Jagdmesse Kommunizierendes Röhren

Großkalibrige Gewehre, gewaltige Geländewagen: Die Fachmesse "Jagd und Hund" ist das Hochamt des deutschen Waidwesens und ein Refugium begeisterter Männer, die auch vor Skurrilitäten nicht zurückschrecken - wie einer Meisterschaft der Hirschrufer.

Von , Dortmund


Treffen sich zwei Jäger in Halle 4, sagt der eine: "Es gibt Hunde, die bedeutend klüger sind als ihre Besitzer." Sagt der andere: "Ja, genau, ich hab auch so einen."

Explodierendes Gelächter.

Dieser Witz, so schießt es einem in den Kopf, könnte so etwas wie ein Codewort sein, ein kleinster gemeinsamer Nenner vielleicht, die humoristische Norm dieser Veranstaltung - so dass jeder, der darüber nicht lachen kann, die Dortmunder Westfalenhallen derzeit besser meidet. Ketzerisch gesagt.

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Wett-Röhren: Wie der Hirsch auf der Lichtung
Denn dort, auf genau 44.665 Quadratmetern, haben sie sich ausgebreitet, um ihrer Profession, ihrer Berufung, ihrem Hobby zu huldigen - die Jäger: 340.000 von ihnen gibt es im Land, sie haben mehr Männer unter Waffen als Bundeswehr oder Polizei, sie gebieten über eine gewaltige Feuerkraft - natürlich zum Wohl der Natur: Gemeinsam erlegten die bundesdeutschen Waidmänner im vergangenen Jahr unter anderem 471.000 Hasen, 526.000 Stockenten und 1,1 Millionen Rehe. "Regulierung des Wildbestandes" nennen sie das.

Die Jäger, diese unbekannten Wesen, sind nicht nur Zahnärzte, Rechtsanwälte und Unternehmer, sie sind vor allem und immer noch: Männer über 50. Man kann sagen, sie sind das Deutschland, wie es früher einmal war, das Deutschland vor Bushido, Bohlen, Klum, diese verlässliche, wohlhabende und gescheitelte Nation, in der niemand Superstar werden wollte, sondern alles im Leben seine Ordnung haben sollte.

"Der Sau hast du es gegeben"

Und so bewegt sich die große Lodenschau, dieser Reigen aus Wildlederjoppen, Gamsbärten und Hirschhornknöpfen, sehr geruhsam und rücksichtsvoll vorwärts. Zur Begrüßung zieht man den Hut voreinander, zum Abschied entbietet man "Grüße an die Frau Gemahlin". Nur ab und an, wenn sich Besucher vor einzelnen Ständen massieren und sich Schulter an Schulter drückt, hört man Jauchzer der Begeisterung: Meist geht es dann um Autos oder Waffen.

"Ja, der Sau hast du es gegeben", jubelt ein Mittsechziger. Sein Kumpel feuert derweil mit Laserstrahlen auf eine Wand, auf der Filmsequenzen mit Wildschweinen zu sehen sind. "Jajajaja, sehr gut, Kurt, jaja, weiter so." Das sogenannte Jagdkino, auf dem Waidmänner ihre Schießfertigkeit schulen sollen, hört sich an wie ein Softporno aus den Siebzigern und sieht aus wie Counterstrike für Pensionäre. Am Ende wirft der Computer die letale Trefferquote aus.

Noch viel befremdlicher muten jedoch die Stände an, an denen Jagdreisen angeboten werden. So muss der trophäengierige Waidmann in Namibia zum Beispiel 7500 Euro auf den Tisch legen, um eine Pferdeantilope töten zu dürfen - Jagdführung, Unterbringung, Flug, Lizenz, Waffe, Konzession nicht inbegriffen. Ein Schakal hingegen ist ein Schnäppchen und kostet gerade einmal 50 Euro "Kopfgeld" - vielleicht weil er kein Geweih hat, das man sich zu Hause an die Wand hängen kann?

Josef von Gostkowksi, "ein leidenschaftlicher Jäger", wie er von sich sagt, vertraut hingegen lieber auf die Kraft der eigenen Lungen und sein feines Lippenspiel. Der Schlosser aus Rommerskirchen war Deutscher Hirschrufmeister 2007 und tritt in diesem Jahr an, den Titel zurückzugewinnen. "Meine Frau hat gesagt, du bist nicht ganz dicht, aber mich fasziniert das Gespräch mit dem Hirsch."

"Genau wissen, wie ein Hirschruf aussieht"

Jedenfalls ist der 61-Jährige einer von sieben Kombattanten, deren kommunizierendes Röhren am Freitagnachmittag die Besucher erfreut. Erbsensuppenduft liegt in der Luft, der Kunstrasen ist frisch verlegt, und der Moderator, Typ Michael Buffer in Lodenjacke, preist noch schnell die dreiköpfige Jury als Experten, "die genau wissen, wie ein Hirschruf aussieht".

Von Gostkowski ist als erster dran. Die Aufgabe lautet: "Ein alter Hirsch, der mit einigen wenigen Stücken Kahlwild abseits des Rudels steht." Der Waidmann verbeugt sich und prustet los, eine Tröte am Mund, die er wie eine Posaune verlängert und verkürzt. Er donnert, stöhnt, grunzt, ächzt und brüllt, für einen Moment scheint der König des Waldes in Messehalle 4 zu stehen, auf dem Kunstrasen, unter den Scheinwerfern und vor den klackenden Kameras.

Doch die Punktrichter geben dem Waldkönig in Menschengestalt nur 13 von 18 möglichen Zählern - zu wenig, um die starke Konkurrenz zu bezwingen. Nach drei Durchgängen und einem Stechen setzt sich schließlich der Berufsjäger Jens Sander aus der nordrhein-westfälischen Gemeinde Roetgen durch. Im Vorjahr wurde der 63-Jährige noch Letzter, diesmal röhrt er seine sechs Kontrahenten in Grund und Boden: "Ich bin wirklich ein Hirsch aus der Eifel", ruft er schließlich ins Mikrofon.

Gefragt, ob seine meisterhaften Lockrufe ihm denn auch stetes Jagdglück bescherten, winkt Sander ab: Das könne man so nicht sagen. "Das hängt immer vom Hirsch ab."



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