Junge Obdachlose "Es wäre am besten, ich wäre nicht mehr da"

Bei Obdachlosigkeit denken viele an Schlafsäcke unter Brücken. Manche jungen Betroffenen kommen zwar bei Freunden unter - eine eigene Bleibe bekommen sie aber nicht. Wie schwierig das ist, erzählt "Sofahopperin" Christine.

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Die langen Haare fallen über den Pullover, die grüne Kapuze. Grün lackiert sind auch die Nägel, die über die Oberschenkel streichen. Über die Jeans voller Löcher. Ganz gerade sitzt Christine auf ihrem Stuhl, den Kopf leicht zur Seite geneigt. Christine lächelt. Die junge Frau spricht abgeklärt, mit ruhiger Stimme.

"Meine Mama war für längere Zeit nicht bei uns zu Hause." So beginnt ihre Geschichte. Eine des Scheiterns. Immer wieder. Und des Aufstehens.

Das Strahlen auf dem Gesicht der 24-Jährigen bleibt. Doch ihre Finger spielen nervös am Kabel des Mikrofons, in das sie ihre Vergangenheit spricht. Alles okay, will ihr Lächeln sagen. Ihr angespannter Körper, ihre Hände, sagen etwas anderes. Es ist nicht alles okay.

Christine ist obdachlos. Sie hat seit Jahren kein eigenes Zuhause, wohnt mal hier, mal dort. "Sofahopper" nennt man diese jungen Menschen, ohne feste Bleibe. Seit ihrem 18. Geburtstag ist Christine auf sich allein gestellt, als Bittstellerin auf andere angewiesen.

"Ich musste schon sehr früh Verantwortung übernehmen. Für meine beiden jüngeren Brüder", sagt sie über die Zeit, als ihre Mutter wegmusste. Der Nachname der jungen Frau soll nicht genannt werden. Es gibt Bedenken, ob sich ihre Geschichte vielleicht nachteilig auf ihre Zukunft auswirken könnte.

"Totalüberforderung"

Das Büro der Initiative Off-Road-Kids liegt im Stadtteil St. Georg, nahe dem Hauptbahnhof, in einer Seitenstraße über einer Autowerkstatt. Nur ein winziges Schild am Hauseingang macht auf die Off-Road-Kids aufmerksam. Im Treppenhaus riecht es nach Gummi und Öl. Oben, im Gemeinschaftsraum, sitzt Christine mit einer Tasse Kaffee und erzählt ihre Geschichte. Sie spricht etwas distanziert, als sei sie jemand anderem passiert.

Über ihre Kindheit in Hessen. Der Vater gestorben, da war sie sieben. Die Mutter pendelte auf der Suche nach einem neuen Mann, nach neuer Liebe, immer wieder in die alte Heimat. Kasachstan. "Irgendwann kam dann das Jugendamt, und meine beiden Brüder kamen in Pflegefamilien", sagt Christine. Sie nicht, weil sie schon volljährig war. Sie zog in ihre erste eigene Wohnung. "Totalüberforderung."

Während der Ausbildung zur Sozialassistentin ging es in eine neue Wohnung in einem anderen Städtchen nahe Kassel. Die Überforderung reiste mit. "Ich konnte die Wohnung nicht halten", sagt Christine abgeklärt. Warum? "Ich dachte halt manchmal, es ist okay, keine Miete zu zahlen, wenn ich mir auch mal was Schönes kaufen will."

Tine und der Stern

Nach dem Rauswurf nahm sie die Mutter einer Freundin in ihrem Haus auf. Ein Jahr ging das gut, bis es auch dort kriselte. "Es hat in unserer Freundschaft nicht mehr so gut funktioniert. Zu Mama zurück ging nicht mehr." Eine andere Freundin holte sie in ihre Wohnung nach Hamburg. Besorgte ihr einen Job bei einer Zeitarbeitsfirma, kellnern im Hotel Atlantic und auf festlichen Anlässen. Das war im September 2015. Im Februar war wieder alles vorbei, der nächste Hafen geschlossen.

"Am Anfang hatte ich ein eigenes Zimmer, am Ende habe ich tatsächlich nur noch auf dem Sofa geschlafen", sagt Christine. Woran es dieses Mal gescheitert ist, kann oder will sie nicht sagen. Sie habe den Job bei der Zeitarbeitsfirma verloren. Dann habe ihr die Freundin ein Ultimatum gestellt. Sie solle sich eine andere Bleibe suchen.

Christine sei beim Jobcenter gewesen, dort habe man sie zu den Off-Road-Kids geschickt. Sie streicht sich über den Unterarm. "Tine" ist dort in großen Lettern eintätowiert, darüber ein Stern. Ihren Spitznamen durfte sie sich stechen lassen, da war sie 15. Ihre Mutter hat ihr die Tätowierung zum Geburtstag geschenkt. Während sie über ihre Arme streicht, blitzt doch so etwas wie Verzweiflung in ihrem Blick auf. "Ich hatte manchmal das Gefühl, es wäre am besten, ich wäre nicht mehr da", sagt Christine. Sie spielt mit dem Armband an ihrem Handgelenk. WWJD steht darauf - What would Jesus do.

Letzte Hilfe, Internet

Im Büro der Off-Road-Kids hat sich Benthe Müller ihrer angenommen. Die Leiterin der Einrichtung, 38, blondierter Kurzhaarschnitt, macht seit zwölf Jahren offene Jugendarbeit auf den Straßen Hamburgs. "Die Arbeit hat sich schon geändert", sagt Müller. "Früher sind wir auf die Schanze gegangen und wussten, wo unsere Jugendlichen sind." Die Punker waren leicht auszumachen. Heute gebe es aber eine steigende Anzahl junger Menschen, die durch alle sozialen Systeme fallen - dabei aber beinahe unsichtbar seien. "Aus einem ganz großen Schamgefühl zeigen sie sich gar nicht in der Öffentlichkeit", sagt Müller.

Ihre Stiftung geht von 20.000 jungen Menschen zwischen 18 und 25 Jahren aus, die durch die Raster sozialer System fallen. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe sieht das Problem in den Hartz-IV-Regelungen, die für Menschen unter 25 Jahren im Normalfall keinen Anspruch auf einen eigenen Haushalt vorsehen.

"Junge Menschen müssen dem Amt schriftlich glaubhaft machen, dass sie nicht bei ihren Eltern leben können", sagt Müller. "Für viele ist das ohne Hilfe einfach nicht machbar." Ein guter Start ins eigenständige Leben setze Hilfe voraus, die im Normalfall Eltern leisten. "Diese bedingungslose Unterstützung - egal, was ist, du kannst immer zu uns kommen - das haben immer mehr Jugendliche nicht mehr."

Statt auf der Straße zu leben, würden viele Jugendliche bei Freunden und Bekannten unterkommen. Sie würden zu "Sofahoppern", die doch in Wirklichkeit Obdachlose seien. Neben Missbrauchsfällen und Drogenabhängigkeit könne auch schon ein ganz einfacher Pubertätskonflikt zum Verlust des Zuhauses führen. Und diese jungen Menschen zu erreichen, sei nicht einfach. Müller und ihre Kollegen versuchen es jetzt über das Internet. Mit einem anonymen Chatprogramm, bei dem sich Betroffene schnell Rat suchen sollen, ohne gleich bei einer Beratungsstelle klingeln zu müssen. "Das hat ja auch immer viel mit Scham zu tun."

Kalte Winterluft

Christine lebt mittlerweile in einer Notunterkunft für Obdachlose. Am Anfang sei sie eher für sich geblieben und habe viel auf dem Zimmer gelesen. "Wir haben uns schon ganz gut aneinander gewöhnt", sagt sie über ihre Mitbewohner. Ihr Lächeln verschwindet kurz.

Ob wir raus möchten? Runter zum Hafen? Die Landungsbrücken sind ihr Ort. Ein Platz zum Nachdenken, zum allein sein. Hier macht sie auch Bilder, ihre heimliche Leidenschaft. Die analoge Spiegelreflex, die sie noch von ihrer Mutter hat, ist noch nicht wieder einsatzbereit. Vorerst muss noch das Handy reichen.

Eigemummelt in eine dicke Winterjacke geht es in Richtung Bahnhof. Die Hamburger Winterluft ist frostig. Auf dem Weg liegt ein Obdachloser in einem Hauseingang. Ob er schläft? Unter den vielen Schichten Kleidung und dem Schlafsack ist es nicht zu erkennen. Gedanken, an welchen Plätzen sie geschlafen hätte, ohne die Freunde und deren Sofas, hat sie sich nicht gemacht. "So genau habe ich mir das nie vorgestellt", sagt Christine. Mit schnellem Schritt geht sie weiter.

Ein Platz für sie

Auf den Treppenstufen zum S-Bahnsteig klingelt das Handy von Benthe Müller. Ein Hausverwalter. "Wann könnten wir die Schlüsselübergabe machen?", fragt die Streetworkerin. Im Januar soll Christine endlich wieder eine eigene Wohnung bekommen, aus der Notunterkunft ausziehen. Dann freiwilliges soziales Jahr, Fachabi, Sozialarbeitsstudium. "Ich helfe gerne anderen Menschen. Ich weiß, wie es ist, wenn man keine Hilfe bekommt", sagt Christine. Sie sei auf einem guten Weg, sagt Müller.

In der S-Bahn gehen die beiden Frauen die nötige Einrichtung durch. Bett, Waschmaschine, Geschirr, Schränke - ein ganzer Hausstand muss angeschafft werden. "Ich glaube, 800 Euro bekomme ich für alles vom Amt", sagt Christine. Die Miete übernimmt die Behörde ebenfalls. 500 Euro im Monat für 34 Quadratmeter.

"Wenn man immer nur das Gefühl hat, man ist der Gast, kommt man nie richtig an. Man hat nicht das Gefühl von zu Hause sein", sagt Christine. "Man lebt halt wirklich in dieser ständigen Abhängigkeit, dadurch, dass man den Leuten nicht das sagen kann, was man mal sagen müsste."

Doch mit der Abhängigkeit soll jetzt Schluss sein. Christine will die Dinge jetzt anpacken, wenn sie in ihre Wohnung zieht. Sie will wieder aufstehen.



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