Jahrzehnt des Hoaxing Unglaublich, aber falsch

George W. Bush: zu dumm zum Lesen. Da sitzt er neben einem Schulmädchen und hält das Buch verkehrt herum. Ein Bild, das um die Welt ging - und eine Fälschung war. SPIEGEL ONLINE über die dreistesten Lügen eines Jahrzehnts, in dem das böse Spiel mit der Wahrheit Mode wurde.
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Hoax 2000: Quadratische Katzen im Glas

Hamburg - Manche Geschichten scheinen so wahr, dass sie einfach wahr sein müssen. So wie diese: George W. Bush sitzt 2002 in einer Schule in Texas und soll gemeinsam mit Kindern aus einem Buch vorlesen. Der 43. Präsident der USA gibt sich interessiert, er hört dem Mädchen neben sich gespannt zu. Ein Fotograf drückt auf den Auslöser, als "Dubbya" dummerweise sein Buch verkehrt herum hält.

Eine Steilvorlage für hämische Kommentare: "Kann der mächtigste Mann der Welt nicht einmal richtig lesen?" Millionenfach und in rasanter Geschwindigkeit wird das Foto via Internet verbreitet. Wer der Urheber der Aufnahme ist? Ganz egal. Das Bild vom dämlichen US-Präsidenten geht um die Welt.

Der Haken der Geschichte: Sie ist nicht wahr. Das Foto lügt. Es handelt sich um eine Montage. Wie ein Vergleich mit der Originalaufnahme der Nachrichtenagentur AP zeigt (siehe Fotostrecke oben).

Ein gelungener Fall von Hoaxing.

Hoax - so werden heute alle möglichen Formen der Täuschung genannt. Der Begriff stammt aus dem Englischen, ist vermutlich als Kurzform von Hokuspokus entstanden und lässt sich mit "Streich" oder "Schwindel" übersetzen. Es gibt witzige und verwerfliche, harmlose und kriminelle, durchschaubare und perfekt getarnte Hoaxe. Bettelbriefe für vermeintlich todkranke Kinder gehören ebenso dazu wie Viren-E-Mails, Großstadtmythen und erfundene Anekdoten über Popstars und Hollywoodgrößen.

"Echte Informationen von falschen trennen"

Nun sind Lügengeschichten kein Phänomen des 21. Jahrhunderts. Doch dank moderner Kommunikationsmittel werden sie schneller verbreitet als je zuvor. Gerade in den 2000er Jahren scheint eine Art Volkssport daraus entstanden zu sein, Erfundenes als Medienereignis zu inszenieren.

In einer Dekade, in der mediale Aufmerksamkeit zum wichtigsten Gut geworden ist, stehen die Chancen für Hoaxe besser denn je. Die Gesellschaft lebt hektischer und flüchtiger. Wer will, kann sich mit Hilfe von Internet und Handy beinahe in Echtzeit über das Geschehen am anderen Ende der Welt informieren. Wenn eine Geschichte erstmal in Blogs, auf Facebook, Twitter oder YouTube die Runde macht - wer schert sich dann noch um den Unterschied zwischen Fakt und Fiktion?

Das sollte Aufgabe der journalistischen Medien sein, doch auch die stehen im Internetzeitalter unter erhöhtem Druck. Die Sorge, etwas zu verpassen, ist groß; die Freude über grelle Schlagzeilen und kuriose Geschichten oftmals noch größer, die saubere Recherche bleibt mitunter auf der Strecke. Dann kann aus einem Hoax durchaus eine echte Zeitungsente werden.

"Darunter leidet natürlich die Vertrauenswürdigkeit der Medien", sagt Matthias Kohring, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Uni Münster. "Man erwartet schließlich, dass im Journalismus richtige Informationen von falschen getrennt werden." Das beunruhigende Fazit: "Durch die Jagd nach Exklusivität und die ökonomisch bedingte Ausdünnung von Redaktionen scheint der Journalismus immer anfälliger für absichtliche Täuschungsversuche zu werden."

Der Urheber ist kaum noch zu enttarnen

Medien sind schon immer auf Fälschungen hereingefallen, man denke nur an die Veröffentlichung der Hitler-Tagebücher im "Stern". Doch in den 2000er Jahren hat sich Entscheidendes verändert. Zum einen kann inzwischen jeder Teenager ohne großen Aufwand am PC Fälschungen erstellen und verbreiten. Zum anderen verselbstständigen sich die Geschichten in rasanter Geschwindigkeit. Je häufiger eine Story veröffentlicht wird, umso höher erscheint plötzlich die Glaubwürdigkeit. Der Urheber ist irgendwann nur noch schwer zu enttarnen.

Auch das manipulierte Foto von George W. Bush ist so ein Fall. Bis heute ist unklar, wer für den Hoax verantwortlich ist. Professionelle Medien haben sich in dem Fall nicht täuschen lassen, in einigen anderen dagegen schon.

SPIEGEL ONLINE hat eine Auswahl zusammengestellt:

Der Terroranschlag, der keiner war

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Hoax 2000: Quadratische Katzen im Glas

Die Affäre Bluewater beginnt am Donnerstag, 10. September 2009, um 10.38 Uhr mitteleuropäischer Zeit. Da meldet die Nachrichtenagentur dpa: "In der kalifornischen Kleinstadt Bluewater soll es nach einem Bericht des örtlichen Senders vpk-tv zu einem Selbstmordanschlag gekommen sein." Im gleichen Zeitraum klingelt in vielen Redaktionen das Telefon, ein gewisser Rainer Petersen erzählt die gleiche Geschichte: Es habe Explosionen in einem Restaurant gegeben, die Täter sollen arabischstämmige Männer sein.

Ein Anschlag in den USA? Unmittelbar vor dem Jahrestag von 9/11? Eine heiße Story?

Mitnichten. Es ist ein akribisch geplanter Hoax, ein PR-Coup des Regisseurs Jan Hendrik Stahlberg, dessen neuer Film "Short Cut To Hollywood" wenige Wochen später anlaufen soll.

Es gibt einen Wikipedia-Eintrag und eine Homepage des erfundenen TV-Senders "vpk-tv". Es gibt eine fingierte Polizeistation Bluewater, die bereitwillig Auskunft erteilt. Es gibt Posts bei Twitter und einen Augenzeugenbericht auf YouTube - alles Informationen, die in Sekundenschnelle abrufbar sind.

So gewinnt der Hoax an Dynamik, zahlreiche deutsche Medien berichten, obwohl die Geschichte mit etwas Misstrauen und ordentlicher Recherche zu durchschauen ist.

Als es heißt, der Anschlag sei nur ein Scherz von drei Berliner Rappern gewesen, ist die Verwirrung komplett. Die Quelle der Berichterstattung? Ein Bekennervideo der "Berlin Boys" auf der Homepage von vpk-tv.

Auch diese Geschichte ist erfunden.

So dauert es noch ein wenig, bis der Spuk endgültig endet. Die dpa meldet am frühen Nachmittag: "Bitte verwenden Sie die Berichterstattung über den angeblichen Anschlag in der kalifornischen Kleinstadt Bluewater nicht." Die Nachrichtenagentur kündigt in den folgenden Tagen härtere Regeln bei ihrer Berichterstattung an.

Der tote Herr Turklebaum

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Hoax 2000: Quadratische Katzen im Glas

George Turklebaum, so heißt es, sei bei der Arbeit morgens immer der Erste und abends immer der Letzte gewesen. Als er tagelang stumm und bewegungslos an seinem Platz sitzt, wundert sich daher zunächst niemand seiner 23 Kollegen in einem New Yorker Großraumbüro.

Doch Turklebaum ist nicht besonders fleißig in diesen Tagen. Er ist tot. Nach seinem Herzinfarkt sitzt eine Leiche fünf Tage lange mitten in einem Großraumbüro. Irgendwann wird eine Putzfrau darauf aufmerksam, dass Mr. Turklebaum regungslos auf seinem Stuhl verharrt.

Kann so eine Geschichte stimmen? Natürlich nicht. Dennoch wird sie zigfach per E-Mails verschickt und schafft es sogar in zahlreiche internationale Medien. 2001 berichten unter anderem deutsche, südafrikanische und britische Zeitungen, darunter so renommierte Blätter wie die Londoner "Times".

Als Ursprung der Falschmeldung lässt sich schließlich ein US-Boulevardblatt ausmachen. Die "Weekly World News" hatte im Dezember 2000 zuerst von der angebliche Sensation geschrieben. Und weil's so schön war, veröffentlichte die Billigzeitung den Hoax drei Jahre später gleich nochmal.

Amy Winehouse brennt!

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Hoax 2000: Quadratische Katzen im Glas

Für seinen Film "Starsuckers" stellt der Brite Chris Atkins englische Boulevardzeitungen auf die Probe. Seine Mitarbeiter rufen bei den Blättern an und erzählen reihenweise erfundene Promi-Geschichten. Obwohl es außer einem unbekannten Anrufer keine weiteren Quellen gibt, werden die Schwindel-Storys oftmals blind übernommen.

Eine absolut exklusive Meldung veröffentlicht der "Daily Mirror" im März 2009. Die Zeitung bringt die Geschichte, dass die Haare von Amy Winehouse durch Funkenflug in Brand geraten seien. Das ist jedoch komplett erfunden.

Nur wenig später erscheint die Story auch im "Daily Star". Anschließend geht die Geschichte um die Welt, sogar in Asien werden die Leser über die brennenden Haare der Souldiva informiert.

"Die erfundene Geschichte muss witzig sein", sagt Regisseur Atkins über seinen Coup. "Das ist von entscheidender Bedeutung. Wenn sie witzig ist, interessiert sich keiner für die Wahrheit."

Quadratische Katzen im Glas

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Hoax 2000: Quadratische Katzen im Glas

Im Jahr 2000 geht eine Seite online, die bei Tierschützern für Empörung sorgt: Bonsaikitten.com. Zu sehen ist dort, wie Katzenbabys in Glasbehälter gestopft werden, um sie zu verformen und auf diese Weise besondere Exemplare zu züchten.

Nach einiger Zeit nehme die Katze die Form des jeweiligen Behälters an, heißt es bei Bonsaikitten. Grenzen gebe es keine, ein vollständig quadratisches Tier sei durchaus möglich.

Natürlich ist das völliger Blödsinn. Die Fotos von den Misshandlungen sind Fälschungen. Doch das kann den Sturm der Empörung nicht stoppen. In Tausenden Protestmails wird zum Kampf gegen Bonsaikitten aufgerufen - und die Seite auf diese Weise nur noch bekannter. Sogar das FBI ermittelt. Große US-Zeitungen berichten über den Fall.

Gründer von Bonsaikitten waren Studenten des angesehenen Massachusetts Institute of Technology. Einer von ihnen fungiert unter dem Pseudonym "Dr. Michael Wong Chang" als Betreiber der Seite. Dass der Scherz einmal so weit führen würde, "hätten wir in unseren wildesten Träume nicht gedacht", sagt Chang der "USA Today".

Noch heute ist Bonsaikitten im Netz zu finden.  Bleibt nur zu hoffen, dass inzwischen nicht tatsächlich irgendwo quadratische Katzen herumstreunen.

Die Legende vom Ballon-Boy

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Im Oktober 2009 bangen die USA um den sechsjährigen Falcon Heene. Die Amerikaner fürchten, dass der Junge in einem selbstgebauten Heliumballon seines Vaters am Himmel schwebt. Fernsehteams berichten live aus dem Bundesstaat Colorado, die Nationalgarde schickt Hubschrauber, Rettungsszenarien werden durchgespielt.

Die Geschichte verbreitet sich rasend schnell um die Welt, auch SPIEGEL ONLINE berichtet über das Drama.

Stunden später geht der Ballon 70 Kilometer vom Haus der Heenes entfernt auf einem Feld nieder, doch von Falcon fehlt jede Spur. Als er schließlich auf dem Grundstück seiner Eltern wieder auftaucht, ist die Erleichterung groß. Doch dann kommt die Wahrheit ans Licht: Die ganze Aktion ist eine bewusste Täuschung.

Falcon hatte sich auf Geheiß seiner Eltern versteckt, die mit der dramatischen Geschichte berühmt werden wollten. Der Schwindel fliegt endgültig auf, als sich der Junge in einem TV-Interview verplappert. Eine besondere Ironie der Geschichte, denn vor allen anderen hat sich das US-Fernsehen in der Nummer nicht mit Ruhm bekleckert.

Der erfundene Wilhelm Guttenberg

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Hoax 2000: Quadratische Katzen im Glas

Mit einer Fälschung im Online-Lexikon Wikipedia sorgt ein Unbekannter Anfang des Jahres für große Aufregung in der deutschen Medienlandschaft. Dabei ändert er nicht viel - er fügt nur sieben kleine Buchstaben zu einem Eintrag hinzu.

"Müssen wir uns diesen Namen merken?", fragt die "Bild"-Zeitung am 10. Februar auf der Titelseite. Über einem Foto des damals neuen Wirtschaftsministers zu Guttenberg stand dessen kompletter Name geschrieben: "Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Wilhelm Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg".

Die Antwort: Nein, in dieser Form muss man sich den Namen nicht merken.

Denn Guttenberg heißt nicht Wilhelm mit Vornamen. Diesen Zusatz hat der Unbekannte in den Wikipedia-Eintrag geschmuggelt. Und von dort nimmt das Unglück seinen Lauf, auch SPIEGEL ONLINE lässt sich täuschen.

Innerhalb kurzer Zeit taucht der falsche Name in zahlreichen wichtigen deutschen Medien auf. Wenn der Urheber den Scherz nicht anonym aufgelöst und Guttenberg die richtige Version bestätigt hätte - wer weiß, wie lange der falsche Wilhelm noch sein Unwesen getrieben hätte.

Der CSU-Politiker nahm die ganze Verwirrung übrigens ziemlich gelassen.

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