Islamisten Mit Gott gegen die Kritiker

Gott möge über den islamkritischen Wissenschaftler Hans-Peter Raddatz richten, fordert der Delmenhorster Islamist Özoguz auf seiner Website. Experten sehen darin einen Mordaufruf, Özoguz beruft sich auf den Propheten.
Von Yassin Musharbash

Berlin - Auf der Internet-Seite von Yavuz Özoguz herrscht große Aufregung: "Reine Hetze gegen den aktiven Islam", wittert zum Beispiel der Diskussionsteilnehmer Hussein_86. Die Empörung gilt einem Fernsehbeitrag, der in der Sendung "Report Mainz" am Montag zu sehen war. Darin ging es um eben diese Seite, das Internet-Portal "Muslim-Markt" - und einen angeblichen Mordaufruf, der dort veröffentlicht worden sein soll. Mittlerweile hat sich sogar die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Yavuz Özoguz droht - nicht zum ersten Mal - Ärger mit der Justiz.

Stein des Anstoßes ist diesmal eine Passage aus einem Text, den Özoguz in dem Forum veröffentlich hatte: "Wenn der Islam so ist, wie Herr XXX es immer wieder vorstellt, dann möge der allmächtige Schöpfer alle Anhänger jener Religion vernichten! Und wenn Herr XXX ein Hassprediger und Lügner ist, dann möge der allmächtige Schöpfer ihn für seine Verbrechen bestrafen und diejenigen, die trotz mehrfacher Hinweise auf die verbreiteten Unwahrheiten von Herrn XXX, immer noch darauf bestehen, auch."

Was verbirgt sich hinter diesen Zeilen? Mit XXX ist der Wissenschaftler Hans-Peter Raddatz gemeint, dessen Name zunächst auch explizit genannt wurde. Die Anonymisierung hat Özoguz nachträglich vorgenommen. Und inhaltlich? Raddatz selbst, der seit Jahren kritische Beiträge über den Islamismus publiziert, glaubt an einen Mordaufruf.

Die Islamwissenschaftlerin Ursula Spuler-Stegemann, ebenfalls Expertin auf dem Gebiet, pflichtet ihm bei. Und der Göttinger Arabist Tilman Nagel, von der Staatsanwaltschaft gefragt, erklärte in einem Gutachten: Ja, da werde dazu aufgerufen, das Gesetz in die eigene Hand zu nehmen. Raddatz steht mittlerweile unter Personenschutz; die Erinnerung an die Ermordung des islamkritischen Filmemachers Theo van Gogh in den Niederlanden vor fast genau einem Jahr ist noch frisch. Raddatz erstattete außerdem Anzeige.

"Wir sind islamistische Fundamentalisten"

Yavuz Özoguz selbst sieht alles freilich ganz anders: Ein Missverständnis, gepaart mit böser Absicht, sagt der Co-Autor des ironisch gemeinten, aber ziemlich erhellenden Buches "Wir sind fundamentalistische Islamisten in Deuschland". Die Journalisten hätten nicht ausgewogen zitiert und seine Passage aus dem Kontext gerissen. Er macht geltend, es handle sich bei dem "Gebetsvorschlag" um die Anwendung eines islamischen Prinzips, das auf den Propheten Mohammed zurückgehe: Die sogenannte Mubahala.

Dieses Prinzip, so Özoguz in einer "Pressemitteilung", die er gestern veröffentlichte, strebe "ausdrücklich die friedliche Lösung eines irdisch unlösbaren Konfliktes durch ein gegenseitiges Gebet" an. Bei einer Mubahala verflucht man sich gewissermaßen gegenseitig und überlässt es Gott zu entscheiden, wer recht hat. Das Kalkül ist, dass die weniger überzeugte Partei einen Rückzieher angesichts des Risikos macht - so zumindest handhabte es der Prophet.

"In dem Gebet wird zweifelsfrei darauf verwiesen, dass nicht der Mensch sondern Gott allein ggf. eine Strafe - und erst im Jenseits - ausübt", schreibt deshalb auch Özoguz. Die umstrittene Textpassage sei somit nichts als ein Mubahala-Angebot an einen Diskussionsteilnehmer im Internet-Forum gewesen, der sich offenbar Raddatz' Thesen zu Eigen gemacht hat. Also kein Mordaufruf?

Zumindest dem von der Staatsanwaltschaft befragten Arabisten Nagel ist nicht bekannt, dass Özoguz seine Äußerung in den Zusammenhang mit einer Mubahala gestellt haben will. Das bestätigte Nagel SPIEGEL ONLINE. Viel ändere das freilich nicht, so der Experte. "Man kann sich in solchen Fällen nicht in Zweideutigkeiten begeben", erklärte er. Konflikte dieser Art müssten auf dem Gerichtsweg gelöst werden, alles andere sei eine implizite Ablehnung des Rechtsstaates, eine Mubahala schlicht abwegig.

Glühender Verehrer der Mullahkratie

Daran, dass Özoguz ein Islamist ist, der am liebsten in einem Gottesstaat leben würde, kann derweil kaum ein Zweifel bestehen. Der gebürtige Türke, der seit Jahren in Delmenhorst bei Bremen lebt und an der Uni arbeitet, schloss sich nach der Revolution im Iran 1979 dem Schiitentum an. Er ist ein glühender Verehrer der Mullahkratie; einst gelangte man von seiner Homepage aus mit zwei Klicks zur Webseite der Iran-nahen Hisbollah-Miliz; schon da bekam Özoguz Ärger.

Später gab er sich derart Israel-kritischen Parolen hin, dass ihm der Vorwurf der Volksverhetzung gemacht wurde. Auch gegen die iranische Anwältin Shirin Ibadi hetzte Özoguz, nachdem ihr 2003 der Friedensnobelpreis zugesprochen wurde. Sie gebe "Unsummen für Augenbrauenzupfen aus", ätzte der Delmenhorster, trüge kein Kopftuch und sei außerdem mit dem Schah-Regime verbandelt gewesen.

Sein Internet-Portal "Muslim-Markt" verzeichnet nach eigenen Angaben bis zu 100.000 Klicks im Monat; dort findet sich alles, was der fromme oder überfromme Muslim braucht: Kontaktanzeigen, Formulare zur Befreiung der Töchter vom Schwimmunterricht sowie Adressen von islamischen Friseuren, die von Außen nicht einsehbar sind. Und schließlich ist da noch das Diskussionsforum, in dem Yavuz Özoguz regelmäßig zu aktuellen Themen Stellung bezieht - und zwar eindeutig: Gegen Israel, gegen die USA, gegen die angeblich islamfeindliche deutsche Gesellschaft, gegen kritische Journalisten und für den Iran. Seine Verehrung für den islamistischen Staat geht so weit, dass Özoguz schon einmal darüber sinnierte, ob nicht deutsche Straftäter die Prügelstrafe in manchem Fall vorziehen würden.

"Irdisch unlösbarer Konflikt"

Allerdings steht hinter Özoguz keine schlagkräftige Organisation, bei der man davon ausgehen könnte, dass sie die als Gebet verklausulierte Warnung an Raddatz nun umsetzen würde. Es gibt lediglich einen kleinen Verein namens "Islamischer Weg", dem der studierte Ingenieur vorsteht.

Seine umstrittene Passage über Raddatz ist deshalb kaum vergleichbar mit dem Mordaufruf, den der "Kalif von Köln", Cemaleddin Kaplan, gegen einen "Gegenkalifen" in den eigenen Reihen erlassen hatte. Es könne nur einen Kalifen geben, hatte der Gründer des "Kalifatsstaats" damals gepredigt, der zweite sei aus dem Weg zu räumen. So geschah es: Sein Nebenbuhler wurde 1997 in Köln mit Kopfschüssen getötet.

Özoguz weist denn auch jeden Vorwurf der Militanz von sich. Auch hält er sich zugute, dass er gesetzestreu sei - nicht zuletzt, weil Muslime zur Einhaltung der geltenden Gesetze verpflichtet seien. Tatsächlich nimmt er gelegentlich mäßigend Einfluss auf übereifrige Besucher seines Diskussionforums.

Aber das bedeutet nicht, dass Özoguz ein gelungenes Beispiel des gelebten Dialogs ist, auch wenn er es immer und immer wieder behauptet. Er testet vielmehr gern aus, wie weit er sich vorwagen kann, und schürt mit permanenten Angriffen auf die deutsche Mehrheitsgesellschaft Vorbehalte. Es ist noch nicht lange her, da ersetzte er in einer Göbbels-Rede die Juden durch die Muslime, um auf seine angebliche Diskriminierung aufmerksam zu machen.

Wie wenig Özoguz trotz all seiner Beteuerungen vom deutschen Rechtsstaat hält, geht nicht zuletzt auch aus seiner gestrigen Pressemitteilung hervor. Wer die Auseinandersetzung mit seinen Kritikern für einen "irdisch unlösbaren Konflikt" hält, der lebt wohl kaum in dieser Welt.

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