Jugendamtsmitarbeiter Manager des Elends

Wohnung eines vernachlässigten Kindes: 38.500 wurden 2011 aus ihren Familie geholt
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Wohnung eines vernachlässigten Kindes: 38.500 wurden 2011 aus ihren Familie geholt

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2. Teil: "Für manche Kinder kommen wir direkt vor dem lieben Gott"


Kai Hansen*

Mehr als 20 Jahre lang war ich Sozialarbeiter, heute bin ich Fallmanager - ich manage einen Fall. Und so wie es klingt, ist es auch. Ich jongliere zwischen ambulanten Helfern und Behörden, aber wenn etwas schief geht, bin ich schuld, trage ich die Verantwortung, muss ich geradestehen dafür. Das erzeugt einen immensen Druck. Wir schwitzen uns durch die Nächte oder liegen wach.

Es gibt Familien, da betreue ich bereits die Enkelkinder - und irgendwie gehört man fast schon dazu.

Die meisten Kinder haben kranke Eltern - entweder psychisch beeinträchtigt oder drogenabhängig. Für all diese Kinder gilt: Sie kennen nur die eigenen Verhältnisse. Kinder von Alkoholikern kennen keine nüchternen Eltern, Kinder von Junkies kennen keine drogenfreien Eltern, Kinder von psychisch Kranken kennen keine gesunden Eltern.

Hamburg gehört zu den Kommunen, die sozialschwachen Familien nicht die Verhütung zahlen. Manchen Kindern täte es gut, wenn sie nicht in solche Familien reingeboren würden. An manche kommen wir ran, die können wir retten - aber eben nicht alle.

Außenstehende reden leicht daher: Wir Jugendamtsmitarbeiter könnten renitente Eltern anzeigen oder ihnen ihre Kinder wegnehmen. Aber das sagt sich so leicht. Allein der Sorgerechtsentzug - die sofortige Herausnahme des Kindes aus der Familie - muss tagelang vorbereitet werden. In diesen Tagen fühlt man sich wie im Fegefeuer. Die Kinder kommen dann in Kinderschutzhäuser oder zu Pflegeeltern.

Einmal fast bewusstlos geschlagen

Einmal musste ich einer drogenkranken Mutter ihr zehn Tage altes Baby wegnehmen. Solche Entscheidungen beeinträchtigen automatisch das eigene Privatleben, das kann man nach Feierabend nicht abstreifen. Aber in diesem Fall war es die richtige Entscheidung: Das Kind hat sich prächtig entwickelt, die Mutter ist noch immer drogenabhängig. Natürlich kann man argumentieren, die Mutter hat sich ihrer Sucht hingegeben, weil sie keinen Ansporn hatte. Ich aber sage: Der Ansporn war, das Kind zurückzubekommen, wenn sie den Drogen entsagt. Sie hätte Entzug und Fürsorge nicht vereinbaren können - und für mich geht das Kindeswohl vor.

Viele Illusionen macht man sich in meinem Job nicht, aber es gibt auch Wunder: Ich musste einer Mutter innerhalb von zwei Tagen vier Kinder wegnehmen. Diese Frau hat sich völlig neu erfunden; hat sich eine Arbeitstelle gesucht und einen Partner gefunden, der ihr Halt gab. Sie hätte nie die Kurve bekommen, wenn wir ihr die Kinder gelassen hätten.

Für manche Kinder kommen wir vom Jugendamt direkt vor dem lieben Gott, manche sind dankbar, manche erkennen das erst viel später. Diese Sichtweise ist meine Motivation: Zu spüren, dass es Kindern auf einmal besser geht im Vergleich zur Situation, bevor ich mich eingeschaltet habe.

Verbale Bedrohungen gehören zur Tagesordnung, einmal hat mich eine Elfjährige fast bewusstlos geschlagen, als wir ihr jüngeres Geschwisterchen abholten. Da hüpfte sie aufs Sofa und schlug mir eine Porzellanpuppe ins Gesicht.

Ich wünschte, dass die Altgedienten wie ich mehr um Rat gefragt würden.



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