Kadaver-Gezerre Hagens will Bruno in Scheiben schneiden

Das Gerangel um den "Problembären" geht auch nach seinem Tod weiter: Mehrere Interessenten streiten sich um den Kadaver. Einer der Bewerber um Brunos Leichnam ist der umstrittene Plastinator Gunther von Hagens. Der will das Tier für seine Ausstellung - scheibchenweise.

Von Florian Sailer


Hamburg - Immer mehr Kräfte zerren am Bärenfell: Erst wollten alle den wilden Teddy fangen, jetzt ist er tot, und immer noch sind alle hinter ihm her, auch Leichenpräparator Gunther von Hagens, der schon ein Pferd, ein Kamel und einen Gorilla für seine Ausstellung "Körperwelten" plastiniert hat. Hagens' Heidelberger "Institut für Plastination" hat sich nach eigener Darstellung mehrfach schriftlich und telefonisch beim Bayerischen Staatsministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz um den Kadaver bemüht. "Ich will Bruno für die Ewigkeit erhalten, seine Muskelkraft samt Skelett dokumentieren. In Scheiben geschnitten, könnte ich auch den exakten Schusskanal der Gewehrkugel und die getroffene Lunge zeigen", sagte Hagens der "Bild"-Zeitung.

"Nur die von mir erfundene Technik der Plastination ermöglicht die lebensnahe und dauerhafte Konservierung von Großtieren wie von Bär Bruno in Gänze, insbesondere auch seiner Organe", schreibt Gunther von Hagens in einer Stellungnahme. Als Gegenleistung für den Kadaver von "JJ1" bietet er den Behörden eine Spende in Höhe von 10.000 Euro an eine Tierschutzorganisation an.

Das Ministerium zeigt sich laut Hagens stur. Bisher habe er stets eine Absage mit dem Hinweis bekommen, der Bär solle in Bayern verwertet werden. Außerdem habe man dort vor, Fell, Skelett und Organe der Öffentlichkeit und der Forschung zugänglich zu machen. Es scheint also, als bliebe Brunos Platz in Hagens' "Körperwelten"-Ausstellung leer.

Lebendig oder tot, zum Politikum hat es der pelzige Gast ohnehin längst gebracht. Seit seinem umstrittenen Abschuss vor zwei Tagen läuft nun der Streit um dessen Kadaver: Der bayerische Umweltminister Werner Schnappauf (CSU) will dem ausgestopften Bären im Münchner Museum "Mensch und Natur" eine letzte Höhle bieten. Hier wäre er in bester bäriger Gesellschaft mit dem namenlosen letzten Bären, der 1853 in Bayern erlegt wurde.

Damit ist Toni Scherer, Erster Bürgermeister von Schliersee, jedoch ganz und gar nicht einverstanden. Scherer sieht es als Brunos "letzten Willen" an, dass er sich zuletzt in Oberbayern aufhielt. Und dort solle er auch bleiben. Der Braunbär solle in einer natürlichen Umgebung bleiben "und nicht in die Stadt kommen", meint der Bürgermeister.

Medienstar "JJ1" war auf dem Gebiet von Schliersees Nachbargemeinde Bayrischzell erschossen worden. Deshalb schlägt Scherer das Bauernhofmuseum des ehemaligen Ski-Rennläufers Markus Wasmeier in Schliersee als letzte Ruhestätte vor. Das Museum soll noch in diesem Jahr teilweise eröffnet werden. "Ich will keinen Streit", sagt Wasmeier, "aber Bruno im Glaskasten ist nicht gerade schön."

Wut auf die Bärentöter

Die Kritik am traurigen Ende des braunen Räubers nimmt unterdessen kein Ende. "Deutschland und Österreich scheinen zurück ins Mittelalter zu wollen und künftig Kopfgelder auf alle Bären auszusetzen", sagt Alessandro de Guelmi, leitender Veterinär des WWF in Italien. Italienische Tierschützer und Politiker sind inzwischen so verärgert über Brunos Tod, dass sie den Abschuss in Brüssel auf die politische Tagesordnung setzen wollen.

Auch in deutschen Internetforen und Leserbriefen machen die Tierfreunde ihrer Empörung Luft. Einige gehen noch einen Schritt weiter: Bei Polizei und Staatsanwaltschaft lägen bereits "eine Vielzahl" von Strafanzeigen vor, sagt der Leitende Münchner Oberstaatsanwalt Rüdiger Hödl, "Anzeigen kommen laufend, bei uns sind es jetzt 15." Diese richteten sich entweder direkt gegen Minister Werner Schnappauf, der den Bären zum Abschuss freigegeben hatte, oder gegen die beteiligten Jäger.

Der Deutsche Jagdschutz-Verband (DJV) wiederum gab den Behörden die Schuld. Der Braunbär sei von einem "staatlich beauftragten Sicherheitsteam des Landratsamtes Miesbach" getötet worden, erklärte der Verband. DJV-Präsident Jochen Borchert: "Die Jägerschaft hat sich frühzeitig vom Abschuss eines geschützten Braunbären distanziert, der in Deutschland überhaupt nicht gejagt werden darf." Die Jäger stünden einer natürlichen Zuwanderung von Bären, Wölfen und Luchsen nach Deutschland grundsätzlich positiv gegenüber.

Nach bärenbedingten Strafanzeigen und Rücktrittsforderungen der Opposition gegen Werner Schnappauf stellte sich Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber gestern demonstrativ hinter seinen Minister: "Die Rücktrittsforderungen der SPD sind politisch unseriös und durch nichts gerechtfertigt", sagte der CSU-Chef. Schnappauf sei "ein hervorragender Umweltminister".

Mit ddp und dpa



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