Fotoserie über Syke "Was fasziniert Sie an dieser Stadt?" - "Nichts"

Trist und düster sind die Bilder, die Jo Fischer im niedersächsischen Syke gemacht hat. Im Interview erzählt der Fotograf, warum er an der Arbeit fast verzweifelt wäre.

Jo Fischer

Ein Interview von


Der Fotograf Jo Fischer lebte und arbeitete im vorigen Herbst acht Wochen in Syke, einer norddeutschen Provinzstadt bei Bremen. Herausgekommen ist eine Serie mit Schwarz-Weiß-Fotografien, die noch bis zum 19. Februar im "Syker Vorwerk" zu sehen ist, einem Zentrum für zeitgenössische Kunst. In Kürze erscheint zudem ein Bildband.

Zur Person
  • Jo Fischer
    Der Fotograf Jo Fischer lebt in Berlin. Der gelernte Zimmermann tourte früher als Rockmusiker, brachte sich selbst das Fotografieren bei. Der 46-Jährige gilt als ein Shootingstar der Szene in Deutschland, arbeitete für den SPIEGEL, Audi und Leica Fotografie International.

Im Interview spricht der 46-Jährige darüber, wie schwierig die Arbeit war - und warum er im Grunde nicht noch einmal nach Syke fahren will.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben eine Serie von Schwarz-Weiß-Bildern über Syke veröffentlicht. Was fasziniert Sie an dieser Stadt?

Fischer: Nichts. Ich fotografiere hauptsächlich Menschen, dabei sind die Orte eher zweitrangig. Mich haben die Bedingungen für die Arbeit gereizt. Ich durfte mich zum ersten Mal in meiner Karriere richtig austoben. Das "Syker Vorwerk" hat mir freie Hand gelassen. Ich konnte im Herbst 2016 acht Wochen in der Stadt leben und arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Bilder wirken sehr trist, zeigen verfallene Häuser, Wiesen, Waldränder, daneben viele Nahaufnahmen von Senioren. Welche Geschichte wollen Sie erzählen?

Fischer: Ursprünglich war mein Plan, eine Serie von Porträts über Menschen in Syke zu machen. Doch die meisten, die ich ansprach, haben einfach "Nein" gesagt. Nach drei Wochen wollte ich schon fast aufgeben, doch dann habe ich gedacht: Ich fange erstmal mit Landschaft an. Jeder Fotograf erzählt mit seiner Arbeit eine Geschichte über sich, was er denkt und wie er fühlt. Das Düstere und Melancholische in den Bildern liegt an der Jahreszeit - und daran, dass ich verzweifelt war und sehr einsam. Die Bilder sind eine Art Tagebuch.

Fotostrecke

20  Bilder
Fotoband über Syke: Norddeutsche Tristesse

SPIEGEL ONLINE: Warum war es mit den Menschen so schwer?

Fischer: Es ist ein besonderer Menschenschlag in Syke, norddeutsch, wortkarg, verschlossen. Ich wollte Schützen und Jäger mit Waffen fotografieren - keine Chance, zu kompliziert für die kurze Zeit. Aber es liegt wohl nicht nur an der Region. In Deutschland ist es generell schwerer als anderswo, oft werden einem Fotografen Türen zugeschlagen.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin enthält die Serie, die in Syke zurzeit ausgestellt wird, eine Reihe von Porträts.

Fischer: Irgendwann wurde ich in ein Seniorenheim und in ein Krankenhaus für schizophrene Patienten eingeladen. Dort waren viele Menschen sehr aufgeschlossen und haben sich gern vor meine Kamera gesetzt. Am besten gefällt mir das Bild einer jungen Frau, die einen großen Teddybären im Arm hält und über einen Feldweg geht.

SPIEGEL ONLINE: Wie kam es dazu?

Fischer: Ich habe die Frau auf der Straße angesprochen, sie ist Friseurin und sagte, sie sammle Teddys. Da habe ich sie gebeten, einen großen Teddybären zu holen. Die Szene ist eigentlich absurd, sie ergibt keinen Sinn. Das finde ich reizvoll.

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Jo Fischer:
IN SYKE

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SPIEGEL ONLINE: Sie haben Syke im Herbst fotografiert, in schwarz-weiß, die Landschaft wirkt außergewöhnlich trübe. Ein Bild zeigt den tätowierten Oberschenkel einer Frau und erinnert an einen Tatort. Wollten Sie Syke bewusst düster inszenieren?

Fischer: Die Jahreszeit und das Schwarz-Weiß aus der Leica SL legen eine Melancholie in die Fotos, die auf manche vielleicht etwas düster wirken. In Syke gibt es keine schönen Fassaden, glauben Sie mir. Ich bin insgesamt eintausend Kilometer im und um den Ort herumgefahren. In den ersten drei Wochen habe ich in Farbe fotografiert, aber das wirkte mir zu platt. Vielleicht hätte ich im Sommer andere Fotos gemacht. Aber der Herbst war der frühestmögliche Termin für mich, und die Serie sollte am Ende des Jahres fertig sein.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie noch einmal nach Syke zurückkehren?

Fischer: Vielleicht komme ich mal auf einen Kaffee vorbei, wenn ich in Bremen bin. Im Grunde muss ich den Ort nicht noch einmal sehen, manche Menschen würde ich aber schon gern besuchen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich habe bei der Arbeit sehr viel gelernt: dass ich auch unter widrigen Umständen viel erreichen kann. Das Feedback, das ich von Menschen in Syke bisher auf die Bilder bekommen habe, ist ganz überwiegend sehr positiv.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihr nächstes Projekt?

Fischer: Ich fliege nach Kuba und fotografiere transsexuelle Prostitution in Havanna.



insgesamt 121 Beiträge
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Seite 1
Nellodee 06.02.2017
1. Willkommen in Norddeutschland...;-)
Scha, so ist das in Norddeutschland. Da kommt man nicht mal so eben schnell an und alle Türen öffnen sich. Und das kann gerade am Anfang ("Anfang" ist hier eine vergleichsweise laaange Zeitspanne) durchaus nervig und frustrierend sein. Aber IST man erstmal angekommen, lernt man einen Menschenschlag kennen, auf den man sich hundertprozentig verlassen kann und dessen Ecken und Kanten viel Liebenswertes haben. Nur sind 8 Wochen für ein tiefergehendes Porträtprojekt da echt zu wenig. Mit Hopplahopp kommt man im Norden nicht weit. Hätte man Herrn Fischer warnen sollen. Viel Erfolg in Kuba, da läuft es bestimmt besser...;-)
DadaSiggi 06.02.2017
2. Sehr düster
Naja, wenn ich die Bilder so bearbeite und so dunkel und hart entwickle, dann kann ich auch Hawaii oder Andalusien düster darstellen.
Fackel 06.02.2017
3. In Syke
Möchte man "nicht tot übern Zaun hängen" wie man in Bremen (nächstgrössere Stadt) sagt. Sprich, es ist so spannend dort zu wohnen wie Farbe beim trocknen zuzuschauen.
bibberbutzke 06.02.2017
4. Yo Men!
In der Norddeutschen Tiefebene wird man(n) nur junge Leute mit irgendeinen Mirgrationshintergrund und alte deutsche Menschen antreffen. So jedenfalls habe ich jetzt den Eindruck. Das Nachbardorf wird wahrscheinlich Finsterwalde (nied) sein. Oder? Kaufen möchte ich mir das Buch nicht.....
superbiti 06.02.2017
5. ???
da suche ich mir im herbst/winter einen kleines städtchen, fotografiere in s/w orte und alte menschen in dämmrigen bis wenig licht und raus kommt das, was man will: ein tristes bild. mit einer anderen motivation wäre syke hier jetzt nicht als beispiel provinzieller tristesse dargestellt worden, aber damit lässt sich der betrachter wohl weniger das geld für einen "bildband" ohne weitere informationen aus der tasche ziehen. ich habe noch s/w aufnahmen aus dem teutoburger wald, winter `83 (trostlos, das kann man wohl sagen) mit meiner damaligen pentax kx gemacht - kann ich damit auch zum "shooting-star" der "szene" werden?
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