Judenverfolgung Kreuzfahrt in den Tod

"Touristen auf einer Vergnügungsreise" steht in ihren Einreisepapieren, ihr Schiff, die "St. Louis", bietet allen Luxus. Doch die 900 Juden, die im Mai 1939 Hamburg verlassen, sind keine Urlauber. Sie sind auf der Flucht - der Beginn einer Irrfahrt mit tragischem Ausgang.
Von Dimitri Ladischensky

Auf dem Kai 76 im Hamburger Hafen stehen Hunderte Juden vor der Gangway. Eilig werden noch Pässe durchblättert, Koffer gequetscht, Kinder gezählt. Wenige Schritte sind es noch bis zur "St. Louis", da tritt ihnen von oben ein Mann in den Weg, mit schwarzen Lackstiefeln, schwarzen Handschuhen, schwarzem Ledermantel. Er schweigt. Er trägt die Armbinde mit dem Hakenkreuz. Sein Blick gleitet den Laufsteg hinunter, zu den Wartenden. Er lässt sich Zeit. Er hat eine Kamera im Anschlag. Er braucht Bilder der "Köderrasse", Anschauungsmaterial für die deutsche Öffentlichkeit, wie sie in den "Stürmerkästen" an Häuserecken aushängen. Bildbeweise, die Deutschland ins Recht setzen, alle Maßnahmen zu seiner Sicherheit zu ergreifen. Joseph Goebbels hat ihn geschickt. Es ist der 13. Mai 1939.

Hoffnung auf ein Leben in Freiheit: Die Familie Arndt vor ihrer Abreise

Hoffnung auf ein Leben in Freiheit: Die Familie Arndt vor ihrer Abreise

Foto: USHMM

Das Signal ertönt, die Gangway ist freigegeben. Der Mann blickt durch den Sucher. Berthold Meyer kommt ins Bild, im Smoking. Galant untergehakt seine Gattin, im Abendkleid mit Pelz. Erhobenen Hauptes auch Tochter Ilse und Ehemann Kurt Marcus, sie alle tragen die besten Stücke des Breslauer "Bekleidungshauses Berthold Meyer", das einmal ihnen gehörte. Es folgen die Karliners aus Oberschlesien: Vater Joseph, Mutter Martha, zwei Töchter, zwei Söhne. Der Vater, dunkelhaarig und schnauzbärtig, wie der Führer. Sein zwölfjähriger Sohn Herbert, blond und blauäugig.

Schließlich der erfolgreiche Anwalt Dr. Josef Joseph aus Rheydt, kühler Blick, ein Mann der Fakten, doch einer mit Herz: Den anderen Joseph aus Rheydt nahm er bei sich auf, einen angefeindeten, mittellosen Literaten, Goebbels sein Nachname. Das ist 15 Jahre her. Das Leben wiederholt sich nicht. Ihm folgen Gattin Lilly und Tochter Liesl, zehn Jahre alt, blass und zart, das Haar artig nach hinten gekämmt, die Ohren frei, wie es die Partei von Juden auf Passbildern verlangt. Der Propagandafotograf lässt die Kamera sinken - das passt nicht in sein Bild. Das sieht nach dem aus, was es ist. 900 Deutsche verlassen Deutschland.

Es war einmal ihr Heimatland. Aus Oberschlesien kommen die Karliners, aus einem Ort namens Peiskretscham. Tosterstraße Nr. 8, ein kleines, graues Haus. Vorne lag das Geschäft mit dem Gemischtwarenhandel, hinten im Hof, über den Stallungen, die Wohnung. Die Sommer waren leicht und hell. Wind strich das Korn, es roch nach Heu. Die Winter waren dunkel. Auch der weiße Schnee nahm ihnen nichts. In den Stuben brannte Licht. Vater Karliner beugte sich über seine Rechnungsbücher, er handelte mit Pferden, Gurken und Blumen, lieh den Bauern, wenn sie nicht zahlen konnten. Sie beglichen im nächsten Sommer mit Korn. Herbert las die Thora und, wenn der Vater nicht hinsah, Karl May. Herbert im Matrosenanzug, ein Schlawiner. Er bestach den Rabbi der Hebräischen Schule mit Zigarren, dass er ihm gute Noten gab, stahl sich nach nebenan, wenn dort Schweine geschlachtet wurden. Graupenwürste schmeckten herrlich, wenn der Rabbi wüsste, wie.

Die Nazis kamen. Trommelten und marschierten. Das gefiel Herbert. Er wollte schon immer zu den Pfadfindern. Doch dann tropften Inschriften von den Hauswänden. Männer grölten im Wirtshaus, schlugen mit Fäusten auf die Tische. Auf dem Bolzplatz ging es nicht mehr um den Ball. Die Tritte zielten aufs Knie. "Der Hass", beschwichtigte Vater Karliner, "der vergeht."

Noch als ein Verwandter nach Dachau musste, glaubte er das. "Er wird wohl arbeiten." Als die Familie schließlich von der SS eine Blechbüchse überreicht bekam mit den Worten "Das ist Ihr Mann", da begriff Joseph Karliner: Ihre Zeit verstrich. Er stellte einen Einwanderungsantrag für die USA und bekam eine Nummer zugeteilt. Jetzt, wo er nicht mehr wollte, musste er warten. Der Zuzug in die USA war über ein Quotensystem geregelt; es gab länderspezifische Kontingente. So durften jedes Jahr 25957 Deutsche einreisen. Es ging der Reihe der Antragstellung nach. Für Juden gab es keine Expressbehandlung, sie galten in Immigrationsfragen als Deutsche wie die "Arier". Da die Zahl der Anträge die der Plätze weit überstieg, würden die Karliners erst 1942 einreisen dürfen. Bis dahin wollten sie sich ruhig verhalten. Keinen Grund liefern. Doch es gab nichts, was man zu seinem Vorteil tun oder lassen konnte.

Am Morgen nach der "Reichskristallnacht" war im Laden alles durcheinander, Gurkenfässer umgestoßen, das Schuldnerbuch beschmiert, sie wussten nicht mehr, wer ihnen was schuldete. Vater musste nach Buchenwald. Zwei Monate später wurde er unter der Bedingung freigelassen, Deutschland innerhalb von sechs Monaten zu verlassen und Haus und Hof herzugeben. Danach war er nicht mehr derselbe. Stundenlang starrte er vor sich hin. Manchmal schaute er sie an, als seien sie Fremde. Eigentlich ist Joseph Karliner nie mehr nach Hause gekommen.

Dann erfuhr er von dem Hapag-Schiff, das nach Havanna sollte, und dem kubanischen Konsul, der in Hamburg Einreisegenehmigungen verkaufte. Wie viele Juden der "St. Louis" sah er Kuba als Transit, als vorübergehendes Asyl, bis ihre Einwanderungsnummer für die USA aufgerufen würde. Und als letzte Chance. Viele Länder hatten ihre Grenzen bereits dichtgemacht, vor allem Bürger des Aggressorstaats wollte man nicht im Land. Für die Nazis waren es Juden, für das Ausland aber Deutsche, "enemy aliens", feindliche Ausländer.

Die Karliners rüsteten zum Aufbruch. Zehn Reichsmark durften sie ausführen, doch es gab eine "Warenfreigrenze" im Wert von 1000 Reichsmark. Sie wollten den Deutschen das Geld auf der Bank nicht schenken, sie kauften Bettwäsche, Schrankkoffer - die Aussteuer für die Töchter. Herbert durfte sein Fahrrad und die Briefmarkensammlung mitnehmen. Mit Pferd und Karren ging es zur Eisenbahn. Ein Abenteuer. Er war glücklich. Sein Leben hier war zu Ende. Jetzt beginnt ein neues anderswo. Dazwischen liegen noch ein Ozean, eine lange Schiffsreise und ein breiter Fotograf.

Kapitän Schröder macht den Weg frei und jagt den Knipser die Laufplanke hinunter. Zwar weht die Hakenkreuzflagge auf dem Schiff, zwar ist die Hapag ein Staatsunternehmen, zwar ist an Bord, auch auf hoher See, deutsches Territorium, doch es ist sein Schiff. Kapitän Gustav Schröders Schiff. Hier gelten seine Werte und Grundsätze. Seinen Beruf betrachtet er von höherer Warte aus: als Kunst, die ihm Anvertrauten durch alles Menschenfeindliche, Naturgewalt wie Staatsgewalt, zu manövrieren. Als Dienst am Schwächeren. In bessere Arme hätte man die Juden nicht treiben können. "Sie alle", mahnt er seine Mannschaft, "werden keinen Augenblick außer Acht lassen, dass diese Passagiere in jeder Beziehung genauso wie unsere bisherigen Gäste zu behandeln sind."

Das sind sie auch ganz offiziell. "Touristen auf einer Vergnügungsreise" steht in ihren "Einreisebewilligungen". Die Passierscheine verkauft die Hapag im Pauschalpaket mit garantierter Überfahrt. Inklusive Zwangsaufschlag für das Rückfahrtbillett - für den Fall unvorhergesehener Schwierigkeiten vor Ort -, eine Kaution, natürlich, die in Deutschland jederzeit zur Abholung bereitliegt. Nun hat die Hapag heimlich teures Fleisch und teures Toilettenpapier für diese Fahrt gestrichen, aber Schröder nimmt die "Vergnügungsreise" wörtlich und richtet das Kreuzfahrtschiff, ebenso inoffiziell, dann doch im gewohnten Standard her. Motto: "Man fährt gut mit der Hamburg-Amerika-Linie".

Kreuzfahrtluxus auf drei Decks

Die "St. Louis" hat einen 173 Meter langen schwarzen Rumpf und einen weißen Aufbau, der in zwei schwarz-weiß-roten Schornsteinen gipfelt. Eine Schönheit, außen wie innen, auf drei Decks funkelt Kreuzfahrtluxus. Die Karliners trauen sich kaum hinein, sie fürchten eingebrochen zu sein: Salons mit dicken Teppichen und Lüstern, Speisesäle mit weißem Leinen und Silberbesteck, und alles wiederholt sich in unzähligen Spiegeln. Für die frisch entlassenen KZ-Häftlinge wird es am Abend Hummer an Sauerrahm geben. Vor allem respektvolle Umgangsformen. "Darf ich Sie in Ihre Kabine geleiten?" Entsprechend gut gelaunt zeigen sich die Passagiere an der Reling. In ihrem Lachen findet die Perfidie eines gescheiterten Fotografen, wie er am Kai steht, eine letzte klägliche Stoßrichtung.

Seine Bilder erscheinen im "Stürmer". Darunter: "Eine teuflische Komödie. Grinsende jüdische Emigranten an Bord eines Schiffes, das sie über den Ozean bringt. Es geht ihnen ausgezeichnet. Im Ausland aber markieren sie 'die armen, unschuldig verfolgten Juden'." Wie es sich fügt, spielt die Musikanlage an den Landungsbrücken "Muss i denn zum Städtele hinaus".

In Cherbourg steigen noch einige zu, dann sind 937 Passagiere an Bord. 937 ist auch die Nummer eines Dekrets, das der Präsident Kubas, Federico Laredo Brú, sieben Tage vor der Abreise erlassen hat. Damit wollte er dem Treiben des Direktors der Einwanderungsbehörde, Manuel Benítez, ein Ende setzen. Eigenmächtig hatte der seit 1938 touristische Einreisebewilligungen, keine regulären Visa, für 150 Dollar an Flüchtlinge verkauft. Die kubanischen Immigrationsgesetze waren bis dato missbräuchlich unpräzise.

Geschäfte mit dubiosen Einreisepapieren

Etliche Sonderfahrten führen Ende der dreißiger Jahre jüdische Flüchtlinge nach Havanna. Die teils dubiosen Einreisepapiere stammen von Konsulaten, Reisebüros oder kubanischen Mittelsmännern. Und es geht nicht nur nach Kuba. Asyl verkaufen Geschäftemacher mit lateinamerikanischen Landesstempeln. Von Hamburg nach Barbados etwa soll die MS "Königstein" im Februar 1939, mit 165 österreichischen Juden an Bord. Deren Papiere scheinen dem Kapitän zweifelhaft genug, dass er ins Logbuch schreibt: "Judenfahrt ins Blaue."

Auf deutscher Seite sind die Flüchtlingstrecks sehr willkommen: Die Reedereien machen Kasse, die Nazis werden den "Rassenschmutz" los, schenken dazu vor der Weltöffentlichkeit gönnerhaft ihren Feinden die Freiheit. Dass die Kubaner nun ihre Einreisepolitik verschärfen, befeuert von antisemitischen Kampagnen deutscher Agenten in Havanna, kommt nicht minder gelegen. Die Doppeltaktik der Nazis: die Juden rausschmeißen, aber auch ihre Einreise in Gastländer erschweren, durch Propaganda - Fotos der "Köderrasse" - und durch Beschneidung ihrer Mittel, zehn Mark Wegegeld, so konnten sie dem Ausland als Bedrohung seiner öffentlichen Kassen erscheinen. Als künftige "Schmarotzer", die man besser draußen lässt.

"Wollten wir zu einer großzügigen Lösung schreiten und die gesamte deutsche Handelsflotte mit Juden beladen in See stechen lassen, es wäre uns wenig geholfen, denn es gibt auf Erden keinen Hafenkommandanten, der uns gestatten würde, die Fracht zu löschen", behauptet das SS-Blatt "Das schwarze Korps". "Wohin mit den Juden?" fragt es.

An Bord der "St. Louis" werden die Hapag-Fähnchen auf der Positionstafel jeden Tag ein Stück weiter gesteckt. Während die Zukunft näher rückt, kehrt auch die Vergangenheit zurück. Die Karliners können wieder eine Synagoge besuchen - auch wenn es nur der umfunktionierte Festsaal der "St. Louis" ist, aus dem für die Messen Adolf Hitlers Porträt getragen wird. Sie können wieder Unterricht besuchen: Englisch- und Spanischstunden beim Bordpersonal. Es sind leichte Stunden. Maskenfeste, Winzerfeste. Kinder laufen Rollschuh, schwimmen im Pool, verriegeln die Toilettentüren von innen, kriechen darunter hervor, machen auf unschuldig, wenn Seekranke an ihnen vorbeidrängen und gegen die Türen bollern. Liesl chauffiert den Fahrstuhl, der Liftboy geht inzwischen eine Zigarette rauchen. Herbert streunt zu den Funkern.

Jüdische Passagiere erhalten keine Landeerlaubnis

Doch Schröder setzt ihn vor die Tür. Er versteht gerade keinen Spaß. "Mehrheit Ihrer Passagiere in Zuwiderhandlung gegen neues Kubanisches Gesetz 937 wird voraussichtlich keine Landeerlaubnis erhalten", heißt es in dem Telegramm der Hapag. Weiter: "Halten Sie Kurs bei, da Lage nicht ganz klar." Schröder zieht fünf Männer, die ihm geeignet erscheinen, auf die Passagiere einzuwirken und ihn selbst zu beraten, in einem "Bordkomitee" ins Vertrauen. Dr. Josef Joseph wird der Vorsitzende. Die Nachricht von dem Dekret nimmt er ungerührt hin. Sein neues Amt verlangt, den Passagieren Halt zu geben. Und wenn es nur seine Würde ist, an die sie sich halten. Er hat die Villa in Rheydt verloren, die Approbation, seinen besten Freund - "Ruf mich nicht an, wir kennen uns nicht, es ist besser so". Nur seine Würde nicht. Zwar ließ er sich zum Beinamen "Israel" herab, der musste in seinen Pass, doch er schrieb ihn in Kleinbuchstaben. Die Erniedrigung der Erniedrigung. Man muss nachdenken, um das Subversive zu verstehen. Sein Widerstand, leise Selbsthilfe.

Tochter Liesl war da anders. Als die Braunhemden in der "Kristallnacht" den Kirschbaum in ihrem Garten knickten und damit, Stamm voraus, durch die Scheiben gingen; als die Josephs von ihren eigenen deutschen Mietern im Mittelgeschoss versteckt und durch Falschauskunft gerettet wurden, "Unten könnt ihr alles kaputtmachen, oben wohnen Arier"; als es unten also krachte und splitterte und die Eltern sich nicht rührten: Da mussten sie Liesl zurückhalten, so wütend war sie. Auf wen mehr, die Täter oder die Untätigen, konnte sie nicht sagen. Später würde sie stolz auf ihren Vater sein, den Schalter und Walter des Bordkomitees.

So ist es Joseph, der als Erster ein Telegramm schickt, an das jüdische Hilfswerk American Jewish Joint Distribution Committee. Auch Schröder verspricht, "dass ich mein Möglichstes tun werde, um zu verhindern, dass Sie nach Deutschland zurückkehren müssen". Die Versammelten vereinbaren Stillschweigen.

Am 27. Mai geht die "St. Louis" in Havanna vor Anker. Es ist früher Morgen. Die letzten Sterne verblassen am Himmel. Ilse Marcus steht an Deck und späht in die Dämmerung. Warmer Wind bläst in ihr Gesicht. Sie hält eine Postkarte gegen den Horizont. Ihr Schwager, der vorausgefahren war, hatte sie ihr geschickt. Darauf die Promenade von Havanna, nach der sie jetzt schaut. Doch aus dem Dunst löst sich nur das Festungsgemäuer der Hafeneinfahrt. Sie schiebt die Karte ein Stück nach rechts und ergänzt die Kathedrale. Nun stimmt das Panorama. Lange hat sie sich das Leben in Breslau schöngerückt. Sie waren wohlhabend, ihr Vater ging mit weißen Handschuhen spazieren und einem Stock mit Elfenbeinknauf. Es hätte endlos weitergehen können. Die sechs Schaufenster ihres Bekleidungshauses gaben den Blick frei auf die Auslage: Was machbar und beschaffbar war, die Meyers hatten es. Ilse hatte die Höhere Töchterschule besucht, standesgemäß geheiratet. Zu Hause durfte nur Hochdeutsch gesprochen werden, nicht das Wasserpolnisch der Gassen. Als die Scheiben splitterten, kam ihr Vater in die Wohnung gestürzt: "Das ist ein Pogrom." Ilse kannte das Wort nur aus Geschichtsbüchern. Das war einmal in Polen geschehen. Das war weit weg. Das war der Lärm der Straße, der nicht durch ihre Scheiben drang. Nun hörte sie ihn. "Derr Fiehrer is' im Anrrollen!", brüllte einer. Das war das Ende vom Hochdeutsch im Hause Meyer.

"Freut euch des Lebens"

Ilse schaut aufs Meer. "Freut euch des Lebens" spielt das Bordorchester, während die Passagiere ihre Koffer an Deck tragen. Schon nähern sich die ersten Boote: Freunde und Verwandte, die es bereits nach Kuba geschafft haben. Väter und Ehemänner, auch ein Foxterrier, der seinen Herrchen als Fracht vorausgereist war, umschwärmen die "St. Louis".

Es wird gegrüßt, gewinkt, gebellt. Herbert sieht einen Onkel im Ruderboot, lässt eine Schnur herunter und bekommt Orangen und Ananas zurück. Und Worte der Hoffnung. "Alles wird gut." Die Mienen an Bord wechseln ins Verwunderte. Ist es das nicht? Schnell kommen Gerüchte auf: Die Schiffspapiere seien nicht in Ordnung. Die Gesundheitsbehörde müsse noch inspizieren. Sowieso, am Wochenende werde nicht ausgeschifft. Mit den Landerlaubnissen, munkelt man gar, stimme etwas nicht. Hapag-Offizielle und kubanische Polizisten erscheinen an Bord, doch Genaues können oder wollen sie Schröder nicht sagen. Schwierigkeiten, ja, man müsse abwarten, hier in der Bucht. In den Folgetagen wird verhandelt. Der kubanische "Einwanderungsdirektor" Benítez, die Hapag, Anwälte des Joint, das Bordkomitee und Kapitän Schröder dringen auf Kubas Präsidenten ein. Die Presse, auf das Schicksal der Flüchtlinge aufmerksam geworden, fordert die Aufhebung des Dekrets 937, beschwört die Humanität. Schröder wendet sich an das deutsche Konsulat in Havanna. Dort versteht man die Aufregung nicht. "Herr Kapitän, es sind Juden. Bringen Sie sie zurück und lassen Sie jemand anderes die Verantwortung übernehmen."

Kapitän macht "Selbstmordverhütungsrundgänge"

Die Stimmung an Bord ändert sich von Passagier zu Passagier und von Moment zu Moment. Da Schröder und das Bordkomitee, selbst nicht über alles im Bild, vor den Reisenden nur Andeutungen machen, wird in alle Richtungen spekuliert. Angst umdüstert das Schiff. Zurück nach Deutschland? Einer schneidet sich die Pulsadern auf und springt von Bord. Er, der schon zu den Fischen wollte, wird gerettet und der Einzige sein, der Kuba mit einer "Einreisebewilligung" erreicht. Die anderen 28, die vom Schiff dürfen, haben legale Visa oder einflussreiche Kontakte. Schröder beschließt "Selbstmordverhütungsrundgänge". Bei Dunkelheit tastet starkes Licht über die Decks. Die schreckgeweiteten Augen Joseph Karliners leuchten einmal auf, im Blendlicht der Suchscheinwerfer glaubt er sich wieder in Buchenwald. Schlaflos ist er umhergewandert, wie viele. Die beruhigenden Telegramme, die meist vor dem Zubettgehen kommen, wirken nur bei wenigen. Joint oder Hapag machen wieder Hoffnung, heißt es dann. "Phanodorm" sagt Ilse Marcus dazu, Schlafmittel.

Die Kinder finden sich leichter mit der Lage ab. Sie rücken Tische zu einer Barriere zusammen. Sie spielen ihr Schicksal. Im Kasernenton verhören zwei Jungs ihre Kameraden. "Bist du ein Jude?", schnauzt der Vorsteher. Der Angebellte duckt sich. "Juden haben keinen Zutritt!" "Aber ich bin doch nur ein ganz kleiner", flüsterte er. Liesl versucht es bei einem Polizisten, zeigt zum Ufer, macht fragende Augen. "Mañana", antworten beide gleichzeitig. Liesl kennt das schon. Mañana, morgen, ihr erstes spanisches Wort. Sorgen macht sie sich keine, Vater und sein Komitee schaffen das schon.

Doch morgen kommt nicht. Kubas Präsident sieht die Hapag in der Pflicht, die "diese Passagiere mit illegal und durch Bestechung erworbenen Reisedokumenten hierher gebracht hat".

Dr. Joseph hängt eine Bekanntmachung aus. "Die kubanische Regierung hat uns befohlen, den Hafen zu verlassen ... Unsere Abfahrt bedeutet jedoch nicht das Ende der Verhandlungen mit der kubanischen Regierung ... Das Schiff wird weiterhin mit allen jüdischen Organisationen und anderen offiziellen Körperschaften in Verbindung bleiben. Sie werden sich alle bemühen, eine Landung außerhalb Deutschlands zu ermöglichen. In der Zwischenzeit wird sich das Schiff nahe der amerikanischen Küste bewegen."

"Wir wollen nicht fort!"

Am Tag vor der Abreise kommen immer mehr Boote zur "St. Louis". Freunde und Verwandte nehmen Abschied. Arme strecken sich nach unten. Dass keine Boote am nächsten Morgen erscheinen - sie dürfen sich nicht mehr dem Schiff nähern -, bedrückt am meisten. Kuba ist weit weg. Als die Schiffsmotoren starten, fangen einige an aufzustampfen, vorsichtig, dann immer kräftiger. Zum Schluss stampfen alle, was durch die Stahlböden im ganzen Schiff widerhallt. "Wir wollen nicht fort! Wir wollen nicht fort!", brüllen sie vereint.

Goebbels lässt über Rundfunksender verlauten: "Da niemand die schäbigen Juden der 'St. Louis' haben will, werden wir sie zurücknehmen und versorgen müssen."

Joseph, mit seiner Würde am Ende, schlägt die Waffenkonfrontation vor. "Wenn sie das Schiff beschädigen, müssten wir hier bleiben und an Land genommen werden." "Eine interessante Theorie, die ich nicht auf die Probe stellen möchte", gibt Schröder zurück. Er will der amerikanischen Öffentlichkeit ans Gewissen. Sie sollen sichtbar sein, die Karliners, die Josephs, die Meyers. Menschen in tödlicher Gefahr, vor ihrer eigenen Haustür. Keine anonyme Masse, weit jenseits des Atlantiks.

Schröder steuert auf die Küste von Florida zu. Herbert erblickt ein Schlaraffenland aus bonbonbunten Bauten. Der Art Deco Drive von Miami Beach. "Hier", sagt er elektrisiert, "hier möchte ich einmal leben." Aufgeladen mit Heilserwartungen sind alle an Bord. "Gebt mir die Müden, Armen und Bedrängten, die sich nach Freiheit sehnen, von Euren Küsten schickt mir die Verstoßenen, Sturmgetrieb'nen, mit meiner Fackel leucht ich ihnen an der gold'nen Tür." So steht es am Sockel der Freiheitsstatue geschrieben.

Wahlkämpfer Roosevelt lehnt Präzedenzfall ab

Doch die Küstenwache hält die "St. Louis" von allen Häfen fern. Roosevelt ist im Wahlkampf und nicht sonderlich erpicht auf Schiffsladungen voll Juden. Mitleid ja, mit den zwölf Millionen arbeitslosen amerikanischen Wählern, die keine Konkurrenz von außen brauchen. Auch wenn es nur 907 Juden sind, die meisten ohnehin im Besitz einer Einreisenummer, will Roosevelt mit einer vorgezogenen Aufnahme keinen Präzedenzfall schaffen.

An Bord der "St. Louis" wird nicht mehr getanzt. Das Orchester spielt vor leeren Stühlen, das Kino ist unbesucht. Das Schiff pendelt ziellos zwischen Florida und Kuba. Was an Gerüchten und Wahrheiten kursiert, nehmen die wenigsten noch ernst: vielleicht die Pinieninsel vor Kuba, vielleicht die Dominikanische Republik, vielleicht doch die USA.

Schließlich ist es aus. "Sofort nach Hamburg", kabelt die Hapag an Schröder. "Das sind eure letzten freien Tage", spotten die wenigen Nazis an Bord. "Genießt sie. Nach eurer Rückkehr in Hamburg wird man nichts mehr von euch hören." Als Schröder so weit ist, das Schiff an der britischen Küste havarieren und in Brand stecken zu lassen, um eine Landung zu erzwingen, erklären sich einige Regierungen bereit, die Flüchtlinge aufzunehmen. 287 nimmt Großbritannien, 224 Frankreich, 181 Holland und 214 Belgien. Nach mehr als einem Monat auf See erreicht die "St. Louis" den Hafen von Antwerpen.

Es gibt das Reisealbum eines Flüchtlings, das Foto auf der letzten Seite zeigt einen Blick übers Meer, die Sonne versinkt am Horizont. "Ende gut, alles gut", steht darunter.

Aber es ist nicht zu Ende. Und es ist nicht gut. Die Josephs kommen nach England, der Vater wird als "enemy alien" interniert und schwer krank. 1943 emigrieren sie in die USA, nach Philadelphia, wo Dr. Joseph kurz vor seinem Tod an Goebbels schreibt, ob er sich noch an die schönen gemeinsamen Abende in Rheydt erinnere. Vor allem für jene, die nach Frankreich, Holland und Belgien müssen, fängt nach dem Einmarsch der Nazis die Flucht von vorne an. Und am Ende stehen Bilder, die nicht zu drehen oder zu wenden sind. Propaganda vom guten Ende - schön wäre es.

Direktion Auschwitz

Nach Frankreich kommen die Karliners. Herbert wird von den Eltern getrennt, muss in ein Kinderheim. Gefälschter Pass, Verstecke auf Dachböden, viele Male entgeht er nur knapp seiner Ergreifung. Schließlich ist der Krieg vorbei, das Leben soll wieder anfangen, aber das Versteck seiner Eltern ist leer. Ihre Möbel und sein Fahrrad findet er in der Wohnung von Freunden. Es ist nicht schwer zu erraten, woher sie alles haben. Von französischen Milizen, für den Verrat seiner Familie. Er sucht sie in Drancy, wo die Züge nach Deutschland fahren. Er findet sie, "Ilse Karliner, Ruth Karliner, Joseph Karliner, Martha Karliner", vier Einträge in einem Buch. "Convoy 42, November 6, 1942. Direktion: Auschwitz." Er hat die Seite kopiert und aufgehoben. Namen, über die er mit dem Finger fahren kann, hat er. Einen Grabstein nicht.

Noch im KZ näht Ilse Marcus die Sträflingskutte um. Sie will nicht schlampig aussehen, das Mädchen aus dem Bekleidungshaus Meyer. Das sind ihre Bilder: der Abschied von der Mutter, der keiner ist, ohne Umarmung, ohne Kuss. "Links und rechts!", befiehlt der Mann an der Rampe. Noch immer sieht sie ihn vor sich. Sie ist ihn nie losgeworden. Er lebt weiter in ihren Gedanken. In Gesichtern auf der Straße, in Gerüchen und Geräuschen. Alles ist Erinnerung. Einen Tag der Befreiung gab es für sie bis heute nicht. Sie atmet ein und riecht verbranntes Menschenfleisch. Sie ist still und hört das Knistern der Hochspannungszäune, wenn Verzweifelte darin einen Ausweg suchten. Sieht das blitzschnelle Abschalten durch die SS, hört ihre Häme, "Hier kommt ihr nur durch den Schornstein raus". Fühlt das Unglück - das schlimmste von allen -, überleben zu müssen, als Einzige. Alt zu werden. Ihre Freunde sind tot, sie kann nichts mehr teilen. Sie ist allein mit Auschwitz.

Ein Drittel der Passagiere der "St. Louis" wurde in Konzentrationslagern ermordet.

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