DER SPIEGEL

Impfungen für Obdachlose »In diesem Moment fühle ich mich als Teil der Gesellschaft«

Trotz Einschränkung für die Johnson-&-Johnson-Vakzine: Der Einmal-Impfstoff hilft in Hamburg dabei, obdachlose Menschen zu schützen. Ein Ortsbesuch beim Impftermin.
Ein Video von Fabian Pieper

»Wer hat noch nicht, wer will nochmal? Der Nächste, bitte. Wunderbar, ich grüße Sie.«

Donnerstagfrüh, 9:30 Uhr im Hamburger Hotel Schanzenstern. Ein mobiles Impf-Team der Stadt verabreicht Corona-Schutzimpfungen an 13 obdachlose Menschen, StraßensozialarbeiterInnen helfen bei den Formularen. Gleich ist Atidzhe Aliman an der Reihe. Sie stammt aus Bulgarien.

»Schön locker lassen den Arm. So, das gibt einen kurzen Pieks.«

Mehr als 800 der über 2000 obdachlosen Menschen in Hamburg sind bereits mit dem Impfstoff von Johnson & Johnson immunisiert. Am Montag hat die Ständige Impfkommission empfohlen, ihn nur an über 60-Jährige zu verabreichen. Unter 60-Jährige bekommen ihn nur nach zusätzlicher ärztlicher Beratung. Ein Trumpf der Vakzine aus den USA hilft besonders bei der Immunisierung der Obdachlosen.

»Wunderbar. Und noch ein riesiges Pflaster.«

Julien Thiele, Straßensozialarbeiter

»Der Vorteil von Johnson und Johnson ist einfach, dass die Menschen nur einmal geimpft werden müssen und wir nicht sozusagen Menschen beibehalten müssen oder ausfindig machen müssen für den zweiten Impftermin. Das macht es einfacher und vor allem bietet es jetzt relativ schnell sicheren Schutz.«

Atidzhe Aliman kommt für ein paar Monate mit ihrem Partner in diesem Hotelzimmer unter, vermittelt durch eine private Initiative, die Menschen vor einem Leben auf der Straße schützt. Hier hat eine Sozialarbeiterin sie in ihrer Muttersprache Bulgarisch über die Impfung aufgeklärt. Außerdem hat Atidzhe - anders als viele andere obdachlose Menschen - einen Ort, um sich von möglichen Nebenwirkungen zu erholen. Unmittelbar nach der Impfung geht es Aliman gut.

Atidzhe Aliman, wohnungslos

»Ich habe momentan keine Beschwerden. Viele Menschen erzählen, dass sie sich sehr unwohl nach der Impfung gefühlt hätten. Manchen sei schlecht geworden. Ich hatte keine Angst oder irgendwelche Bedenken.«

Alimans Partner Kenan Mustafa wurde bereits mit AstraZeneca geimpft, er leidet an einer Nierenkrankheit und gilt somit als Risikopatient. Bald steht die zweite Impfung an, dann hat das Paar vollen Impfschutz. Kenan und Atidzhe sind derzeit vor einem Leben auf der Straße sicher, Atidzhe hat sogar einen Job als Putzkraft, zu dem sie nun gehen muss.

Für viele obdachlose Menschen sieht die Realität allerdings anders aus – und für die kann eine Impfung nicht früh genug erfolgen.

Julien Thiele, Straßensozialarbeiter

»Es ist superwichtig, dass obdachlose Menschen jetzt geimpft werden, eigentlich hätte das schon ganz früh mit beginnen müssen, in der Priorisierung 1, denn obdachlose Menschen haben die ganze Zeit keine gleichwertigen Schutzräume, müssen in Massenunterkünften unterkommen und sind zusätzlich mit ihrem Gesundheitszustand super vulnerabel.«

Doch es gibt – genau wie in der übrigen Bevölkerung - auch Vorbehalte gegen den Johnson&Johnson-Impfstoff. Da die Wirksamkeit im Vergleich zu Impfstoffen von etwa BioNTech oder Moderna etwas niedriger ist, möchte der an Multipler Sklerose-Erkrankte Herbert Böhm ins Hamburger Impfzentrum, wo diese Impfstoffe verabreicht werden. Straßensozialarbeiter Julien Thiele hilft bei der Terminsuche.

»Wir versuchen das jetzt hier mal Online zu buchen im Impfzentrum. Du gehörst auf jeden Fall zur Priorisierung, einerseits, weil du wohnungs- und obdachlos bist, das zählt nach Paragraf 3. Und dann hast du noch eine neurologische Muskelerkrankung, das zählt zurzeit auch in die Priorisierung.«

»Verbindlich buchen. BioNTech hast du bekommen.«

»Richtig gut.«

»Genau, morgen um 12:30 Uhr.«

Dass Böhm die Wahl hat, auch einen anderen Impfstoff zu bekommen, bedeutet ihm viel.

Herbert "Javi" Böhm

»Ich fühle mich in dem Moment als vollwertigen Teil der Gesellschaft angenommen, weil man sich in dieser Hinsicht auf mich einlässt. «

Die Hamburger Impfkampagne erreicht immer mehr Menschen – und welcher Impfstoff es am Ende auch wird: für obdachlose Menschen bedeutet ein Schutz vor dem Coronavirus zumindest eine Sorge weniger.

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