Strukturkrise in Sachsen Die schwindende Stadt

Einst 45.000 Einwohner, heute 3900: In Johanngeorgenstadt gibt es keine Altstadt mehr, kaum noch junge Leute - und trotzdem regiert nicht der Frust. Sondern ein SPD-Bürgermeister mit erstaunlichen Wahlerfolgen.

Peter Endig/DPA

Von , Johanngeorgenstadt


Im historischen Zentrum von Johanngeorgenstadt ist mal wieder nichts los. Ohne sich umzuschauen, überquert Holger Haschek die Berggasse und biegt gemächlich in die Georgistraße ab. "Hier standen Häuser und Geschäfte, überall", sagt der 54-Jährige. Dann zeigt er in eine mit Gras bewachsene Querstraße und auf die mannshohen Sträucher am Rand. "Tja", sagt er, "Johanngeorgenstadt wurde der eigentliche Stadtkern genommen."

Es ist seine Stadt, in deren Zentrum statt Fachwerkhäusern nur noch Büsche stehen: Haschek, ein freundlicher Hemdträger mit Schnauzbart und Brille, ist Bürgermeister von Johanngeorgenstadt im Erzgebirge, direkt an der tschechischen Grenze. Hier wird Strukturwandel in allen Facetten spürbar.

Der verschwundene Ortskern ist nicht einmal Hascheks größte Herausforderung. Vor allem den Niedergang der noch existierenden Wohnviertel muss der Lokalpolitiker verhindern, es geht um nicht weniger als die Zukunft von Johanngeorgenstadt.

Man könnte das als kaum lösbares Problem bezeichnen.

Haschek spricht lieber von "Aufgaben", die meisten ergeben sich aus der demografischen Krise: In der einst pulsierenden 45.000-Einwohner-Stadt lebten beim Mauerfall noch etwa 9000 Menschen, heute sind es gerade mal 3900. Die Folgen: Leerstand, Mangel, Geldnot.

Es wäre wenig überraschend, würden die Johannstädter - so nennt Haschek seine Mitbürger - ihren Frust in Wahlen zum Ausdruck bringen. Stattdessen hieven sie Haschek seit 18 Jahren immer wieder ins Bürgermeisteramt, 2015 setzte er sich mit 98,6 Prozent gegen mehrere Kontrahenten durch. Bei der Kommunalwahl im Mai erhielt Hascheks SPD jede dritte Stimme und wurde stärkste Kraft, deutlich vor der örtlichen Wählergemeinschaft, der CDU, den Linken.

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In Sachsen sind solche Wahlergebnisse erstaunlich, im Erzgebirge könnte man von einer Sensation sprechen: Bei der Europawahl etwa lag die AfD in den meisten Orten des Landkreises klar vorne, auch in Johanngeorgenstadt.

Das Vertrauen in die alten Volksparteien schwindet, das Vertrauen in einen seit der Jahrtausendwende regierenden SPD-Politiker bleibt. Warum?

Natürlich nehme er eine gewisse Politikverdrossenheit wahr, sagt Haschek auf dem Weg zu seinem Auto: "Zur Wendezeit gab es hier wahrscheinlich mehr Arbeitsplätze als heute Einwohner." Aber in den vergangenen Jahren sei die Stadtgemeinschaft näher zusammengerückt, "auch Verluste schweißen zusammen." Dann steigt er in seinen Kombi - und fährt zum Ausgangspunkt für die große Vergangenheit und die besorgniserregende Gegenwart von Johanngeorgenstadt.

Vor dem Schaubergwerk "Frisch Glück Glöckl" wartet bereits Frank Vollert, ein braun gebrannter Mann in Latzhose. "Glückauf", brummen die beiden sich zu, dann gehen sie in das kleine Bergbaumuseum, um das Vollert sich kümmert.

Seit 1671 holten Bergleute an dieser Stelle Metalle aus dem Boden, Vollerts Großeltern arbeiteten noch dort unten. Er doziert nun über die sächsische Bergbautradition, führt anhand eines Modells mit dem Zeigefinger durch das unterirdische Schachtsystem - und kommt schließlich auf die klaffende Wunde im Ortskern zu sprechen: die verschwundene Altstadt.

"1947", sagt er, "ging hier Wildwest los." Die sowjetischen Besatzer hatten unter Johanngeorgenstadt Uranerz entdeckt, das in den folgenden Jahren einen erheblichen Beitrag zum Atomwaffenprogramm der UdSSR liefern sollte. Binnen kürzester Zeit sei Johanngeorgenstadt förmlich explodiert, sagt Vollert: Wenn im Bergwerk der Schichtwechsel anstand, seien 55.000 Menschen auf den Straßen gewesen.

"Den Erzgebirglern ist zu verdanken, dass das Atomwaffenmonopol der Amerikaner gebrochen wurde", sagt Vollert. "Aber unter welchen Bedingungen, das steht auf einem anderen Blatt."

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Der Boom brachte laut Vollert den Fortschritt: "Hier gab's die ersten Fernseher, da war in Berlin noch gar nicht daran zu denken." Aber er führte auch zum Niedergang: Weil die Wismut AG ihre Schächte auch unter den Ortskern trieb, ließ sie ab 1953 fast die komplette Altstadt abreißen und die meisten Bewohner in die neu errichtete Neustadt umsiedeln. Vom historischen Johanngeorgenstadt stehen nur noch wenige Häuser und die Kirche.

Was hat all das mit den aktuellen Problemen der Stadt zu tun? Sehr viel, sagt Haschek: Wegen des Altstadtabrisses und der Umsiedlungen gebe es kaum alteingesessene Handwerker und Eigenheimbesitzer. Und die Familien, die seit dem Ende des Bergbaus in den Sechzigern und nach dem Mauerfall fortgezogen seien, fehlten nun - als Arbeitnehmer, Ideengeber, Steuerzahler.

Vollert nickt. "Die ganze Jugend ist fort, die ganzen Werktätigen." Haschek wiegt den Kopf. "Nein, das ist eine sehr zugespitzte Meinung", sagt er. "Seit Mitte der Zweitausendzehner haben wir hier ein niedriges Niveau, das wir halten."

Zur Wahrheit gehört jedoch auch: Der Anteil junger Menschen in Johanngeorgenstadt ist allein zwischen 2000 und 2010 von etwa 34 auf 19 Prozent gesunken, während jeder zweite Einwohner heute im Rentenalter ist. Das dürfte den Bevölkerungsschwund weiter vorantreiben.

Noch vor einigen Jahren habe es etliche Arbeitslose gegeben, inzwischen gebe es wegen der Überalterung viele freie Stellen, sagt Haschek - "vom Elektriker über die Krankenschwester bis zum Gastronomie-Angestellten." Eine Hoffnung sei der Tourismus. Aber wie lassen sich Urlauber in einen Ort locken, der nicht mal eine Altstadt hat?

Haschek verabschiedet sich von Vollert und steigt wieder ins Auto. Während er an Wäldern und Tälern entlangfährt, erzählt er von früher: als die Stadt dank Wintersport und Sommerfrische noch ein äußerst beliebtes Urlaubsziel war, als die Bahn bis Leipzig durchfuhr, als es rund 40 Betriebsferienheime gab.

An einem Haus mit grüner Holzvertäfelung und herrlichem Blick steigt Haschek aus. Die Jugendherberge mit ihren 13 Gästezimmern ist ein Hoffnungsträger: Die Besucherzahlen seien zuletzt deutlich gestiegen, sagt Haschek, das sei ein gutes Signal.

Jugendherberge von Johanngeorgenstadt: Hoffnungsträger mit Talblick
Peter Maxwill/ SPIEGEL ONLINE

Jugendherberge von Johanngeorgenstadt: Hoffnungsträger mit Talblick

Zwar gebe es in Johanngeorgenstadt zu wenige Gaststätten, dafür aber ein Wanderheim, Schanzen für Wintersportler, sehr viel Natur. Die größten Hoffnungen aber ruhen auf dem Engagement der Bürger.

35 aktive Vereine gebe es in der Stadt, sagt Haschek. Ohne deren Hilfe läge vieles brach: Das Schaubergwerk, das Naturfreibad, das Freilichtmuseum Pferdegöpel, die Stadtbibliothek und die Musikschule würden vor allem von Ehrenamtlichen betrieben.

Ob es auch am Bürgermeister und seiner Art liegt, dass sich so viele Leute engagieren, statt im Frust zu versinken? Die Frage scheint Haschek unangenehm zu sein. Er lege Wert darauf, seinen Mitbürgern zuzuhören, sie ernst zu nehmen, ehrlich zu sein.

"Menschen, die mitdenken und für einen Ort Gutes wollen, gibt's überall - auch bei den Grünen, und sicher auch bei der AfD", sagt SPD-Mann Haschek. "In der Politik geht es um Glaubwürdigkeit, ich verfolge daher eine Strategie der Offenheit bei meiner täglichen Arbeit." Auch er habe für viele Probleme der großen Politik keine Lösung, "und ich werde mich nie hinstellen und behaupten: Ich weiß es besser."

"Es geht nicht gegen die Flüchtlinge"

Haschek setzt sich wieder ins Auto und redet sich ein bisschen in Rage. In den Großstädten würden die Leute grün wählen, weil es ihnen vergleichsweise gut gehe. "Aber wenn ich hier jemandem sage, dass er morgen seinen Diesel abgeben muss, schmeißt der mich raus und sagt: Bürgermeister, sorg erst mal für besseren Nahverkehr."

Dem sonst so sachlichen Lokalpolitiker ist nun anzumerken, dass sich auch bei ihm Frust aufgestaut hat. Die Wut auf die große Politik sei in den ostdeutschen Bundesländern schon Mitte der Neunzigerjahre entstanden, sagt er - "als sehr vielen Menschen bewusst wurde, dass sie kurzfristig keine Arbeit mehr im Erzgebirge finden werden". Das Versprechen, dass alles besser werde, sei damals nicht eingehalten worden. "Und diese Enttäuschung sitzt tief."

Haschek bremst etwas ab und zeigt aus dem Autofenster auf ein mehrstöckiges Wohnhaus am rechten Straßenrand: das örtliche Flüchtlingsheim. Haschek war gegen die Unterbringung von Asylbewerbern in seiner Stadt, er sagt: "Da habe ich nicht gerade die Position der SPD vertreten."

Aber könnten junge Zuwanderer nicht sein demografisches Problem lösen?

"Es geht nicht gegen die Flüchtlinge, sondern um den Standort", sagt Haschek. Er tut sich merklich schwer mit diesem Thema, sagt solche Sätze: "Wenn ich weiß, welche Entbehrungen eine Stadt schon hingenommen hat, ist das eine fragwürdige Entscheidung." In der Außenwahrnehmung trage das Heim jedenfalls nicht zur Aufwertung des touristischen Gebiets bei.

Die Zahl der Bewohner schwankt Haschek zufolge zwischen 60 und 90, demnach gab es auch ein paar Demonstrationen gegen das Heim: "nicht größere", wie er beteuert, "aber regelmäßige, die sehr sachlich abgelaufen sind." Er sagt: Flüchtlinge sollten besser dort untergebracht werden, wo es eine gute Infrastruktur und weniger Probleme vor Ort gebe.

"Die Gefahr, dass die Kommune untergeht"

Das mögen für einen Sozialdemokraten eher untypische Forderungen sein - aber war es vielleicht just diese Haltung, die der Entwicklung eines aggressiven Wutbürgertums den Riegel vorgeschoben hat? Die Flüchtlinge sind jedenfalls immer noch da, genauso wie Bürgermeister Haschek und der Frieden im Ort.

Die Stadtrundfahrt endet am Rathaus - an dem überall der Putz abblättert. Der imposante Komplex, einst Bataillonskaserne für 7000 sowjetischen Soldaten, gehört zu den letzten Relikten jener Boomjahre, in denen Johanngeorgenstadt eine überdimensionierte Infrastruktur erhielt.

Im Obergeschoss hängen in einem langen Flur Fotos aus den Neunzigerjahren an den Wänden. Haschek geht sie einzeln durch: das Kulturhaus, die Kantine, die Mittelschule, das Wohngebiet, die Brotbäckerei - "das ist alles verschwunden", sagt er. Von fünf Schulen seien zwei geblieben, statt der einst 2800 Wohnungen verwalte die Wohnungsgesellschaft heute noch etwa 830. Als nächstes trifft es wohl Hascheks eigenen Amtssitz: Auch das Rathaus soll abgerissen werden.

In Hascheks Augen steht Johanngeorgenstadt exemplarisch für ein größeres Problem, das nach dem Mauerfall entstanden sei: "Was den Menschen im Osten an Veränderungen in dieser Zeit zugemutet wurde, ist schon enorm." Den Optimismus wolle er trotzdem nicht aufgeben: Zwar bestehe die Gefahr, dass eine Kommune wegen des Strukturwandels untergehe, sagt er. "Aber das hier ist ein wunderschönes Stück Erde im Erzgebirge."

Das klingt ein bisschen so, als wollte Haschek den Strukturwandel in seiner Stadt mangels Geld einfach mit Heimatliebe bekämpfen. Vielleicht ist es genau das, was die Johannstädter an ihrem Bürgermeister so schätzen: diese eigentümliche Kombination aus Pathos und Pragmatismus.

Grafik: Dawood Ohdah

insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
globallynaive 17.08.2019
1. Wir sind so wie wir sind
sehr schade um die Stadt. Leider wird das auch touristisch nichts mit Gebieten in den neuen Bundesländern, wenn +20% der jungen Niederländer, Schweizer usw. dunkelhäutig sind und beim Urlaub Repressionen fürchten müssen. Als dunkle Europäerin ist mir Ostdeutschland nach schlechten Erfahrungen zu gruselig, auch für Investitionen. Ein Grossteil der zahlungskräftigen Touristen kommen heute aus Indien, China und Arabien. Die werden im Osten Deutschlands auch keine Freude finden. Viele Länder haben für ihre dunkleren Bürger schon Reisewarnungen für OstDeutschland ausgegeben.
Abel Frühstück 17.08.2019
2.
Das Rathausgebäude ist natürlich überdimensioniert und teuer in der Erhaltung. Aber es scheint auch das einzige architektonisch interessante, für Turisten irgendwie pittoreske Gebäude in der Stadt zu sein. Und das will man nach dem Verlust der Altstadt auch noch abreißen? Keine Idee für eine (z.B. gemeinschaftlich durchgeführte) Entwicklung? Stattdessen was? Eine Logistikhalle? 100 Bäume? Fragen über Fragen, die der Artikel leider gar nicht erst stelt.
ditor 17.08.2019
3. Bzgl Demographie
"Aber könnte nicht xy sein demografisches Problem lösen?" Warum tun sich da manche so schwer mit der Antwort? Nein, so kann man die Probleme nicht lösen. Es gibt Gründe warum die Leute woanders hinziehen, diese werden auch andere bemerken wenn sie dort angesiedelt würden und gleich handeln. Schon hat man die gleichem Probleme, nur mit mehr Leuten.
Actionscript 17.08.2019
4. Gibt es nicht den Soli,...
...der auch für solche Fälle gedacht war?
willibaldus 17.08.2019
5.
Zitat von globallynaivesehr schade um die Stadt. Leider wird das auch touristisch nichts mit Gebieten in den neuen Bundesländern, wenn +20% der jungen Niederländer, Schweizer usw. dunkelhäutig sind und beim Urlaub Repressionen fürchten müssen. Als dunkle Europäerin ist mir Ostdeutschland nach schlechten Erfahrungen zu gruselig, auch für Investitionen. Ein Grossteil der zahlungskräftigen Touristen kommen heute aus Indien, China und Arabien. Die werden im Osten Deutschlands auch keine Freude finden. Viele Länder haben für ihre dunkleren Bürger schon Reisewarnungen für OstDeutschland ausgegeben.
Schon traurig. Ist wie ein Schuß in den eigenen Fuss. Ich sehe aber auch nicht wirklich eine strahlende Zukunft für die Gegend. Da braucht es eine Tourismus Werbe Offensive und offene Einheimische. Ausdörflerfeindlichkeit ist da eher kontraproduktiv.
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