Kinderhandel in Norditalien "Lieber Papa, ich warte mit ganzem Herzen auf dich"

Im norditalienischen Bibbiano wurden Kinder ihren Eltern weggenommen - und zwangsweise in andere Familien gegeben. Offenbar floss viel Geld. Ein erschreckender Fall, den Rechtspopulisten nun ausschlachten.

Demonstrantin in Modena: Der Fall sorgt in ganz Italien für Entsetzen
Roberto Brancolini/ Fotogramma/ Independent Photo Agency Int./ imago images

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Das Kind lebe "in einem Zustand der Verwahrlosung", notierten die Sozialarbeiter. Abgenickt von Psychologen, unterschrieben von der Kommunalverwaltung, wurde das Mädchen deshalb bei seinen Eltern abgeholt und zu Pflegeeltern verbracht. Laut der Regionalzeitung "Il Tirreno" wurde das Kind daraufhin von einem lesbischen Paar in Obhut genommen, von dem eine Partnerin zuvor ein Verhältnis mit der Sozialarbeiterin hatte, die für den Sorgerechtsentzug mitverantwortlich war. Das war vor rund zwei Jahren. Niemand ahnte damals, welche Dimension der Skandal von Bibbiano noch erreichen würde.

Anfang dieses Jahres fiel, angeregt durch Hinweise aus der Bevölkerung, dem zuständigen Jugendgericht in Bologna auf, dass in der norditalienischen Gemeinde Bibbiano überdurchschnittlich viele Kinder zwangsweise Pflegeeltern zugeteilt wurden - und dass die Aktenlage dazu nicht stimmig war. Das Gericht ordnete eine Untersuchung an. Interner Arbeitstitel: "Engel und Dämonen". Dabei fielen den Ermittlern auch erschütternde Briefe dieses kleinen Mädchens in die Hände.

In denen fragte es immer wieder seinen "lieben Papa", warum er nicht schreibe. Er fehle ihr so sehr, und sie wisse nicht, warum er nicht antworte. Aber sie warte "mit ganzem Herzen" auf ihn, zitiert "Il Tirreno" aus den Briefen. Doch die emotionale Post wurde niemals abgeschickt. Die Briefe lagerten gut verwahrt im Sozialamt. Stumm archiviert. Jetzt, nach zwei Jahren, durfte das inzwischen zwölfjährige Kind auf Anordnung der Richter zu seinen leiblichen Eltern zurückkehren.

Es ist nicht der einzige traurige und kaum fassbare Fall dieser Art im kleinen 10.000-Einwohner-Städtchen Bibbiano, in der reichen Provinz Reggio-Emilia, südöstlich von Parma.

  • Zwei Kinder, von ihrer Mutter wegen Bauchschmerzen ins Krankenhaus gebracht, kamen ins Heim. Die Mutter habe von sexuellem Missbrauch durch den Vater gesprochen, steht in den Einweisungspapieren, die von italienischen Onlinemedien zitiert werden. Der Untersuchungsbefund der Klinik war gegenteilig, die Mutter schwört, dergleichen nie gesagt zu haben.
  • Ein Mädchen wurde 2011 in "öffentliche Obhut" genommen, weil die Eltern finanzielle Probleme hatten. Sie wurde von einer Institution zur anderen weitergereicht, war zeitweise auch bei Pflegeeltern. Ab Oktober 2018 kam sie in psychotherapeutische Betreuung. Dort offenbarte sie angeblich unglaubliche Erinnerungen: Ihr Vater habe sie an Halloween mit Tierblut geschminkt und zum Betteln von Tür zu Tür geschickt. Zudem habe er an Halloween vier Menschen ermordet. Damals sei sie zwischen zwei und vier Jahren alt gewesen. Unkommentiert landeten diese Vorwürfe so in den Akten.

Ganz konkret wurden bislang sieben Fälle untersucht, in vier davon durften die Kinder umgehend zu ihren Eltern zurückkehren. In den anderen Fällen steht eine Entscheidung noch aus.

Weitere Prüfungen zu den ungewöhnlich zahlreichen Zwangspflegschaften sind im Gange. Auch in anderen Städten der Region. Wie viele das sind, ist nicht klar. Die Rede ist von einigen Dutzend.

Ende Juni hatte die Staatsanwaltschaft 27 Verdächtige ausgemacht, darunter Sozialarbeiter und Ärzte, Psychologen und Kommunalbeamte. Gegen 18 von denen wurde inzwischen - wegen des Verdachts auf Kindesmisshandlung, Amtsmissbrauch, Fälschung von Dokumenten, Betrug und weiteren Delikten - Anklage erhoben. Darunter ist auch der Bürgermeister von Bibbiano, der nun unter Hausarrest steht. Er hat die amtlichen Dokumente, zumindest teilweise, unterschrieben.

Elektroschocks und Wolfsfratzen-Gesichter

Verwickelt in den Fall ist auch ein bekanntes Therapiezentrum in Turin, mit dem Namen "Hansel e Gretel" und dessen Direktor. Der Psychotherapeut ist der Justiz nicht unbekannt. Er soll seine Frau und seine Kinder misshandelt haben. Sein Anwalt erklärte hingegen, der Mandant habe doch nur "Teller zerdeppert".

Der Direktor, seine Gattin - ebenfalls Therapeutin - und zwei "Hansel-e-Gretel"-Kollegen waren auch in Bibbiano aktiv und kümmerten sich dort, um die offenbar besonders häufigen Fälle von Kindesmissbrauch. Bei vielen Kindern führten diese "Diagnosen" dazu, das die Mädchen und Jungen in die Hände von Pflegeeltern kamen.

Die Staatsanwaltschaft geht inzwischen davon aus, dass diese Missbrauchsfälle in vielen, vielleicht den meisten, vielleicht auch fast allen Fällen, frei erfunden worden waren. Eine Sozialarbeiterin aus Bibbiano hat inzwischen gestanden, sie habe solche Berichte gefälscht - so wird sie von der Regionalzeitung "Gazzetta di Regio" zitiert. Sie soll auf Geheiß ihrer Vorgesetzten gehandelt haben.

"Systematische Gehirnwäsche"

Der Entzug der Kinder lief, wie es die Ankläger sehen, immer wieder nach dem gleichen Schema ab: Sozialhelfer machten passende Kinder in Familien mit ökonomischen Schwierigkeiten ausfindig. Also bei Arbeitslosen, Migranten, Eltern mit wenig Einkommen und vielen Kindern. Diese wurden zu den Therapeuten einbestellt und die machten den Kindern dann klar, dass sie daheim misshandelt oder sogar missbraucht worden seien.

Wollten die Kinder sich daran nicht erinnern, soll ihr Gedächtnis laut Ermittlungsakten mit elektrischen Impulsen "aufgefrischt worden" sein. Zudem hätten die Kinder Zeichnungen anfertigen sollen, aus denen dann die vermeintlichen Experten auf sexuelle Übergriffe schlossen. Mitunter wurden die kindlichen Malversuche aber auch von den Fachleuten "korrigiert" oder gleich selbst angefertigt.

Geld, Sex oder Verbohrtheit

Die Methoden, mit denen angeblich "spielerisch" die schrecklichen Misshandlungen der Kinder aus dem Untergrund des Bewusstseins geholt wurden, lesen sich wie aus einem Horrorfilm: Der Therapeut soll sich dazu etwa eine Angst einflößende Wolfsmaske übers Gesicht gezogen haben, wenn er den bösen Vater spielte.

Laut Anklageschrift, die von verschiedenen italienischen Medien auszugsweise zitiert wird, habe es "systematische Gehirnwäsche" und geradezu "exorzistische Praktiken" gegeben.

Das Motiv für die Machenschaften der Beschuldigten ist noch unklar. Vor allem ging es wohl schlicht um Geld. Um viel Geld. So zahlte die Gemeinde Bibbiano offenbar für die therapeutische Behandlung pro Stunde 135 Euro, statt eines andernorts üblichen Satzes von allenfalls 80 Euro. Dazu gab es Fortbildung, Sondermaßnahmen. Im Jahr kamen dabei 100.000 Euro oder mehr zusammen. Die öffentlichen Heime bekamen Geld. Genauso wie die "neuen Eltern", die im Gegenzug mitunter auch an die "Kinder-Vermittler" einen Obolus gezahlt haben sollen. Sogar der "Vertrauensanwalt" der Kinder verdiente mit: Binnen vier Jahren kamen bei ihm Honorare von 70.000 Euro an. Alles in allem sei es um ein Geschäft von Hunderttausenden Euro gegangen.

Auch der Verdacht, manche Kinder seien in den Pflegefamilien sexuell missbraucht worden, steht im Raum. Viele sind offenbar noch heute von den Erlebnissen traumatisiert.

Die politische Schlacht ist voll entbrannt

Auch wenn derzeit noch vieles zu dem Fall in Bibbiano im Dunkeln liegt - die üblichen Politiker verkünden schon, was jetzt in ganz Italien anders werden muss. Schließlich stehen Ende des Jahres, spätestens Anfang des nächsten in der Emilia-Romagna, also rund um Bibbiano, Regionalwahlen an. Dort regieren seit langer Zeit die Sozialdemokraten. Jetzt sehen die Nationalisten und Rechtspopulisten die Chance, noch ein weiteres Stammland der Linken zu erobern.

Matteo Salvini bei einem Besuch in Bibbiano
Stefano Cavicchi/ LaPresse/ ZUMA Press/ picture alliance

Matteo Salvini bei einem Besuch in Bibbiano

Als Erster war, wie üblich, Innenminister und Lega-Chef Matteo Salvini am Tatort und verkündete, er werde "keinen Frieden geben, bis auch das letzte Kind wieder zu Hause ist". Und dazu kämen jetzt alle Einrichtungen der Kinder- und Jugendfürsorge Italiens unter die Lupe. Eigentlich will er, schon länger, alle staatlich geförderten Strukturen für die Betreuung von Kindern abschaffen. Dort sollen bis zu 50.000 Kinder untergebracht sein.

Luigi Di Maio, Arbeitsminister und Vormann der Fünf-Sterne-Bewegung, kam wie üblich etwas später als sein Koalitionspartner und größter Gegenspieler. Auch er will alle Einrichtungen für Kinder und Jugendliche untersuchen lassen. Denn die entstammten ja den Ideen der Sozialdemokraten und hätten sich nun in Bibbiano "als Albtraum entlarvt", sagt er.

Die Sozialdemokraten erklären hingegen, man müsse die Sache differenziert betrachten. Das sagen sie neuerdings immer, wenn eine Wahl ansteht. Und eines ist klar: Helfen wird ihnen der Skandal in Bibbiano dabei nicht.



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