Soziologin Jutta Allmendinger »Deutschland ist keine moderne Gesellschaft, was die Gleichstellung betrifft«

Am Anfang der Pandemie sagte die Soziologin Jutta Allmendinger, Kita- und Schulschließungen führten zu einer Retraditionalisierung im Verhältnis der Geschlechter. Heute würde sie das etwas anders formulieren.
Ein Interview von Silke Fokken
Mutter mit Tochter im Homeoffice (Symbolbild)

Mutter mit Tochter im Homeoffice (Symbolbild)

Foto: Halfpoint Images / Getty Images

Mit ihrem Fernsehauftritt traf sie einen wunden Punkt: Zu Beginn der Coronapandemie stellte die Soziologin Jutta Allmendinger in der Talkrunde »Anne Will« fest, die Kita- und Schulschließungen wenige Wochen zuvor hätten zu einer verstärkten Rückkehr zur klassischen Rollenverteilung von Frauen und Männern geführt. Ob das stimmt, ist immer noch umstritten.

SPIEGEL: Frau Allmendinger, die Frage von Frau Will lautete im Mai 2020 »Hat die Pandemie Frauen zurückgeworfen?« Sie antworteten: »Ja, die Frauen erleiden eine entsetzliche Retraditionalisierung.« Wie beurteilen Sie Ihre Einschätzung im Rückblick?

Jutta Allmendinger: Frau Will hat mich damals mit dieser Frage überrascht, heute würde ich dieselbe Antwort geben, diese aber wohl ausführlicher begründen. Zunächst: Die Pandemie hat offengelegt, was eigentlich längst bekannt war. Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten viele Aufgaben nicht entschlossen genug angepackt. Deutschland ist keine moderne Gesellschaft, was die Gleichstellung betrifft.

SPIEGEL: Woran machen Sie das fest?

Allmendinger: Die Politik hat entschieden, Kitas und Schulen sehr schnell zu schließen. Dies war möglich, weil man wusste, dass Mütter überwiegend in Teilzeit erwerbstätig sind und irgendwie Beruf und Kinderbetreuung auch dann schaukeln würden, wenn die Kinder den ganzen Tag daheim sind. Wie selbstverständlich das war, zeigt sich auch daran, dass über Kita- und Schulschließungen anfangs so gut wie gar nicht diskutiert wurde. In anderen Ländern war das ganz anders.

SPIEGEL: Andere Länder haben ihre Schulen auch geschlossen.

Allmendinger: Die Selbstverständlichkeit, mit der dieser gravierende Schritt in Deutschland sehr früh erfolgte, gab es anderswo nicht. Ich wurde gebeten, in der französischen, britischen und schwedischen Botschaft zu erklären, warum Deutschland so tickt, wie es tickt. Man verstand auch nicht, warum sich Politikerinnen und Politiker nicht ausführlich erklären mussten. Die Benachrichtigung über Schulschließungen erfolgte ja oft in Form lapidarer E-Mails, anderswo mussten sich die Präsidenten rechtfertigen. Das wurde als enorme Respektlosigkeit wahrgenommen – wahrscheinlich auch von deutschen Müttern.

ZUR PERSON
Jutta Allmendinger gehört zu den renommiertesten Soziologinnen Deutschlands. Sie ist Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB).

Jutta Allmendinger gehört zu den renommiertesten Soziologinnen Deutschlands. Sie ist Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB).

Foto: Jürgen Heinrich / IMAGO

SPIEGEL: Wie erklären Sie sich dieses Vorgehen?

Allmendinger: Strukturen und Kulturen hängen eng miteinander zusammen. Solange wir in Deutschland nicht ausreichend viele Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren haben und viel zu wenige Ganztagsschulen, so lange gibt es Rabenmütter – und umgekehrt. In Deutschland, besonders im Westen, gehören die Mütter zu den Kindern und die Kinder zu den Müttern. Die Vorstellungen halten sich, dass Kinder Defizite entwickeln würden, wenn ihre Mütter zu schnell wieder erwerbstätig würden.

SPIEGEL: In der öffentlichen Debatte wurde Retraditionalisierung zunächst an der Aufgabenverteilung zwischen Müttern und Vätern festgemacht.

Allmendinger: Klar, das ist Ausgangspunkt des sogenannten »Gender Care Gap«, der vor der Pandemie in bestimmten Altersgruppen bei über 100 Prozent lag. Mütter mit kleinen Kindern wenden im Schnitt mehr als das Doppelte an Zeit für Sorgearbeit auf wie Väter. In der Krise haben sie ihre unbezahlte Sorgezeit weiter erhöht. Auch die Väter haben zugelegt, doch die Schieflage hat sich nicht korrigiert. Die in der Pandemie sehr niedrigen Arbeits- und Elternzeiten, die länger als geplant in Anspruch genommen wurden, haben viele Mütter in einer höchst wichtigen Phase ihres Erwerbsverlaufs beruflich stark ausgebremst. Hinzu kommt: Wenn wir, wie der »Gender Care Gap« es tut, Sorgearbeit einfach in Stunden und Minuten berechnen, trivialisieren wir das Geschehen.

SPIEGEL: Was fällt Ihrer Meinung nach bei der Rechnung unter den Tisch?

Allmendinger: Verantwortung lässt sich nicht in Zeit berechnen. Die psychische Belastung, der Mental Load, wird so gar nicht berücksichtigt. Neue Studien zeigen: Der Stresslevel von Müttern ist im Vergleich zu Vätern rasant und anhaltend nach oben geschnellt. Das liegt unter anderem auch daran, dass an Müttern meist die gesamte Organisationsarbeit hängen bleibt.

SPIEGEL: Viele Väter sagen, sie hätten sich in der Krise sogar mehr als bisher in die Familienarbeit eingebracht. Bis jetzt erscheinen etliche Artikel, die Ihre These vom Rückfall in die klassische Rollenverteilung zurückweisen. Zuletzt schrieb etwa die »FAZ« vom »neuen Vatergefühl«  und fragte: »Macht die neue Lebenssituation aus Männern vielleicht sogar bessere Väter?«

Allmendinger: Diese Texte beziehen sich meist auf bestimmte Konstellationen zwischen Müttern und Vätern im Lockdown. Arbeiten Mütter vor Ort in systemrelevanten Berufen als Pflegerin oder Ärztin, Väter dagegen im Homeoffice, so konnten die Väter gar nicht umhin, mehr Care-Arbeit zu übernehmen. Nach dem Lockdown sind auch schnell die alten Verhältnisse zurückgekehrt. Insgesamt haben Mütter deutlich mehr Zeit und psychische Energie in Kinderbetreuung investiert als Väter. Zudem geht es bei der Retraditionalisierung auch um normative Zuschreibungen, Stichwort Rabenmutter.

SPIEGEL: Laut einer Umfrage des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung  erhält die Aussage, eine erwerbstätige Mutter könne sich genauso gut um ihr Kind kümmern wie eine nicht erwerbstätige, weniger Zustimmung als vor der Krise.

Allmendiger: Leider ja. Bei diesem Befund geht es auch ganz eindeutig um ein »zurück« zu alten Traditionen.

SPIEGEL: Trotzdem erscheinen Artikel wie »Außer Thesen nichts gewesen«.

Allmendiger: Oft freuen mich solche Artikel.

SPIEGEL: Erklären Sie das bitte.

Allmendiger: In den meisten dieser Artikel geht es ja darum, dass auch Väter auf den Spielplätzen zu finden sind, Windeln wechseln, sich hier und da engagieren. Das ist doch ein Fortschritt. Zwar zeigen die Daten, dass das noch lange nicht reicht und wir weit entfernt von einer Gleichverteilung von Care-Arbeit sind. Aber wenn Männer betonen, wir kümmern uns doch, ist das die Voraussetzung dafür, dass sich auch ihr Handeln ändern wird. Das ist ein ganz wichtiger erster Schritt. Daher die Freude.

SPIEGEL: Studien zufolge wollen viele junge Männer gern »aktive Väter« sein. Das würde eher gegen eine Retraditionalisierung sprechen.

Allmendiger: Vor der Familienbildung ist bei vielen Paaren der Wunsch da, sich die Care-Arbeit zu teilen. Wenn es dann so weit ist, zeigt sich aber doch wieder die traditionelle Arbeitsverteilung. Sie schleicht sich langsam und beständig in die Haushaltsroutinen ein. Irgendwann geht dann kein Weg mehr zurück.

SPIEGEL: Sie beschreiben in Ihrem Buch »Es geht nur gemeinsam. Wie wir endlich Geschlechtergerechtigkeit erreichen«, das liege auch an Anreizen wie dem Ehegattensplitting.

Allmendiger: Das Ehegattensplitting setzt völlig falsche Anreize. Zusammen mit der kostenlosen Mitversicherung und geringfügiger Beschäftigung verführt es dazu, im Hier und Jetzt zu denken und die Folgen völlig auszublenden. Nicht versicherungspflichtige Arbeit und Teilzeitarbeit bremsen die Karriereentwicklung und bringen weniger Rentenpunkte. So gut wie immer sind es die Frauen, die gravierende finanzielle Abstriche machen müssen. Besonders hart kommt es, wenn Partner sich trennen.

»Am Ende hat der Tag nur 24 Stunden.«

SPIEGEL: Als Ausweg gilt, dass Frauen Vollzeit arbeiten.

Allmendiger: Irgendwie müssen wir die vielen Lücken im Lebensverlauf zwischen Männern und Frauen schließen. So geht es ja nicht weiter. Meistens gehen wir dann aber ohne weitere Diskussion davon aus, dass sich Frauen immer mehr den männlichen Lebensverläufen anpassen, also auch Vollzeit erwerbstätig sein werden. Unterstützend wird dann auf die demografischen Umbrüche und den damit einhergehenden Fachkräftemangel verwiesen. Eine ununterbrochene Vollzeiterwerbstätigkeit von beiden Elternteilen beurteile ich aber eher skeptisch.

SPIEGEL: Sie plädieren für eine 32-Stunden-Woche für beide Elternteile.

Allmendiger: Wenn beide Eltern Vollzeit arbeiten, geht das zumindest mit kleinen Kindern nicht gut. Kinder werden krank, haben lange Ferien, brauchen Zeit. Aber es geht noch um viel mehr. Wir brauchen Zeit für die eigenen Eltern, für soziales Engagement, für unsere Freunde, für uns selbst. Am Ende hat der Tag nur 24 Stunden. Ich plädiere deshalb für eine niedrigere Vollzeit oder eine höhere Teilzeit für alle. Frauen arbeiten dann im Schnitt mehr, Männer weniger. Dies könnte dann auch in einer Viertagewoche umgesetzt werden, die leicht versetzt von Müttern und Vätern genutzt wird. So ließe sich Vereinbarkeit viel besser leben. In anderen Worten: Nun müssen sich endlich auch einmal die Männer bewegen, die Frauen haben ihnen das in den vergangenen Jahrzehnten vorgemacht.

SPIEGEL: Das erklärte Ziel der neuen Familienministerin Anne Spiegel  ist, dass die Familienarbeit in einer Partnerschaft gleichberechtigt aufgeteilt wird. Schürt das nicht Hoffnung, dass es zu nachhaltigen Veränderungen kommt?

Allmendiger: Der Koalitionsvertrag ist in meinen Augen schwach, was die wirklich zentrale Frage einer partnerschaftlichen Aufteilung von Sorgearbeit anbelangt. So sind die für den zweiten Elternteil neu eingeführten freien Wochen unmittelbar nach der Geburt eines Kindes zwar wichtig, haben aber nicht zwingend Folgen für die zukünftige Aufteilung der Care-Arbeit. Außerdem wurden die Partnerschaftsmonate beim Elterngeld lediglich von heute zwei auf zukünftig drei erhöht. Das ist weniger als in anderen Ländern, und ich hatte mir da, ehrlich gesagt, deutlich mehr erwartet.

SPIEGEL: Laut Koalitionsvertrag will die »Ampel« aber beispielsweise die von Ihnen kritisierte »Familienbesteuerung weiterentwickeln«.

Allmendiger: Das Ehegattensplitting, ein wirklich schädliches Relikt unserer Steuer- und Familienpolitik, lässt die Koalition gänzlich unerwähnt. Der Absatz zur Familienbesteuerung bleibt geradezu nebulös. Nicht zu vergessen: Auch die nicht hilfreichen Mini- und Midijobs bleiben uns erhalten. Ja, der Koalitionsvertrag tut etwas für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Mütter. Ein Zeichen des Aufbruchs hin zu einer Welt, in der sich Frauen und Männer Erwerbs- und Familienarbeit fair teilen, ist er nicht. Zu hoffen bleibt, dass Anne Spiegel dennoch Gestaltungsmacht hat. Ich setze auf sie.