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16. April 2014, 19:12 Uhr

Zwangsräumung in Köln

"Ich kam mir vor wie ein Terrorist!"

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Kalle Gerigk wehrte sich, wie er konnte, doch letztlich musste er raus aus seiner Wohnung: Zwangsräumung. Die Zahl der Unterstützer und ihre Solidarität aber sorgten für einen denkwürdigen Tag in Köln.

Köln - Als Kalle Gerigk in der Nacht nach Hause kam, musste er dreimal seinen Ausweis vorzeigen, um in seine Wohnung zu kommen. Einmal am Absperrgitter am Anfang seiner Straße, einmal vor seiner Eingangstür und noch einmal an seiner Haustür. Überall waren Polizisten. Sie versperrten beide Enden seiner Straße, besetzten sein Treppenhaus, seine Haustür. "Ich kam mir vor wie ein Terrorist", sagt Gerigk.

In Wahrheit ist Gerigk ein Mieter, der seine Wohnung nicht aufgeben will. Seit über 30 Jahren lebt der 54-Jährige in der Fontanestraße im Kölner Agnesviertel. Jetzt sollte er gehen. Sein Vermieter hatte ihm wegen Eigenbedarf gekündigt. "Ich bleibe hier bis zum letzten Tag", sagte sich Gerigk. Als er vor Gericht verlor, machte er seinen Fall öffentlich und erfuhr eine unglaubliche Solidarität.

Er ist zur Symbolfigur einer Bewegung geworden, die davor warnt, dass alteingesessene Mieter aus den Innenstädten vertrieben werden. In Köln gründete sich die Initiative "Alle für Kalle". Zur ersten Zwangsräumung Ende Februar kamen etwa 300 Demonstranten und blockierten die Eingangstür, bis die Beamten wieder abzogen.

"Die Sache hat von Anfang an gestunken"

Als Gerigk in das Agnesviertel zog, war Wohnen hier billig, um die Nachkriegshäuser und Altbauten wehte durch die Nähe zum Hauptbahnhof immer ein rauher Wind. Doch auch hier stiegen die Mieten. Zentral, in Rheinnähe, mit guter Verkehrsanbindung - in Köln werden solche Ecken knapp. Gerigk erzählt von Freunden, die wegziehen mussten, weil sie sich ihre Wohnung nicht mehr leisten konnten. Immer wieder kommen Nachbarn auf ihn zu, weil sie Angst haben, dass es ihnen so geht wie ihm.

Gerigk ist sich sicher: Es war die Profitgier seines Vermieters, die ihn aus der Wohnung trieb. "Die Sache hat von Anfang an gestunken", sagt er. Sein Vermieter argumentierte vor Gericht, er bräuchte die Wohnung für sich und seine Freundin, die beiden wollten Kinder kriegen. Allerdings bot er die Dachgeschosswohnung kurz darauf im Internet zum Verkauf an. Ein lukratives Geschäft: Laut Gerigk ging eine ähnliche Wohnung im Viertel gerade für 345.000 Euro weg. Komisch kam ihm auch vor, dass die Freundin seines Vermieters nichts Genaueres über ihr neues Heim wusste. "Da sagt der Freund: Lass uns ein Nest bauen, und die Freundin fragt nicht, was das für eine Wohnung ist?", fragt Gerigk. Trotzdem verlor er vor Gericht, doch seine Geschichte empörte viele.

Auch zum zweiten Termin des Gerichtsvollziehers am Mittwoch rückten fast 200 Unterstützer an. Doch diesmal hatte die Polizei vorgesorgt. Die Zwangsräumung wurde zum Großeinsatz mit über hundert Polizisten. Schon um 2.30 Uhr in der Nacht sperrten sie die Straße ab. Sechs Aktivisten, die zu der frühen Stunde schon unterwegs waren, wurden in Gewahrsam genommen. Sie hätten nach Angaben der Beamten Wahlplakate heruntergerissen.


Trotzdem verlief der Einsatz nicht reibungslos. Ein paar Demonstranten hatten bei Nachbarn von Gerigk übernachtet und blockierten den Hausflur, als der Gerichtsvollzieher in der Tür stand. Wie die Kette der 13 untergehakten Aktivisten aufgelöst wurde, davon gibt es zwei Versionen.

Danksagungen an Kalle

Die Demonstranten berichten, die Beamten hätten sie teilweise auf den Boden geschmissen und ihnen das Knie in den Rücken gerammt. Einige sollen gefesselt worden sein, erst mit Handschellen, dann mit Kabelbindern. Wenn keine Kamera in der Nähe war, hätten die Polizisten sie einfach die Treppe heruntergestoßen.

"Das ist natürlich Blödsinn", sagt ein Sprecher der Polizei. Die Hausbesetzer seien alle herausgetragen worden. Ein Demonstrant habe sich allerdings so massiv gewehrt, dass er womöglich gefesselt wurde, so genau wusste der Sprecher es nicht. Der Demonstrant verließ das Haus mit einer blutenden Platzwunde am Kopf und musste in einem Krankenhaus ambulant behandelt werden.

Als Gerigk den Krawall in seinem Treppenhaus hörte, schloss er die Tür. "Es ist mir unerträglich, dass Menschen meinetwegen verletzt werden", sagt er. Doch als er nach der Zwangsräumung an den Demonstranten vorbeiging, feierten sie ihn. Nachbarn, Freunde und Unterstützer fielen ihm um den Hals. Eine 70-jährige Frau schüttelte ihm die Hand, bedankte sich für seinen Mut.

Die Meldung des "Kölner Stadtanzeigers", er habe schon eine neue Wohnung, dementiert Gerigk heftig. "Ich weiß nicht, wie die darauf kommen", sagt er. Er ist erst einmal bei Freunden untergekommen, seine Möbel hat er bei Nachbarn untergestellt. Am liebsten möchte er zurück in sein geliebtes Agnesviertel. "Nach dieser Solidarität für meine Person kann ich es meinen Nachbarn doch nicht antun, einfach wegzugehen", sagt er.

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