Italien Ölpest weitet sich aus

Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit: Feuerwehr und Zivilschutz kämpfen in Norditalien gegen die sich ausbreitende Ölpest. Hunderttausende Liter Treibstoff haben inzwischen den Po erreicht.

Monza - Die Umweltkatastrophe im italienischen Po-Gebiet hat sich am Donnerstag ausgeweitet. Hunderttausende Liter Treibstoff, die zuvor durch einen mutmaßlichen Sabotageakt in den Nebenfluss Lambro gelangt waren, erreichten nun auch den längsten Fluss des Landes und verschmutzten weite Abschnitte des Pos.

Die betroffenen Regionen Emilia-Romagna und Lombardei schlugen Alarm und forderten die Regierung in Rom auf, den Ausnahmezustand zu verhängen. Der Energie-Konzern Enel teilte mit, die Ölpest habe bereits sein Wasserkraftwerk Isola Serafini am Po erreicht. Der Treibstoff bilde eine bis zu 15 Zentimeter dicke Schicht auf der Wasseroberfläche.

"Wir reden hier über mindestens 400.000 Liter Treibstoff", sagte der Leiter des Katastrophenschutzes in Emilia-Romagna, Ferruccio Melloni. Es handle sich größtenteils um Diesel.

Die Behörden rieten der Bevölkerung der betroffenen Gebiete inzwischen, kein Leitungswasser mehr zu trinken. Ein Gesundheitsrisiko durch den Verzehr von Lebensmitteln aus der Gegend bestehe hingegen bisher nicht, betonte der italienische Landwirtschaftsverband Coldiretti.

Wasservögel und Wildtiere verendet

Dutzende Wasservögel und Wildtiere verendeten bereits nach Angaben von Umweltschützern. Sollte die schwarze Flut die Adria erreichen, seien auch hier etwa 10.000 Arten der Meeresflora und Meeresfauna in Gefahr, befürchteten die Experten.

Am Dienstag hatten Unbekannte vermutlich absichtlich mehrere Tanks der stillgelegten Raffinerie Lombarda Petroli di Villasanta geöffnet. Zwischen zwei und zehn Millionen Liter Heiz- und Dieselöl waren zum Teil in der Kläranlage von Monza aufgefangen worden. Der Rest des Altöls schwappte zunächst in den Po-Nebenfluss Lambro. Nördlich von Piacenza erreichte die Ölpest dann am Mittwoch die 650 Kilometer lange Wasserader.

Die Verseuchung der Kläranlage, die etwa 70 Prozent der giftigen Flüssigkeit aufgefangen haben soll und nun für voraussichtlich drei Wochen außer Gefecht gesetzt ist, stellt ein weiteres Problem dar. Denn die Abwässer der rund 800.000 Einwohner der Gegend fließen im Moment ungeklärt in den Lambro. 20 Jahre Säuberungsarbeiten des Flussgebietes seien verloren, zitierte der Mailänder "Corriere della Sera" am Donnerstag Experten.

Hintergründe der Tat

Die Hintergründe der Tat lagen auch am Donnerstag noch weitgehend im Dunkeln. Die Staatsanwaltschaft von Monza eröffnete Ermittlungen gegen Unbekannt. Italienische Medien vermuteten Bauspekulationen hinter der kriminellen Tat. So seien Großbauprojekte in der Nähe der seit Jahren stillgelegten Raffinerie geplant.

"Diese Umweltkatastrophe ist bisher mit einer unglaublichen Langsamkeit behandelt worden", klagte der Präsident der grünen Partei "Legambiente", Vittorio Cogliati Dezza, am Donnerstag. Mit einer besseren Koordinierung der Rettungsmaßnahmen sei es jedoch noch möglich, die Schäden zu begrenzen, bevor das Öl das Po-Delta erreiche.

Fachleute der italienischen Fraktion der Naturschutzorganisation "World Wide Fund For Nature" (WWF) hatten bereits am Mittwoch von einem "Desaster mit Langzeitauswirkungen" gesprochen. Umweltministerin Stefania Prestigiacomo wollte sich am Donnerstag persönlich ein Bild von der Lage verschaffen. Am Nachmittag sollte im Abgeordnetenhaus über Maßnahmen beraten werden.

jdl/dpa/Reuters
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