Jugendamtsmitarbeiter Manager des Elends

Deutschlands Jugendämter haben 2011 insgesamt 38.500 Jungen und Mädchen in Obhut genommen, meldet das Statistische Bundesamt. Die Sozialarbeiter stehen unter enormem Druck. Vier von ihnen erzählen aus ihrem Alltag: von Eltern, die ihre Kinder nicht füttern, nicht pflegen, sondern vernachlässigen.
Wohnung eines vernachlässigten Kindes: 38.500 wurden 2011 aus ihren Familie geholt

Wohnung eines vernachlässigten Kindes: 38.500 wurden 2011 aus ihren Familie geholt

Foto: Stefan Sauer/ picture-alliance/ dpa

Chantals Leben beginnt traurig. Die Mutter säuft, der Vater nimmt Drogen. Im Alter von sieben Jahren nehmen Mitarbeiter des Jugendamts den Eltern das Mädchen weg, geben es zu Pflegeeltern in Hamburg.

Doch dieser Schritt ist keine Wendung zum Guten. Chantals Leben endet traurig. Am 16. Januar 2012 wird sie in der Wohnung der Familie leblos aufgefunden. Laut Obduktion starb die Fünftklässlerin an einer Überdosis Methadon, der Ersatzdroge für Heroinabhängige. Chantals Pflegeeltern sind heroinabhängig, seit Jahren nehmen sie an einem Methadonprogramm teil.

Jugendämter müssen eine wachsende Zahl von Kindern und Jugendlichen vor Gefährdungen in Obhut nehmen. Wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag in Wiesbaden mitteilte, waren im vergangenen Jahr 38.500 Kinder und Jugendliche davon betroffen. Das waren etwa 2100 oder sechs Prozent mehr als 2010. Seit 2007 nahm die Zahl der Inobhutnahmen um 36 Prozent zu.

Im Fall Chantal stellen sich drängende Fragen: Warum wählte das Jugendamt, als es das Mädchen aus seiner Familie nahm, ehemalige Junkies als Pflegeeltern aus? War die Inobhutnahme überhaupt die richtige Entscheidung?

Fragen, denen sich die Verantwortlichen nun stellen müssen. Fest steht: "In den Jugendämtern herrscht Notstand", sagt Christiane Blömeke, Sprecherin der Hamburger Grünen-Fraktion GAL für die Bereiche Familie, Kinder und Jugend. Die GAL will die Zahl der Fälle, die eine Fachkraft im Jugendamt zu betreuen hat, auf 35 begrenzen. Denn Jugendämter mit geringeren Fallbelastungen haben in der Regel auch weniger Mitarbeiter, die den Dienst quittieren, wie eine Anfrage Blömekes ergeben hat - und die Fluktuation im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD), der an die Jugendämter angeschlossen ist, ist wegen der hohen Belastung enorm. Man dürfe nicht bei der Betroffenheit stehen bleiben, die der Tod von Chantal ausgelöst hat, so Blömeke.

Wie gehen die Sozialarbeiter mit der Belastung um? SPIEGEL ONLINE hat mit vier Mitarbeitern des Jugendamts in Hamburg gesprochen.

"Für manche Kinder kommen wir direkt vor dem lieben Gott"

Kai Hansen*

Mehr als 20 Jahre lang war ich Sozialarbeiter, heute bin ich Fallmanager - ich manage einen Fall. Und so wie es klingt, ist es auch. Ich jongliere zwischen ambulanten Helfern und Behörden, aber wenn etwas schief geht, bin ich schuld, trage ich die Verantwortung, muss ich geradestehen dafür. Das erzeugt einen immensen Druck. Wir schwitzen uns durch die Nächte oder liegen wach.

Es gibt Familien, da betreue ich bereits die Enkelkinder - und irgendwie gehört man fast schon dazu.

Die meisten Kinder haben kranke Eltern - entweder psychisch beeinträchtigt oder drogenabhängig. Für all diese Kinder gilt: Sie kennen nur die eigenen Verhältnisse. Kinder von Alkoholikern kennen keine nüchternen Eltern, Kinder von Junkies kennen keine drogenfreien Eltern, Kinder von psychisch Kranken kennen keine gesunden Eltern.

Hamburg gehört zu den Kommunen, die sozialschwachen Familien nicht die Verhütung zahlen. Manchen Kindern täte es gut, wenn sie nicht in solche Familien reingeboren würden. An manche kommen wir ran, die können wir retten - aber eben nicht alle.

Außenstehende reden leicht daher: Wir Jugendamtsmitarbeiter könnten renitente Eltern anzeigen oder ihnen ihre Kinder wegnehmen. Aber das sagt sich so leicht. Allein der Sorgerechtsentzug - die sofortige Herausnahme des Kindes aus der Familie - muss tagelang vorbereitet werden. In diesen Tagen fühlt man sich wie im Fegefeuer. Die Kinder kommen dann in Kinderschutzhäuser oder zu Pflegeeltern.

Einmal fast bewusstlos geschlagen

Einmal musste ich einer drogenkranken Mutter ihr zehn Tage altes Baby wegnehmen. Solche Entscheidungen beeinträchtigen automatisch das eigene Privatleben, das kann man nach Feierabend nicht abstreifen. Aber in diesem Fall war es die richtige Entscheidung: Das Kind hat sich prächtig entwickelt, die Mutter ist noch immer drogenabhängig. Natürlich kann man argumentieren, die Mutter hat sich ihrer Sucht hingegeben, weil sie keinen Ansporn hatte. Ich aber sage: Der Ansporn war, das Kind zurückzubekommen, wenn sie den Drogen entsagt. Sie hätte Entzug und Fürsorge nicht vereinbaren können - und für mich geht das Kindeswohl vor.

Viele Illusionen macht man sich in meinem Job nicht, aber es gibt auch Wunder: Ich musste einer Mutter innerhalb von zwei Tagen vier Kinder wegnehmen. Diese Frau hat sich völlig neu erfunden; hat sich eine Arbeitstelle gesucht und einen Partner gefunden, der ihr Halt gab. Sie hätte nie die Kurve bekommen, wenn wir ihr die Kinder gelassen hätten.

Für manche Kinder kommen wir vom Jugendamt direkt vor dem lieben Gott, manche sind dankbar, manche erkennen das erst viel später. Diese Sichtweise ist meine Motivation: Zu spüren, dass es Kindern auf einmal besser geht im Vergleich zur Situation, bevor ich mich eingeschaltet habe.

Verbale Bedrohungen gehören zur Tagesordnung, einmal hat mich eine Elfjährige fast bewusstlos geschlagen, als wir ihr jüngeres Geschwisterchen abholten. Da hüpfte sie aufs Sofa und schlug mir eine Porzellanpuppe ins Gesicht.

Ich wünschte, dass die Altgedienten wie ich mehr um Rat gefragt würden.

"Manchmal erschrecke ich, welche Verantwortung ich trage"

Manuela Schröder*

Ich habe von Chantals Tod im Radio erfahren, morgens im Badezimmer. In Gedanken bin ich sofort meine Klienten durchgegangen. Habe ich etwas übersehen? Ist jemand in Gefahr?

Wenn man beim ASD anfängt, weiß man: Das ist ein emotional hochbelastender Job. Ich habe mich bewusst dafür entschieden, nachdem ich dort ein Praktikum absolviert hatte. Ich wusste, worauf ich mich einlasse - und doch gibt es Phasen, in denen ich abends die Hände überm Kopf zusammenschlage und denke: Wie schaffst du das nur?

Ich habe hohe Ansprüche, was Diagnostik und fachliche Standards angeht. Auf der anderen Seite sehe ich die Realität - dazwischen klafft eine Riesenlücke. Ich muss meine fachlichen Ansprüche Tag für Tag runterschrauben, das frustriert mich. Es muss eine Begrenzung der Fälle her, nur so können wir unsere Arbeit qualitativ verbessern.

So aber habe ich 80 bis 100 sogenannte Zuständigkeiten, das bedeutet: Mutter und zwei Kinder aus einer Familie, die eine sozialpädagogische Familienhilfe erhält, entspricht zwei Zuständigkeiten (eine für das älteste Kind und eine für die Mutter als sogenannter Hilfeempfänger).

Jeder Fall ist einzigartig. Einmal geht es um Unterstützung bei der Befürwortung eines Gutscheins, um einen Kita-Platz zu bekommen, ein anderes Mal braucht die Familie ein komplettes Management. Aber in der Regel kann man schon sagen: Die meisten Familien haben nicht ein einzelnes Problem, sie stehen eher komplexen Problemlagen gegenüber.

Wir helfen ihnen dabei - und wir kontrollieren sie. Dieses Doppelmandat ist manchmal schwer zu bewältigen. Grundsätzlich gilt: Wir wollen mehr Hilfe als Kontrollinstanz sein, und doch sind wir häufig die Feuerwehr im Notfall.

Jeden Tag Druck

Was wäre es für ein befriedigendes Arbeiten, wenn wir auch in "guten Zeiten" regelmäßigen Kontakt zu den Familien hätten, um intensivere Beziehungs- und Vertrauensarbeit zu leisten. Doch dafür reicht selten die Zeit. Somit werden wir von einer Vielzahl unserer Klienten als die wahrgenommen, die in "schlechten Zeiten" auftauchen, um Druck zu machen, dass sich Dinge und Situationen verändern müssen.

Ich habe immer Druck, kein Tag ist wie der andere. Ich habe feste Termine, dann platzt aber ein Notfall dazwischen und schon ist meine komplette Planung obsolet.

Jede Person und jede Familie ist einzigartig, dies erfordert von uns bei jedem Fall aufs Neue eine hohe Anpassungsleistung. Man muss akzeptieren, dass das eigene Denken von zum Beispiel Sauberkeit und Ordnung ein völlig anderes ist. Wir arbeiten mit Menschen, die oft kleinschrittig angeleitet werden müssen, um zum Beispiel ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass ein Kleinkind eine feste Struktur braucht, um sich orientieren zu können, dass es nicht einmal um 6 Uhr und einmal um 12 Uhr Frühstück geben kann.

Manchmal erschrecke ich, wenn mir bewusst wird: Ich bin dafür verantwortlich, welche Hilfe diese und jene Familie bekommt. Ich muss abschätzen und einschätzen, inwieweit eine Familie die Wahrheit sagt oder manipuliert, dies erschwert es, eine fachliche Einschätzung zu erlangen. Die Verantwortung ist enorm, mit meiner Dienstzeit von achteinhalb Stunden pro Tag komme ich vorne und hinten nicht hin. Denn jeder Kontakt - sei es Besuch oder Telefonat - muss auch dokumentiert werden. Sechs Telefonate sind sechs zu verschriftlichende Gespräche.

Wichtig ist: Unsere Aufgabe ist es, Menschen dabei zu helfen, ihre Probleme zu lösen; ihnen alternative Wege aufzeigen, die sie ohne uns vielleicht nicht finden würden. Aber an der Grundproblematik, zum Beispiel der Lebenssituation, können wir häufig nichts ändern.

"Wir können nicht garantieren, dass es nicht zu Unglücksfällen kommt"

Carsten Fuchs*

Ich bin seit vielen Jahren beim ASD in Hamburg und war noch nie so wenig motiviert wie im Moment. Die Gesellschaft wandelt sich und damit unser Aufgabenfeld, das war ein Grund, warum ich mich mal für diesen Beruf entschieden habe.

Ein weiterer war, Hilfsbedürftige zu unterstützen, ihnen das Leben zu erleichtern, Gutes zu tun. Ich selbst hatte das Glück, dass mir Fremde ein schöneres Leben bereiteten, als es mir meine Eltern bieten konnten. Dieses Glück wollte ich weitergeben.

Nun wurden in Hamburgs Jugendämtern die Computer umgestellt - auf das "Jus IT"-Programm. Es soll effizienteren Kinderschutz garantieren. In Wahrheit ist es eine Farce. Bei "Jus IT" geht es um knallharte Standardisierung. Mit den realen Fällen hat das Programm nichts zu tun: Der Sozialarbeiter muss teilweise ganz spezielle Fragen beantworten, die aber mit dem aktuellen Fall gar nichts zu tun haben. Zudem schlägt es Anbieter von Erziehungshilfen vor, die in erster Linie günstig sind - das kann doch nur daneben gehen. Es soll besser werden, aber es kann eigentlich nur schlimmer kommen.

Viele Menschen, die nach Fällen wie Chantal die Jugendämter kritisieren, haben keine Ahnung, wie wir arbeiten: Ich habe kaum direkten Kontakt zu meinen Klienten, den haben überwiegend die Familienhilfen. Ich koordiniere deren Unterstützung bei Erziehung und Betreuung, führe Gespräche mit den Betroffenen und den Trägern.

Ich muss mich auf die Einschätzung Dritter verlassen, die die alltägliche Betreuung übernommen haben. Das Leben derer, die ich früher persönlich aufsuchte, kenne ich entweder nur aus den Akten oder wenn sie bei mir im Büro erscheinen. Ich versuche jetzt also vom Schreibtisch aus, das Elend zu verwalten. Gut fühlt sich das nicht an.

Sozialarbeit ist doch Arbeit mit Menschen. Eine Arbeit, die anstrengend sein kann, aber die wenigstens einen Sinn hat. Daran habe ich während meines Studiums geglaubt, und die ersten Jahre in meinem Beruf haben das auch bestätigt.

Wir arbeiten mit ganz kleinen Erfolgen. Wir loben eine Mutter, wenn sie es beispielsweise zwei Tage in Folge schafft, ihren Kindern ein Frühstück und ein Abendessen zuzubereiten und der Vater nur drei Flaschen Bier säuft statt zehn. Dann kann der Fußboden noch immer ranzig und zugemüllt sein, aber dann hat dieses Paar einen Fortschritt gemacht, den man honorieren muss - und der uns als Sozialarbeiter hoffen lässt.

Ich habe Angst, dass bei aller Sorge um die Schwächsten in unserer Gesellschaft die Kontrolle über unsere Lebenserfahrung gestellt wird. Man kann mit Computerprogrammen, Standardfragen und Auswertungen keine Katastrophe verhindern. Jeder Fall ist ein Einzelfall.

So traurig und provozierend es klingen mag: Die Ausnahme gehört gerade zu unserem Job dazu. Wir können nicht garantieren, dass es nicht zu Unfällen oder Unglücksfällen kommt.

"Die Arbeit eines Jugendamtmitarbeiters gleicht einem technokratischen Machtwerk"

Peter Rasch*

Ich habe 30 Jahre lang als Sozialarbeiter gearbeitet, 18 davon bei einer ASD-Abteilung im Hamburger Stadtteil Wandsbek. Es gab Zeiten, da habe ich circa 120 Familien betreut, das hieß, ich war für 180 bis 200 Kinder zuständig.

Der Fall der ermordeten (verhungerten) Jessica in Hamburg-Jenfeld 2005 hat meine Kolleginnen und mich damals sehr überrascht. (Anmerkung der Redaktion: Die siebenjährige Jessica war wegen Unterernährung entkräftet und erstickte im März 2005 an ihrem Erbrochenen. Die Eltern hatten das Kind jahrelang in einem Zimmer der Wohnung eingesperrt, die Fenster vernagelt. Sie wurden zu lebenslanger Haft verurteilt.)

Plötzlich interessierte sich die Politik für unsere Arbeit. Der Hamburger Senat nahm ein Verbrechen zum Anlass, unsere Arbeit in Windeseile in einer für uns bis dahin nicht vorstellbaren Art und Weise zu verändern. "Hamburg schützt seine Kinder", hieß es jetzt und "Geschlossene Heimerziehung", ein neues achte Jugendamt (das FIT - Familieninterventions-Team) und eine Task-Force (jetzt Kinderschutzbeauftragte genannt) wurden geschaffen.

Als dann der Fall Lara Mia 2009 in Hamburg-Wilhelmsburg passierte, wurde dem letzten Zweifler klar: Wir waren nicht mehr beratende und begleitende Sozialarbeiter vor Ort, sondern fallzuständige Fachkräfte, die als Case-Manager in einem zunehmend intervenierenden und kontrollierenden Jugendamt Kindeswohlgefährdungen abwenden sollen und Hilfen zur Erziehung "organisieren". (Anmerkung der Redaktion: Lara Mia war am 11. März 2009 tot von Rettungskräften in der Wohnung ihrer Eltern aufgefunden worden. Die Obduktion hatte eine deutliche Unterernährung des Mädchens ergeben, das nur noch 4,8 Kilogramm wog, das Doppelte wäre in dem Alter normal gewesen.)

Die Kinderschutz-Hotline und viele interne Fachanweisungen, die der neu geschaffene Paragraf 8a des Kinderjugendhilfegesetzes (KJHG) mit sich brachte, haben dann zu einer Dokumentationsflut geführt.

Das hat unsere Arbeit verkompliziert und erschwert. Heute gleicht die Arbeit eines Jugendamtsmitarbeiters einem technokratischen Machtwerk und hat mit dem, was ich in den achtziger und neunziger Jahren als Sozialarbeiter tat, nichts mehr gemein.

Der "böse Behörden-Onkel"

Die Fälle sind komplexer geworden. Heute kann es noch häufiger als früher sein, dass ein Sozialarbeiter pro Fall mit bis zu 20 Personen zu tun hat: Es muss neben den Eltern und dem Kind mit Ärzten, Lehrern, Vermietern, Rechtsanwälten, Kindertagesheimen und manchmal sogar mit Polizisten für Fallkonferenzen Kontakt gehalten werden. Mit dem Wandel der Gesellschaft hat sich auch der Erziehungsstil verändert: Es ist schwer für ASD-Mitarbeiter, es allen recht zu machen. Und zwar von Beginn an. Der Sozialarbeiter sitzt überwiegend am Schreibtisch, arbeitet am PC und muss entscheiden: Was ist ein Fall? Wann wird ein Fall ein Fall? Die Antwort liegt immer im Ermessen des einzelnen Mitarbeiters.

Mit dem Fall Jessica begann eine neue Zeitrechnung. Für Sozialarbeiter in Hamburg gibt es inzwischen nur noch "vor und nach Jessica". Früher war unsere Arbeit Beratung, jetzt ist sie Intervention. Heute wird bereits nach dem ersten Kontakt mit einer Familie eine Akte angelegt, auch wenn sich die Familie freiwillig an die Helfer gewandt hat. Damit ist der Fall beim Jugendamt registriert, was viele Eltern abschreckt.

Der Dokumentationsaufwand ist enorm, meiner Einschätzung nach pflegt der Sozialarbeiter nur noch 30 Prozent seiner Zeit den direkten Kontakt zur Familie. In der restlichen Zeit arbeitet er vom Amt aus und dokumentiert - auch aus Selbstschutz: Jeder Sozialarbeiter muss ständig eine Klage wegen unterlassener Hilfeleistung befürchten.

Die Kunst eines ASD-Sozialarbeiters bestand früher darin, nicht der "böse Behörden-Onkel" zu sein, heute scheint es den verantwortlichen Politikern und Fachvorgesetzen sinnvoll, wenn wir als Kontrolleure bei Konflikten in Familien auf der Matte stehen. Und offenbar glauben sie selber daran, dass unser Auftreten dann umgehend zu einer Verhaltensänderung führt. Das gelingt nur, wenn man den notwendigen Respekt der betroffenen Familie gegenüber hat und wenn man beachtet, wie weit man mit Fragen zugelassen ist: Nur so bekommt man Zugang zur Familie.

Die Arbeit ist hart. Ständig muss man Menschen Sachen vermitteln, die ihnen nicht gleich in ihr Lebenskonzept passen, ständig hat man mit Konflikten zu tun. Es ist ja nicht so, dass unsere Klienten nicht liebevoll mit ihren Kindern umgehen wollen - sie schaffen es häufig nur nicht, weil sie Barrieren gegenüber stehen, die sie nicht sehen, bemerken oder erfahren haben - und die sie nicht leicht überwinden können, weil sie als fremd wahrgenommen werden.

Die Anzahl der Erwachsenen, die ihren Kindern nicht wohlgesonnen ist, mag größer geworden sein, dieser Personenkreis darf aber nicht zur alleine bestimmenden Ausrichtung für die Arbeit im ASD genommen werden. Und ganz wichtig: Das Sozialgesetzbuch VIII (Kinder- und Jugendhilfe, KJHG) muss in seinen beratenden und fördernden Absichten die maßgebliche Bedeutung behalten.

Trotzdem fühlte ich mich von meinem Job beglückt, vielleicht auch, weil sich Sozialarbeiter und Klient zu meiner Zeit gegenseitig nie unverhältnismäßig begegneten - obwohl sie unterschiedliche Ansichten hatten.

Es gibt Fälle, an die denke ich noch heute, die kann man bewältigen, aber nicht vergessen. Das kann mir auch keiner abnehmen, das würde ich auch gar nicht wollen. Denn bis heute ist es schön, dass man gegrüßt wird von den Betroffenen - obwohl man wusste, dass man manchmal - mindestens vorübergehend - als das Arschloch in der betreffenden Familie galt.

*Die Namen sind der Redaktion bekannt.

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