimat verlassen und sind nach Deutschland geflohen, um ihre Familien vor Saddam Hussein zu retten. Heute kehren sie zurück in den Irak, um ihr Volk vor den Angriffen des IS zu schützen.

Sie sind deutsche Staatsbürger, die im Sindschar-Gebirge kämpfen und in Videobotschaften "Deutschland, Europa und die ganze Welt" um Hilfe anflehen.

Das ausgerufene "Kalifat" des IS zieht nicht nur Dschihadisten aus aller Welt an die Front. Inzwischen sollen auch bis zu Tausende kurdische Kämpfer allein aus Europa im Irak und im syrischen Kobane kämpfen. Es sind Kurden aus Frankreich, England oder Oldenburg.

Auch Paruar kämpft gegen den IS. Er führt seinen Kampf auf Facebook. Ich sah sein Profil und guckte mir seine Videos an: Menschen, die vor dem IS-Terror flohen und Paruar ihre Geschichte in seine Smartphone-Kamera erzählten:

Warum fliegt ein Student aus Oldenburg 3000 Kilometer weit und riskiert sein Leben? Ich schrieb ihn an und fragte: "Paruar, würde dich gerne kennenlernen, wann bist du zurück in Deutschland? Kann auch spontan."

"Wie spontan?", fragte er.

In der nächsten Nacht holte ich Paruar am Flughafen ab, wir fuhren zwei Stunden über die Autobahn nach Oldenburg, er wollte Musik hören, endlich abschalten. Ich rauchte, er konnte nicht aufhören zu erzählen.

Im Morgengrauen kamen wir in Oldenburg an, seine Mutter Watfa öffnete die Tür und sagte: "Ich bin richtig sauer auf dich, Paruar!", und gab ihm einen Kuss. Es klang, als sei er zu spät von der Disco nach Hause gekommen.

Der Krieg, er gehörte jetzt dazu bei den Bakos. Ich saß tagelang bei der Familie im Wohnzimmer. Wir tranken Kaffee, guckten alte Bilder, dann wieder Kurdistan TV. Mutter Watfa wollte immer wissen, wo der IS gerade ist. Zweimal am Tag klingelte das Telefon, dann rief Vater Ali Bako an, vom Berg.

Watfa vermisst ihren Mann und versucht trotzdem, den Alltag in Oldenburg zu bewältigen. "Eigentlich müsste ich auch in den Irak", sagte sie irgendwann. "Ali vermisst mein Essen. Ich vermisse Ali. Aber ich kann nicht, wenn ich in den Krieg gehe, dann gehen die Jungs nicht pünktlich in die Schule."

Wenn ich an die Bakos denke, muss ich oft an diesen brauen Lederstuhl in der Küche denken, auf den sich keiner der fünf Söhne setzen wollte, wenn wir gemeinsam aßen. Er bleibt immer frei, es ist der Platz von Vater Bako.

Die ausführliche Reportage über die Familie Bako lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL:

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