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24. September 2011, 23:40 Uhr

Jugendmesse mit Papst

"Ihr seid das Licht der Welt"

Von , Freiburg

Sie rufen den Namen des Papstes, klatschen, rufen wieder den Namen, wie bei einem Fußballspiel: Fast 30.000 Zuschauer, vor allem Jugendliche, haben in Freiburg den Papst gefeiert. Der 84-Jährige winkt, lächelt, segnet, genießt das Bad in der Menge - aber nicht alle Freiburger heißen ihn willkommen.

"Ratze go home." Drei Worte, in die ein Anwohner seine Wut verpackt hat. Er hat die Buchstaben auf ein gelbes Transparent drucken lassen und an der Brüstung seines Balkons befestigt. Alle, die die Kaiserstuhlstraße entlangpilgern, sollen diesen Satz lesen. Die Pilger, die diese Route zum Messegelände in Freiburg wählen, amüsiert es. Sie machen Fotos davon mit ihren Handys und Digitalkameras. Die Zahnspangen-Dichte ist hoch, manche Turnschuhe blinken, der Papst hat zur Vigil geladen, einer liturgischen Gebetswache für junge Leute. Benedikt XVI. gilt als Papst der Jugend.

Die Reisen des Papstes werden Pastoralreisen genannt: Der Hirte besucht seine Herde. Das klingt frömmelnd, doch an diesem Abend trifft die Bezeichnung ins Schwarze. Unter wolkenlosem Himmel, bei untergehender Abendsonne vor rotschattiertem Horizont und sommerlichen Temperaturen, feiern 29.000 junge Menschen aus ganz Deutschland ihren Benedetto, die Sprechchöre klingen über das große Areal. Es skandieren Pfadfindergruppen, Landjugendvereine, Ministranten, Burschenschaften, junge Eltern mit ihren Kindern, aber auch junge Männer im schwarzen Pfarrergewand und Ordensschwestern in Turnschuhen. Sie rufen den Namen ihres Papstes, klatschen im Anschluss, rufen erneut den Namen - wie bei einem Fußballspiel. Manche haben sich T-Shirts drucken lassen oder Baseballmützen, einige tragen Tracht oder Jogginganzüge und Strohhüte. Auf dem Boden liegen Picknickdecken, Schlafsäcke, Isomatten. Für die, die noch nicht wissen, wo sie in Freiburg schlafen sollen, gibt es eine Art Übernachtungsbörse am Infopoint.

"Pumperlgsund", wie der Bayer sagt, erstaunlich vital, dreht Benedetto im Papamobil seine Runden. Seine Freude über das Bad in der Menge scheint ihm ins Gesicht geschrieben. Er winkt und segnet und freut sich. Die Menge schwenkt Fahnen in den Farben des Vatikans und bayerische und schweizerische Flaggen. Jazzmusik tönt aus den wuchtigen Lautsprechern. Der 84-Jährige wirkt Jahre jünger.

"Ihr seid das Licht der Welt"

"Liebe junge Freunde", spricht Benedikt XVI. zu seinen Jüngern, "ich habe mich den ganzen Tag auf den Abend mit Euch gefreut!" Die Masse antwortet mit tosendem Applaus. Das katholische Kirchenoberhaupt forderte die jungen Christen dazu auf, "glühende Heilige" zu werden und sich Gott hinzugeben. "Der Schaden der Kirche" komme nicht von ihren Gegnern, sondern von den "lauen Christen". Heilig sein bedeute nicht, asketische und moralische Höchstleistungen zu vollbringen, sondern sich vielmehr von Gott entzünden zu lassen. "Ihr seid das Licht der Welt. Wo ihr seid, da ist Gott."

Tausende zünden daraufhin Kerzen an. Vereinzelt werden Besucher aus der Menge gezogen, in Rettungsfolien aus Alu gewickelt und abtransportiert.

"Wer an Jesus glaubt, hat nicht immer Sonnenschein im Leben", predigt der Papst. Noch immer gebe es Krieg und Terror, Hunger und Krankheit, bittere Armut und erbarmungslose Unterdrückung. Die Zuhörer sollen gegen das Böse kämpfen und nicht an der eigenen Schwäche verzweifeln, ruft er. Jesus Christus fordere keine Glanzleistungen, "sondern möchte, dass sein Licht in euch scheint".

Mit Nachdruck erinnert er die Jugendlichen an die Existenz des Bösen. "In unserem eigenen Herzen gibt es die Neigung zum Bösen, den Egoismus, den Neid, die Aggression." Mit einer gewissen Selbstdisziplin lasse sich das jedoch kontrollieren.

Kritik wegen der Diskriminierung von Homosexuellen

Wenige Stunden vor der Ankunft von Benedikt XVI. in Freiburg hatte das Aktionsbündnis "Freiburg ohne Papst" mehr als 5000 Unterschriften an die Stadtverwaltung übergeben, um gegen den Eintrag des Papstes ins Goldene Buch der Stadt zu protestieren. Die Unterzeichner kritisieren die Diskriminierung von Homosexuellen und den Ausschluss von Frauen von kirchlichen Ämtern, die der Papst unterstützt.

Auch Baden-Württembergs Ministerpräsident - Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken und einer der wenigen Repräsentanten mit katholischem Seelenfundament während des Papstbesuchs - kritisierte die Kirche und forderte Reformen. Bei seinem Gespräch mit Benedikt XVI. habe er dies aber nicht angesprochen, sagte Winfried Kretschmann. Es sei durchaus "inspirierend, was dieser intellektuelle Papst sagt", aber die Kirchenprobleme löse man nicht in drei Tagen.

Selbst die jugendlichen Pilger auf dem Messegelände signalisierten, dass für sie die Unterscheidung in evangelisch und katholisch keine Rolle spiele, Homosexualität für sie keine Sünde sei und Frauen in der katholischen Kirche eine größere Rolle spielen sollten.

Gelächter und Applaus

Bereits am Nachmittag hatten 24.000 Menschen am Freiburger Münster Benedikt XVI. willkommen geheißen, wieder ließ er sich durch die Menge chauffieren, winkte und segnete. Nach einem Rundgang durch das Gotteshaus sagte er: "Mein besonderer Dank gilt dabei eurem lieben oberwürdigsten Erzbischof Dr. Robert Zollitsch für die Einladung. Er hat mich so bedrängt, dass ich am Schluss sagen musste: Nach Freiburg muss ich wirklich kommen." Tausende lachten laut auf und applaudierten minutenlang.

"Es geht ihm wirklich gut und auch besser, als ich erwartet habe", sagte Vatikan-Sprecher Federico Lombardi über den Gesundheitszustand des Papstes. "Es ist wunderbar, wie er alle Momente dieser Reise wirklich intensiv erlebt." Vor der Jugendmesse hatte Benedikt XVI. Altkanzler Helmut Kohl empfangen, die Begegnung fand hinter verschlossenen Türen statt.

Am Sonntag ist als letzter Programmpunkt der Papstreise eine Open-Air-Messe mit vermutlich 100.000 Gläubigen und eine Rede im Freiburger Konzerthaus geplant.

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