Jugendgewalt in Mexiko "Töte einen Emo!"

Sie werden beschimpft, bespuckt und mit Flaschen beworfen: In Mexiko sehen sich die harmlosen Emo-Kids zunehmend Anfeindungen anderer Jugendgruppen ausgesetzt. Jetzt kam es erstmals zu Hetzjagden auf die stets schwarz gekleideten Teenager - die doch nur eins sein wollen: sensibel.

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Hamburg - Drei schwarz gekleidete Teenager werden von einem wild brüllenden Haufen Jugendlicher immer näher an eine Häuserwand gedrückt. "Tod den Emos"-Rufe sind zu hören. Fäuste und Tritte hageln auf die Bedrängten ein, bis endlich einige Passanten dazwischengehen und Schlimmeres verhindern können.

Szenen gewaltsamer Zusammenstöße mexikanischer Teenager, aufgezeichnet von Handykameras, sind derzeit dutzendweise im Internet zu finden, zum Teil versehen mit hämischen Kommentaren: "Hey Emos, wenn ihr so depressiv seid, dann bringt euch doch um!" In Mexikos Städten haben sich die Anhänger verschiedener Jugendkulturen zusammengetan, um gemeinsam gezielt auf die von ihnen verachteten Emos loszugehen.

Emo, ein weltweit verbreiteter Jugendtrend, ist in Mexiko seit einigen Jahren vor allem unter den 15- bis 17-Jährigen aus der Mittelschicht sehr populär. Mit ihrer engen schwarzen Kleidung, ihren schwarz geschminkten Augen und den typischen, aufwendig gestylten Frisuren, die einen Teil des Gesichts verdecken, fallen die Emo-Kids im Stadtbild auf. In großen Gruppen belagern sie zentrale Plätze, Parks oder Einkaufspassagen. Sie geben sich bewusst sensibel, melancholisch und introvertiert.

Seit Anfang März Punks, Gothics, Skater und andere Jugendliche zu Hunderten ins Zentrum der zentralmexikanischen Stadt Querétaro zogen, um die Emos von ihrem Treffpunkt, der Plaza de Armas, zu vertreiben und sie durch die Straßen der Altstadt zu jagen, reißt die Welle der Angriffe auf Emos nicht mehr ab. Laut der Tageszeitung "La Jornada" kam es bereits in sechs Bundesstaaten des Landes zu Zusammenstößen. Schwere Verletzungen blieben bisher noch aus.

Am Glorieta de Insurgentes, einem von einem großen Kreisverkehr umgebenen Platz im Zentrum von Mexiko-Stadt, hatten Sicherheitskräfte mehrfach große Mühe, die tobenden und sich mit Steinen und Flaschen bewerfenden Jugendlichen auseinanderzuhalten. An der Universität der Küstenstadt Colima mussten aufgrund geplanter Gewaltaktionen bereits Vorlesungen und Seminare abgesagt werden. "Es wird immer gefährlicher für uns, auf die Straße zu gehen. Wir werden beschimpft, bespuckt, beworfen. Der Hass auf uns ist groß", beschreibt Santino Bautista, 16-jähriger Emo aus Mexiko-Stadt, die alltägliche Situation gegenüber der Online-Ausgabe des US-Magazins "Time".

"Sie haben uns unsere Musik und unseren Stil geklaut"

Die Gründe für die Angriffe gegen Emos sind unklar. Ausgelöst wurden sie offenbar durch Aufrufe im Internet und Parolen auf Flugblättern. "Sie haben uns unsere Musik und unseren Stil geklaut", werfen die Anhänger anderer Jugendsubkulturen, vor allem Punks und Gothics, den Emos dort vor. Schon seit Monaten zieht eine regelrechte Anti-Emo-Bewegung im Internet über sie her. In zahlreichen Blog-Einträgen und YouTube-Videos werden Emos als verwöhnte und verweichlichte Mittelschichtkinder verhöhnt, die nur einem Modetrend nachlaufen und sich theatralisch als hypersensibel inszenieren.

Immer öfter sehen sich die häufig androgyn wirkenden männlichen Emos auch schwulenfeindlichen Äußerungen ausgesetzt. In den letzten Wochen kamen zu den Veräppelungen und Beschimpfungen zunehmend Drohungen und konkrete Gewaltaufrufe: "Metal-Fans, Punks, Gothics, wir müssen uns zusammentun, um den Emos ein für alle mal den Garaus zu machen", ist im Weblog des "Movimiento Anti Emo sexual" (Anti-Emosexuellen-Bewegung) zu lesen, es folgen Details zu Uhrzeit und Ort der nächsten Aktion. Der Autor schließt mit dem Gruß: "Unterstütze dein Vaterland, töte einen Emo!"

Auseinandersetzungen zwischen Jugendgruppen habe es in Mexiko schon immer gegeben, sagte Edgar Morín, Anthropologe an der autonomen Universität von Mexiko-Stadt, "La Jornada". "Doch nun hat es wirklich massive Formen angenommen. Diese regelrechten Lynchmordkampagnen im Internet halte ich für sehr gefährlich."

"Konservative Seite der mexikanischen Gesellschaft"

Victor Mendoza, Jugendarbeiter in Mexiko-Stadt, sieht den Kern des Problems in der Homophobie der mexikanischen Gesellschaft. Sich zu Schminken, seine Gefühle und Ängste zu thematisieren, passt nicht zu dem typischen Macho-Bild, das mexikanische Männer gerne von sich zeichnen. "Das ist kein Kampf zwischen Anhängern verschiedener Musikstile, es ist die konservative Seite der mexikanischen Gesellschaft, die alles von der Norm abweichende ablehnt", so Mendoza gegenüber der Online-Ausgabe der "Time".

Erstaunlich dabei ist, dass Intoleranz und Repression offenbar gerade von Punks oder Gothics ausgeübt werden, also Anhängern von Subkulturen, die sich ebenfalls von der Gesellschaft missverstanden und diskriminiert fühlen.

Unterdessen reagierte die besorgte Stadtregierung von Mexiko-Stadt vergangene Woche mit der Einberufung eines Treffens von Vertretern der unterschiedlichen Jugendkulturen, um die Differenzen beizulegen. Ergebnis: Die Vertreter versicherten, dass niemand Probleme mit den Emos habe.

Doch schon am vergangenen Wochenende kam es in Mexikos Hauptstadt wieder zu handfesten Auseinandersetzungen. Eine von Emos und einigen Gothics gemeinsam organisierte Demonstration gegen Gewalt und Intoleranz unter den Jugendbewegungen wurde von Emo-Gegnern aufgehalten. Steine und Flaschen flogen. Die rund 300 Demonstranten, beschützt von ebenso vielen Sicherheitskräften, mussten sich zurückziehen.



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