Jesidin in Deutschland "Als Tochter war ich eine Sklavin"

Geschlagen, entrechtet, vergewaltigt: Eine Jesidin wuchs in Deutschland in einer archaischen Tradition auf. Nach der Zwangsheirat lief sie davon. Seither fürchtet sie die Rache ihrer Verwandten.

Shirin Hetman
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Shirin Hetman

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Es war nach ihrer Hochzeit, gegen drei Uhr in der Nacht. Sie verließ die Mehrzweckhalle mit diesem Jungen, den sie hässlich fand und der nun ihr Mann sein sollte. Vergeblich hatte sie ihn noch einmal angefleht in den Stunden zuvor, als sie auf einem Podest saßen vor Hunderten Gästen, irgendwo in der deutschen Provinz. Er solle sie ablehnen, sich der Zwangsehe verweigern. Er war ihr Cousin, sie mochte ihn nicht.

Der Partylärm war verebbt, sie stiegen ins Auto und fuhren in die neue Wohnung. Sie ging mit ihm ins Schlafzimmer. Ihr Körper zitterte, sie fror, sie war noch Jungfrau. Später kam seine Mutter herein, sie nahm das blutgetränkte Bettlaken an sich wie eine Trophäe.

"Eine Vergewaltigung"

Wenn Shirin Hetman* heute, fast 20 Jahre danach, die Szene schildert, verzieht sie das Gesicht. "Ekelhaft." Nach jeder Silbe macht sie eine Pause. "E-kel-haft." Es war, so sagt sie heute, "eine Vergewaltigung". Ein Tiefpunkt ihres ersten Lebens, einer Kindheit und Jugend, die sie "ganz traurig" nennt. "Ich habe mir damals gewünscht, in ein Heim zu kommen."

Die Frau mit den braunen Augen und dem offenen Lachen sitzt in ihrem Einfamilienhaus. Wo in Deutschland, muss geheim bleiben. Auch ihren Namen will sie nicht verbreitet sehen. Zu sehr fürchtet sie die Rache ihrer Familie. Für ihr zweites Leben. Hetman ist Jesidin, sie hat kleine Kinder, der Vater ist ihr deutscher Freund. In ihrer Gemeinschaft kann das ein Todesurteil sein.

Das Jesidentum ist eine Religion, Jesiden sind Kurden, stammen überwiegend aus der Türkei, dem Irak und Syrien. Immer wieder wurden sie verfolgt. Seit Ende der Sechzigerjahre gab es mehrere Fluchtbewegungen gen Deutschland, zuletzt 2014 nach dem Völkermord des "Islamischen Staats". Etwa 200.000 Jesiden, so schätzen Experten, sollen inzwischen in Deutschland leben, es ist die größte jesidische Diasporagemeinschaft weltweit. Die meisten wohnen in Nordrhein-Westfalen und in Niedersachsen.

Die Jesiden brachten aus ihrer Heimat eine Strenge mit, die Widerspruch bestraft und in tödlichen Zorn umschlagen kann. Männer haben das Sagen. Die angebliche Ehre der Familie spielt eine entscheidende Rolle. Und Jesiden heiraten Jesiden, das schreibt die Heiratsregel vor.

Tödliche Schüsse

Mehrfach erschütterten in den vergangenen Jahren sogenannte Ehrenmorde an Jesidinnen das Land. Im November 2011 etwa wurde Arzu Ö. aus Detmold von ihrer Familie umgebracht, weil sie mit ihrem deutschen Freund zusammenleben wollte. Vor drei Jahren erschoss Sefin P. in Hannover seine Cousine Shilan H. Er akzeptierte nicht, dass sie ihn ablehnte.

Shirin Hetman will ihre Geschichte erzählen, um jungen Jesidinnen Hoffnung zu machen, die verzweifelt sind. Hoffnung darauf, dass es doch weitergehen kann im Leben, auch wenn die eigene Familie zum Feind wird.

Nicht jedes Detail dieser Geschichte lässt sich überprüfen, ohne die Frau zu gefährden. Der SPIEGEL hat mit langjährigen Wegbegleitern von Shirin Hetman gesprochen, die zentrale Angaben bestätigen. Außerdem lässt der Fall Irina Badavi die Geschichte Hetmans plausibel erscheinen. Badavi veröffentlichte 2016 ein Buch darüber, wie sie sich "als Jesidin aus der Gewalt einer Parallelgesellschaft in Deutschland befreien konnte".

Shirin Hetman kommt Ende der Siebzigerjahre in Deutschland zur Welt, sie wächst in einer Großfamilie auf, mit vielen Geschwistern. Schon in der Grundschule zwingt ihr Vater sie dazu, Geld zu verdienen. Sie geht putzen.

"Ich habe nie gespielt als Kind", sagt Hetman. Sie kann sich nicht daran erinnern, von ihren Eltern Spielzeug bekommen zu haben. Zu Hause muss sie den Haushalt machen, abwaschen, fegen. "Als Tochter war ich eine Sklavin, ich musste funktionieren." Bei Widerworten kassiert sie Ohrfeigen. Die Jungs dürfen mehr, chillen und Nintendo spielen zum Beispiel.

Die Lehrerin kommt zu Besuch

Hetmans damalige Lehrerin Elke Grau* erinnert sich: Dass Shirin gearbeitet habe, sei im Kollegium bekannt gewesen. Grau spricht die Eltern nicht darauf an. Sie habe nicht abschätzen können, "welche Konsequenzen es für das Mädchen gehabt hätte", sagt sie.

Die Lehrerin erzählt, sie habe immer wieder jesidische Mädchen in der Klasse gehabt. "Mir war klar, dass sie zwangsverheiratet wurden und dass auch Shirin dieses Schicksal bevorstand." Kontakt zu den Eltern nimmt die Lehrerin deswegen nicht auf. Sie hätte, denkt sie noch heute, "nichts erreichen können". Diese Art der Parallelgesellschaft sei "sicher ein Problem".

Noch während sie ein Teenager ist, holen die Eltern den Cousin aus der Türkei und wählen ihn als Bräutigam aus. Shirin protestiert. "Da hat mein Vater gesagt: 'Wenn du nicht willst, bringen wir dich um.'" Die Ehe wird nach jesidischer Tradition geschlossen.

Nach der Hochzeit muss Shirin, noch keine 20, mit dem Mann zusammenziehen, so erzählt sie. Sie habe sich gewehrt, wenn er Sex wollte. Mindestens zwei Mal habe er sie dazu gezwungen. Sie habe sich im Schlafzimmer eingeschlossen, eine Freundin geholt, die spätabends an ihrer Seite gewacht habe.

Wenige Monate nach der Hochzeit schließt sie mit ihrem Leben ab. Ihr Mann habe sie blutig geschlagen, weil sie nicht gefügig sein wollte. "Er hat gesagt: Du bist meine Frau, ich kann mit dir machen, was ich will." Sie sei aus der Wohnung geflüchtet, ohne Schuhe, in T-Shirt und Hose, zur nächsten Polizeiwache gelaufen. Doch man bietet ihr nur an, so erinnert sie sich, Anzeige zu erstatten. Wo soll sie hin?

Sie geht zurück und überlegt, sich umzubringen. "Ich habe gedacht: Dir kann keiner mehr helfen. Die Familie nicht, die Polizei nicht, und der Typ wird dich töten."

Zurück in der Wohnung, der Ehemann ist gerade nicht da, rafft sie ein paar Sachen zusammen, ein bisschen Geld, und flüchtet. Sie verstaut die Habseligkeiten in einem geliehenen Kleinwagen, übernachtet darin. Geht morgens weiterhin zur Arbeit. Als zwei Tage später ihr Mann an der Arbeitsstelle auftaucht, vertröstet sie ihn, kündigt und verschwindet.

Sie kennt jemanden in einer großen Stadt. Er verschafft ihr ein Zimmer, sieben Quadratmeter groß. Sie ernährt sich überwiegend von Instant-Zitronentee, Nudeln und Ketchup. Zwei Jahre lang, in denen sie einen Beruf erlernt. Wenn sie rausgeht in dieser Zeit, zieht sie Perücken auf, damit niemand sie erkennt.

Irgendwann ruft sie ihre Eltern an - obwohl das schwer verständlich ist. Sie vermisst die Stimme des Vaters, die Geschwister. Ihre Familie beschimpft sie, weil sie ihren Ehemann verlassen hat. Und drängt darauf, dass sie zurückkommt.

Sie lehnt ab, entscheidet sich aber für ein riskantes Doppelleben. Sie telefoniert mit ihren Eltern, besucht sie gelegentlich - "damit die nicht anfangen, mich zu suchen". Zugleich erfindet sie eine Legende. Erzählt bis heute, dass sie keine eigene Familie hat. Die Eltern geben sich damit zufrieden.

Reise ins zweite Leben

Hetman holt nach, was sie versäumt hat in ihrem ersten Leben. Führt Beziehungen, mal Wochen, mal Monate, reist nach Paris, nach London, nach Ägypten. Sie gründet ein Unternehmen, verdient gut.

Als sie den späteren Vater ihrer Kinder kennenlernt, überlegt sie, ihm Kurdisch beizubringen. Er ist ein südländischer Typ, er könnte als Jeside durchgehen, damit würde sie die Familie besänftigen. Doch sie verwirft den Plan, das Risiko ist zu groß. Und ein deutscher Mann, das weiß sie, wäre eine Demütigung für ihren Vater. "Eine Katastrophe."

Sefik Tagay ist Chef der Gesellschaft Ezidischer AkademikerInnen, Psychotherapeut, Privatdozent an der Universität Duisburg-Essen. Er hat gemeinsam mit einem Kollegen ein Standardwerk geschrieben über die Jesiden. Der 47-Jährige sagt, die strenge Heiratsregel sei über Jahrhunderte ein Schutzmechanismus gewesen - um den Zusammenhalt zu stärken gegen Verfolger.

Bei Jesiden in Deutschland seien arrangierte Ehen heute die Ausnahme, sagt Tagay. "Die Jesiden hier sind sehr gut integriert." Die Heiratsregel gelte zwar weiterhin - wer sie ignoriere, müsse aber überwiegend keine Abwehrreaktion seiner Familie mehr fürchten. Je gebildeter die Familie, desto liberaler.

Zugleich räumt er ein: Bis vor 20 Jahren sei eine Zwangsheirat auch bei Jesiden in Deutschland üblich gewesen. Wenn gar Jeside und Nichtjeside zusammenkamen, habe die Familie in der Regel versucht, die Beziehung zu beenden.

Das Kind schreit

Shirin Hetman ist in ihrem Wohnzimmer ständig in Bewegung. Mal schreit ihr kleines Kind in der Wiege, mal holt sie Kürbis und Lahmacun, mal sucht sie Fotos. Sie redet viel und schnell. Es ist, als müsse sie ständig auf dem Sprung sein, bereit zu fliehen.

Eine Zeitlang habe sie große Angst verspürt. "Ich dachte, die Wände haben Augen." Sie guckte sich um auf der Straße, ließ ihre Adresse sperren beim Einwohnermeldeamt. Ihre Nachbarn wissen nichts von ihrer Geschichte. Das soll so bleiben, auch wenn die Angst nicht mehr den Alltag bestimmt.

Manchmal streitet Shirin Hetman mit ihrem Freund. Sie sei zu dominant, zu stark, findet er. Sie sagt ihm dann: "Wenn ich diese Stärke nicht hätte, wäre ich längst tot."

*Name geändert



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