Geschlossenes Heim in Niedersachsen Sieben Jungen, eine Mauer

Sie sind ausgerissen, waren in Drogengeschäfte oder andere Straftaten verwickelt. Für Kinder und Jugendliche mit massiven Problemen ist ein geschlossenes Heim manchmal die letzte Chance. Aber wie können sie abgeschnitten von der Außenwelt lernen, den Alltag in Freiheit zu meistern?

SPIEGEL ONLINE

Von Simone Utler, Lohne


Thomas und Florian sind Jugendliche wie viele andere. Sie tragen schlabberige Jeans, Turnschuhe und Caps, spielen gern Fußball. Trotz der prallen Nachmittagsonne sind die beiden zum Kicken in den 15 mal 17 Meter großen Hof gegangen. Immer mal wieder prallt der Ball mit einem dumpfen Geräusch gegen die fünf Meter hohe, graue Waschbetonmauer, die den Hof umgibt und die beiden Jungen von der Außenwelt abschneidet.

Thomas und Florian heißen eigentlich anders, sollen aber anonym bleiben, denn in einem wichtigen Punkt unterscheiden sie sich von vielen anderen Jugendlichen: Sie sind in der Geschlossenen Therapeutischen Wohneinrichtung (GITW) des Caritas-Sozialwerks in Lohne untergebracht, einem Heim, in dem sie - zumindest die ersten Wochen - eingeschlossen wurden. Damit sie sich pädagogischen Maßnahmen nicht entziehen können, indem sie abhauen, sind die Türen des Hauses verschlossen, war der Kontakt zu Freunden und Familie zunächst eingeschränkt.

Insgesamt sieben Jungen zwischen 12 und 15 Jahren sind zurzeit in dem zweistöckigen Haus aus rotem Backstein untergebracht. Ihre Lebenswege ähneln sich: Über Monate oder Jahre hinweg schwänzten sie die Schule, rissen immer wieder von zu Hause oder aus offenen Heimen aus, stellten eine Gefahr für sich oder andere dar. Einige der Kids waren in Drogengeschäfte, Betrug, Diebstahl oder Brandstiftung verwickelt.

"Viele der Kinder kommen aus geschädigten Familien. Ob aufgrund einer Trennung, Erkrankung oder Sucht - die Eltern konnten den Kindern aus verschiedensten Gründen keinen Halt bieten, keine Orientierung, keine Versorgung", sagt Hartwig Markus, der Leiter der GITW. "Das betrifft alle sozialen Schichten - aber Armut verschlimmert die Situation."

Maßgefertigte Fenster statt Gitter

Für Kinder, die eine besonders intensive Betreuung brauchen und mit allen sonstigen Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe nicht erreicht wurden, kann die Unterbringung in einer geschlossenen Einrichtung eine Chance sein, der Abwärtsspirale zu entkommen.

Eine sogenannte temporäre freiheitsentziehende Unterbringung ist keine Strafe und wird daher nicht einfach über den Kopf des Jungen oder Mädchens hinweg verhängt. Nach intensiver Prüfung des jeweiligen Falles, Anhörung des Betroffenen, seiner Eltern und des Jugendamtes kann ein Gericht die Unterbringung, die im Schnitt auf ein Jahr angelegt ist, empfehlen. Letztlich muss das Kind oder der Jugendliche aber ja sagen.

Geschlossene Heime erleben gerade eine Renaissance. Dem Deutschen Jugendinstitut (DJI) zufolge ist die Zahl der Plätze bundesweit von 122 im Jahr 1996 über 275 im August 2011 auf nun 375 gestiegen. Die meisten von ihnen liegen in Bayern, Baden-Württemberg und Brandenburg. Das GITW in Lohne ist eines der neuesten Häuser dieser Art. Es wurde im Mai 2010 als erste geschlossene Einrichtung in Niedersachsen eröffnet.

Die graue Mauer ist das offensichtlichste Merkmal der Abgeschlossenheit. Ansonsten hat der Träger versucht, die Einrichtung möglichst offen zu gestalten. Alle Flure sind mit Glastüren versehen. Die Fenster haben keine Gitter und keine abgeschraubten Griffe, sondern zwei jeweils rund 20 Zentimeter schmale Teile, die geöffnet werden können. Maßanfertigungen. "Ein Kinderkopf passt nicht durch, aber die Jungs haben ein Gefühl von Selbstbestimmung", sagt Markus. Der 47-jährige Sozialpädagoge arbeitet seit Oktober 2010 als Betreuer in der GITW und leitet sie seit Mai.

Es gibt sechs Videokameras, rund um die Uhr sind mindestens zwei Mitarbeiter im Einsatz. Trotzdem sind auch in Lohne schon Jungen ausgebüxt. Zwei kletterten mit Hilfe der Basketballkörbe über die Mauer, einer ist bei einem begleiteten Ausgang im Supermarkt abgehauen. Doch alle kamen zurück. "Denen ging es nur darum, uns zu zeigen, dass sie weg könnten, wenn sie wollten", sagt Markus.

Kein Deospray, kein Glas, kein Handy

Jeder Neuankömmling wird zuerst in das Aufnahmezimmer im Erdgeschoss gebracht. Alles, was als Waffe oder zur Selbstverletzung benutzt werden kann, wird den Teenagern abgenommen: Deosprays, Bilderrahmen aus Glas und sogar manche Spielsachen. "Auch mit Lego-Steinen kann man sich ritzen", erklärt Hartwig Markus. MP3-Spieler und Gameboys werden ebenfalls verwahrt, auch Handys, um den Kontakt zu Familie und Freunden überwachen zu können.

In den ersten Wochen gibt es keinen Ausgang und wenig Kontakt zur Familie, es geht um das Kennenlernen der Regeln und des Alltags. Vormittags werden die Jungen im Erdgeschoss unterrichtet, nachmittags müssen sie eine Stunde in ihren Zimmern in der ersten Etage verbringen, danach dürfen sie ihre Freizeit individuell gestalten. Zu festen Zeiten kommen alle zum Essen zusammen, mindestens einmal die Woche ist jeder Junge für eine Stunde beim Therapeuten.

"Unser Hauptarbeitsmittel ist die Beziehung, die wir als Menschen zu den Jugendlichen aufbauen", sagt Hartwig Markus. "Sie machen hier oft zum ersten Mal die Erfahrung, dass sie etwas können, dass sie als Person zählen und dass sie etwas wert sind."

Bei massiven Problemen können die Mitarbeiter Alarm auslösen. Kollegen kommen zu Hilfe, die anderen Jungen müssen in ihre Zimmer gehen. Außerdem gibt es den sogenannten Timeout-Raum, in den ein Jugendlicher gebracht werden kann - für maximal eine halbe Stunde. Die Wände und die Heizung sind mit Teppich verkleidet, eine Kamera lässt eine Überwachung von außen zu. Meistens geht jedoch ein Mitarbeiter mit hinein.

Kritiker monieren Freiheitsentzug und Kosten

Nach einem Sechsstufenplan werden die Teenager für gute Mitarbeit mit zunehmender Freiheit belohnt: mit mehr Kontakt zur Familie, längerem und eigenständigerem Ausgang. "Circa drei Monate brauchen wir die Mauer tatsächlich, dann sind die Jungs so weit, dass sie merken, die Menschen hier helfen ihnen", sagt Reinhard Schwarze, der Bereichsleiter Kinder-, Jugend- und Familienhilfe des Caritas-Sozialwerks St. Elisabeth in Lohne.

Geschlossene Einrichtungen sind durchaus umstritten. Kritiker führen unter anderem an, dass Erziehung mit Freiheitsentzug nicht vereinbar seien und Betreuung hinter Mauern nicht für ein Leben draußen vorbereite.

Gerade in Norddeutschland denken viele sofort an das ehemalige Heim in der Hamburger Feuerbergstraße, das 2003 von Hardlinern der damaligen CDU-Regierung eröffnet wurde und in dem junge Straffällige gemeinsam mit psychisch kranken Jugendlichen betreut wurden. Nach fünf Jahren musste es wegen massiver Probleme geschlossen werden. Betreuer hatten den Jugendlichen heimlich Psychopharmaka verabreicht, ihre E-Mails gelesen und ihre Telefonate mit Anwälten abgehört. Es gab Suizidversuche.

Außerdem monieren Kritiker die Kosten der geschlossenen Unterbringung. Tatsächlich hat eine intensive Betreuung ihren Preis. Das Entgelt für einen Jungen liegt in der GITW Lohne bei 352 Euro pro Tag inklusive Schulunterricht - das macht im Monat rund 10.700 Euro pro Kopf. Die Maßnahmen im offenen Bereich der Kinder- und Jugendhilfe sind in der Regel weniger personalintensiv und somit kostengünstiger. In Lohne beispielsweise betragen die Kosten für eine offene stationäre Unterbringung weniger als die Hälfte.

Schulabschluss, Praktikum, Mauer verschönern

Um aus den Erfahrungen anderer geschlossener Einrichtungen zu lernen, besuchte Schwarze vor der Eröffnung der GITW mit drei Kollegen andere Heime, zog daraus Schlüsse und entwickelte ein bauliches und pädagogisches Konzept.

Dennoch gab es auch in Lohne anfänglich Probleme. Im Januar 2011 bedrohte ein Junge einen Mitarbeiter mit einem Messer, das er aus der Küche entwendet hatte. Ein anderer Teenager zerlegte die Möbel in seinem Zimmer. Die Polizei musste anrücken, die Grünen und die Linken brachten Anfragen im niedersächsischen Landtag ein.

"Die Einrichtung benötigte ein Jahr, um sich in der Jugendhilfelandschaft zu etablieren und sich auf der Team-Ebene zu konsolidieren", sagt Petra Oelkers von der Universität Vechta, die die Einrichtung wissenschaftlich begleitet.

Inzwischen haben die ersten Teenager das Haus verlassen. Sie sind zu ihren Eltern zurückgekehrt oder in eine offene Einrichtung gekommen. Auch die sieben Jungen, die derzeit noch in Lohne sind, sind auf gutem Weg. Einige arbeiten auf einen Schulabschluss hin, andere machen Praktika, alle haben Ausgang. Und für September ist ein großes gemeinsames Projekt geplant: Zusammen mit einem Graffiti-Künstler werden die Jungen die graue Mauer anmalen.



insgesamt 43 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Schalke 19.08.2012
1.
Natürlich kostet so was Geld. Und vielleicht auch wesentlich mehr als offene Betreuung. Aber man kann doch nicht die Augen davor verschließen, dass es auch einige Fälle gibt, die im klassischen offenen Heim nicht (mehr) therapiert werden können. Soll man die so lange in Freiheit lassen bis der zwangsweise Entzug der Freiheit AKA Gefängnis jede weitere Hilfe nahezu unmöglich macht? Der Bericht sagt doch ganz klar, dass die Einweisung nur freiwillig erfolgt. Ich sehe da keinen Freiheitsentzug. Keins dieser Kinder kann etwas für seine persönliche Geschichte, die es da hin geführt hat. Die Eltern und/oder das soziale Umfeld haben aus verschiedensten Gründen versagt. Wenn das Umfeld der Kinder nicht helfen kann, dann muß die Gesellschaft in Form des Staates das Heft in die Hand nehmen, um diesen vermeintlichen Losern vielleicht doch noch eine Chance zu bieten. Und dazu gehört in den "krassen" Fällen vielleicht auch mal die geschlossene Unterbringung. Was bitte schön sind denn 11.000 € pro Monat pro Platz, wenn nur 5 oder 10% der Insassen auf den Rechten Weg zurück kommen und brave Steuerzahlerbürger werden? Die bezahlen ihren Heimplatz quasi selbst. BTW, das wäre für mich die wichtigste Information neben den Kosten gewesen. Gibt es belastbare Daten zu den Erfolgsquoten solcher Einrichtungen?
leser008 19.08.2012
2. Guter Ansatz
Aber wie können sie abgeschnitten von der Außenwelt lernen, den Alltag in Freiheit zu meistern? ........................................ Das werden die auch nachher nicht lernen. Der Erfolg dieser -natürlich viel zu teuren Einrichtungen- beruht darauf, dass die Jugendlichen früh lernen, wieviel es sich die Bürger kosten lassen sie wegzusperren, um sie loszusein. Und dass davon bei ihnen kein einziger Euro ankommt. Strafvollzug kommt da immer zu spät.
ronald1952 19.08.2012
3. Eines sollte dem Dümmsten klar sein,
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINESie sind ausgerissen, waren in Drogengeschäfte oder andere Straftaten verwickelt. Für Kinder und Jugendliche mit massiven Problemen ist ein geschlossenes Heim manchmal die letzte Chance. Aber wie können sie abgeschnitten von der Außenwelt lernen, den Alltag in Freiheit zu meistern? http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,843908,00.html
wenn ein Kind in ein geschlossenes Heim kommt, hat der Staat schon versagt, denn man hätte schon viel früher Eingreifen müssen in das Geschehen. Im Grunde ist das Jugendamt völlig Überflüßig, denn es zeigt sich immer wieder das dieses Amt nicht eingreift wenn noch etwas zu Retten ist. Erst wenn es zu spät ist und mal wieder eine Kindestötung durch die Presse geht kommt es zu Tage. Diese Herrschaften habe nichts, aber auch garnichts zu Wohle des Kindes getan. Genauso wenig wie für Zehntausend andere die vielleicht die Hilfe des Jugendamtes bräuchten. Das Jugendamt ist ein völlig überflüssiger Haufen von Bürokraten die nur eines kosten,nähmlich eine menge Steuergeld. Vernünftigerweise sollte man die Arbeit die eigendlich das Jugendamt zu erledigen hat in die Hände von Jugendorganisationen legen, daß Jugendamt auflösen und den Jugendorganisationen das Geld des Jugendamtes zur Verfügung stellen.Ich bin sicher, dann würden vielen Kindern geholfen werden anstatt immer wieder nur die Ausreden des Jugendamtes hören die sie sich einfallen lassen, um ja nichts tun zu müssen! schönen Tag noch,
Gertrud Stamm-Holz 19.08.2012
4. aha
Zitat von leser008Aber wie können sie abgeschnitten von der Außenwelt lernen, den Alltag in Freiheit zu meistern? ........................................ Das werden die auch nachher nicht lernen. Der Erfolg dieser -natürlich viel zu teuren Einrichtungen- beruht darauf, dass die Jugendlichen früh lernen, wieviel es sich die Bürger kosten lassen sie wegzusperren, um sie loszusein. Und dass davon bei ihnen kein einziger Euro ankommt. Strafvollzug kommt da immer zu spät.
Genau. Das ist natürlich der Grund für jedes gestrauchelte Kind. Kosten verursachen und sich daneben zu benehmen. Da versagt das Bollwerk an Wärme, Liebe, Stabilität und Unterstützung namens Mami und Papi auf ganzer Länge und verantwortlich dafür ist der Nachwuchs. Der sich dann auch erdreistet verhaltensauffällig zu werden. Was das alles kostet! Wollen Sie nicht vielleicht mobile Erschiessungskommandos einführen? Das käme wesentlich billiger und problematische Jugendliche kann man so wesentlich leichter wieder auf Linie bringen.
indosolar 19.08.2012
5. das System Jugendhilfe
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINESie sind ausgerissen, waren in Drogengeschäfte oder andere Straftaten verwickelt. Für Kinder und Jugendliche mit massiven Problemen ist ein geschlossenes Heim manchmal die letzte Chance. Aber wie können sie abgeschnitten von der Außenwelt lernen, den Alltag in Freiheit zu meistern? http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,843908,00.html
diese harten Worte wenigstens im Ansatz plausibel zu machen fragt nach dem Vergleich von Aufwänden pro Kind von 10,000 Euro und der Ursachenerklärung kindlichen Fehlverhaltens: "aber Armut verschlimmert die Situation!" Am Anfang und Ende dieser innerfamiliären Gewaltspirale stehen oft JA und Caritas als Auslöser, die Caritas dabei immer als Profiteur, die JA als Zuarbeiter. Hilfe suchenden Eltern wird Hilfe verweigert, dann zerstören Familienberatungen und Frauenhäuser die Familien, die Kinder werden zu staatlichen Spielbällen, teilweise und nachweisbar gegen ihre Eltern ausgespielt, das System Bildung und Teilhabe fordert Zuzahlungen, heizt die Armut an, die Kinder werden zu Schulversagern und versuchen sich und ihre Persönlichkeit anderweitig Geltung zu verschaffen. Es ist ein Profit orientiertes System, welches die Caritas im Namen der bezahlten Nächstenliebe immer weiter ausbaut. Es hat immer versagende Eltern gegeben, aber die übergroße Anzahl von Lohn und Brot suchenden Sozialarbeitern und Sozialpädagogen in Jugendämtern und Caritaseinrichtungen(die Diakonie ist nicht besser) greifen leider auch die Orte an, wo die Erziehung hingehört, Eltern und Familie! Auch wenn es Kinder gibt, die in liebvollen und hart arbeitenden Elternhäusern abgleiten, die Mehrzahl der weggesperrten oder psychatrisch behandelter Kinder kommen aus Alleinerziehenden Haushalten, die logischerweise nicht die Erziehungsarbeit einer Familie leisten können. Der Anstieg geschlossener Heime sind nur eine Facetten des Kostenanstieges und der Probleme, die outsourcing von Familienarbeit und Familienzerstörung mit sich bringt. Interessant ist, das nicht wenige Jugendämter bei Konflikten zwischen Kindern und Eltern sich heutzutage erst mal auf die Seite der Kindern stellen, die Eltern ausbooten. Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr! Vielleicht startet SPON hier einmal eine Umfrage, wieviele betroffene Eltern glauben, das Jugendämter gegen die Interessen von Eltern und Familien handeln. Es wäre interessant zu wissen!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.