Wetterexperte Kachelmann »Deutschland ist auf Tornados nicht vorbereitet«

Wenn ein Tornado kommt, bleiben meist nur Minuten, um die Menschen zu warnen. Fachmann Jörg Kachelmann erklärt, ab wann die Uhr tickt – und was Deutschland endlich von den USA lernen muss.
Ein Interview von Jean-Pierre Ziegler
Beschädigtes Dach in Paderborn (21. Mai 2022)

Beschädigtes Dach in Paderborn (21. Mai 2022)

Foto: Sascha Steinbach / EPA

SPIEGEL: Ein Tornado ist durch Paderborn gepflügt, Dutzende Menschen wurden verletzt, eine Frau kämpft noch immer um ihr Leben. Ministerpräsident Hendrik Wüst hat erklärt, solche Bilder kenne man eigentlich nur aus den USA. Hat er recht?

Kachelmann: Die Wahrscheinlichkeit, in Deutschland einen Tornado zu sehen, ist in der Tat gering. Doch trotzdem hilft es nicht, jedes Mal überrascht zu tun. Auch hierzulande gibt es jährlich Dutzende Tornados, meist haben wir das Glück, dass sie nicht durch Siedlungen fegen. Der Paderborner Tornado war nicht einmal besonders stark, trotzdem sind die Opferzahlen unheimlich hoch. Das zeigt: Deutschland ist nicht vorbereitet.

SPIEGEL: Wie meinen Sie das?

Kachelmann: Es gab schon vorher Warnungen, auch explizit vor Tornados. Wir wussten, dass es am Freitag ideale Bedingungen dafür gab. Ich habe zwei Jahre in Oklahoma gelebt. Die Leute dort würden an seinem solchen Tag ständig in den Himmel gucken, einfach, um ihr Leben zu retten. Die lernen das in der Schule. Dort herrscht eine gänzlich andere Awareness als bei uns. In Deutschland gehen solche Meldungen im allgemeinen Nachrichtenstrom unter.

SPIEGEL: Wie lässt sich vorhersagen, wo genau Tornados entstehen?

Kachelmann: Gar nicht. Das ist es ja: Sie wissen erst, wo das Ding auftaucht, wenn es da ist. Um das zu begreifen, muss man wissen, wie Tornados entstehen. Da wird leider gerade viel Blödsinn verbreitet.

SPIEGEL: Klären Sie uns auf.

Kachelmann: Sie brauchen im Grunde zwei Dinge: besonders schwüle und feuchte Gewitterluft und ein Gebiet mit Scherung. Scherung heißt, dass der Wind mit zunehmender Höhe aus stark unterschiedlichen Richtungen oder mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten kommt. Die aufsteigende Gewitterluft bekommt Lust auf Rotation, da sie immer aus einer anderen Richtung angeschoben wird. Am Freitag hat das genau übereinander gepasst: beste Gewitterluft und Scherung. Es war schon am Mittwoch ziemlich klar, dass es irgendwo ein Tornado geben kann. »Irgendwo« ist natürlich unbefriedigend.

Tornado in Pforzheim im Jahr 1968: »Wie ein Kriegsgebiet«

Tornado in Pforzheim im Jahr 1968: »Wie ein Kriegsgebiet«

Foto: Fritz Reiss / picture alliance/dpa

SPIEGEL: Wann war klar, dass es Paderborn treffen könnte?

Kachelmann: Am Freitagnachmittag, eine knappe halbe Stunde bevor der Tornado durch Paderborn zog, hat man eine stark rotierende Gewitterwolke in der Region gesehen – mit Zugrichtung Paderborn. In den USA hätte man um 16.40 Uhr in Paderborn und anderen Orten auf der Zugbahn die Sirenen aktiviert und gleichzeitig in allen Medien Livestreams geschaltet. Ab dann tickt die Uhr, die übliche Vorwarnzeit von 15 bis 30 Minuten reicht, um sein Leben zu retten. Die US-Amerikaner entkommen den Warnungen gar nicht. Das müssen wir auch in Deutschland etablieren, sonst wird es sehr gefährlich.

SPIEGEL: Ist Deutschland wirklich vergleichbar mit den USA?

Kachelmann: Es gibt keinen Automatismus, der uns vor schweren Tornados schützt. Im Gegenteil: Denken Sie an Pforzheim, das 1968 nach einem Tornado aussah wie ein Kriegsgebiet. Der hatte eine Stärke, die mit dem vergleichbar ist, was wir manchmal in den USA sehen. Wir wissen also, wozu der Laden in der Lage ist. Wenn so ein Tornado nach einem warmen Sommertag durch Hamburg oder Berlin zieht, reden wir von Hunderten, vielleicht Tausend Toten. Das darf nicht geschehen, deswegen müssen wir uns besser vorbereiten.