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20. August 2009, 15:11 Uhr

Kambodscha

Regierung stoppt Wahl der "Miss Landmine"

Von Michael Scholten, Phnom Penh

Die Wahl einer "Miss Landmine" ist in Kambodscha zum Politikum geworden. Die Regierung hat die öffentliche Kür der amputierten Schönheitsköniginnen verboten - sie verletze die Menschenwürde. Der Veranstalter will den Wettbewerb nun online weiter betreiben. Hauptpreis: eine Beinprothese aus Norwegen.

Eine Landmine des Typs Gyata 64 veränderte Song Kosals Leben für immer. 1999 sprengten 300 Gramm TNT das rechte Bein des damals 14-jährigen Mädchens in Fetzen. In Kambodscha gehören solche Unfälle zum Alltag. Auch 18 Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs werden im Erdreich des asiatischen Königreichs noch vier bis sechs Millionen unentdeckte Landminen vermutet.

Weder die Regierung noch die Guerillas der Roten Khmer machten sich zwischen 1979 und 1991 die Mühe, die Lage der Minenfelder zu verzeichnen. 20.000 Minenopfer starben seither, doppelt so viele wurden verkrüppelt. Kein anderes Land der Welt braucht so viele Prothesen wie Kambodscha.

Heute ist Song Kosal 24 Jahre alt und studiert in der Hauptstadt Phnom Penh. Im März brachte sie der Fotograf Gorm K. Gaare in einen Segelclub am Golf von Thailand, eine Stylistin stattete sie mit einem blauen Abendkleid, einem silbernen Schuh und einer siebenzackigen Tiara aus. Außerdem mit einer weißen Schärpe.

Darauf stand: "Miss Landmine".

Als Hauptpreis lockt eine Beinprothese

Song Kosals Hochglanzfotos finden sich in einem Ausstellungskatalog, den der norwegische Film- und Theaterregisseur Morten Traavik, 38, herausgegeben hat. Der Katalog präsentiert 20 Frauen im Alter zwischen 18 und 48 Jahren. Sie stammen aus 20 Provinzen Kambodschas und konkurrieren noch bis zum 3. Dezember um den Titel "Miss Landmine Cambodia 2009". Als Hauptpreis lockt eine in Norwegen gefertigte Beinprothese.

"Als ich zum ersten Mal von diesem Wettbewerb hörte, hielt ich das für einen schlechten Witz", sagt Nico Mesterharm. Der aus Berlin stammende Filmemacher, der in Phnom Penh das internationale Kulturzentrum Meta House leitet, änderte bald seine Meinung. "Ich traf Morten und merkte: Er meint das ernst und führt diesen Wettbewerb, wie schon 2007 in Angola, mit großer Professionalität durch."

Traavik und Mesterharm wurden sich einig: Das Meta House in Phnom Penh wollte am 7. August eine dreiwöchige Ausstellung mit den Fotos der Kandidatinnen eröffnen. Quasi als offiziellen Startschuss für die Online-Abstimmung auf der "Miss Landmine"-Seite und in Anwesenheit aller 20 Bewerberinnen und vieler Ministerien und Hilfsorganisationen.

Sowohl das Ministerium für Soziale Angelegenheiten als auch die "Cambodian Mine Action and Victim Assistance Authority" (CMAA) und die "Cambodian Disabled People's Organisation" (CDPO) hatten das Projekt seit 2007 gutgeheißen und Partnerorganisationen aufgerufen, es "in jedweder Hinsicht" zu unterstützen.

"Die Regierung unterstützt diesen Wettbewerb nicht."

Nur fünf Tage vor der geplanten Eröffnung wurde Morten Traavik über einen plötzlichen Sinneswandel der kambodschanischen Regierung informiert. Der höchste Mann im Staat, Premierminister Hun Sen, verbot die Ausstellung und die Online-Wahl. Das Projekt verletze "die Würde und die Ehre der Behinderten", schrieb das Ministerium für Soziale Angelegenheiten in einem Brief an den Organisator. "Der Schönheitswettbewerb macht sich über Kambodschas Landminenopfer lustig", erklärte Regierungssprecher Khieu Khanarith und stellte unmissverständlich klar: "Die Regierung unterstützt diesen Wettbewerb nicht."

Seither will kein Politiker mehr zu "Miss Landmine" Stellung beziehen. Nicht gegenüber Traavik, auch nicht gegenüber den Medien. "Zu diesem Thema ist alles gesagt", lässt der Regierungssprecher auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE ausrichten.

"Ich bin maßlos enttäuscht über das Verbot", sagt Traavik. Auch ein privates Abschiedsessen mit den 20 Kandidatinnen in Phnom Penh wurde ihm nicht gestattet. Eine entsprechende Anfrage bei Ith Sam Heng, dem Minister für Soziale Angelegenheiten, blieb unbeantwortet. Traavik flog am 9. August, drei Wochen früher als geplant, heim nach Oslo.

"Ich bin sehr enttäuscht über das Verbot", sagt Song Kosal

Die Forderung der kambodschanischen Regierung, die Internetseite zu schließen und die Online-Wahl zu stoppen, will er aber nicht erfüllen: "Web-Seite und Fotos sind kein kambodschanisches Eigentum." Die Abstimmung soll bis zum 3. Dezember weitergehen. Bislang haben sich mehr als 2300 Besucher aus 40 Ländern an der Wahl beteiligt.

Neth Pheaktra, Leiter des nationalen Ressorts der Tageszeitung "The Phnom Penh Post", verspricht: "Im Dezember werden wir auf jeden Fall über die Siegerin berichten." Sanktionen durch die kambodschanische Regierung befürchtet er nicht: "Wir leben in einem freien Land." Seit Anfang August berichtet die Zeitung fast täglich über das Verbot der "Miss Landmine"-Ausstellung. Auch druckte sie die Fotos, die nach Ansicht des Premierministers "die Würde und die Ehre der Behinderten" verletzen.

Zudem räumte die "Phnom Penh Post" Traavik am letzten Montag 124 Zeilen für einen "offenen Brief an die vergessenen Kandidatinnen" ein. Darin beschuldigte dieser die kambodschanische Regierung, sich politisch in eine "totalitäre Richtung" zu bewegen. Die Redakteure der Zeitung stehen auf der Seite des Norwegers. "Sein Wettbewerb trägt dazu bei, den Minenopfern ein neues Selbstwertgefühl zu geben", so der kambodschanische Reporter Sam Rith.

In seinen Artikeln kamen bislang aber vor allem die Kritiker des Projekts zu Wort. Darunter Kek Galabru, die Vorsitzende der Menschenrechtsorganisation Licadho. Sie hält das Projekt für einen "fragwürdigen Ansatz auf Kosten der Opfer". Chris Minko von der kambodschanischen Rollstuhl-Volleyball-Liga sieht vor allem in der Wahl eines Schönheitswettbewerbs "eine Herabsetzung für Frauen" - egal ob sie behindert sind oder nicht.

Gestärkt wird diese Haltung durch das generelle Verbot, das Premierminister Hun Sen im September 2006 gegen Miss-Wahlen in Kambodscha erlassen hat. Das Land müsse das Geld für wichtigere Dinge wie die Bekämpfung der Armut ausgeben, sagte er damals.

"Miss Landmine"-Fotos gingen per Luftfracht nach Oslo

"Miss Landmine"-Kandidatin Song Kosal, die beim Wettbewerb Phnom Penh vertritt, wirkt eingeschüchtert. Nach zweimaliger Anfrage ist sie dann aber doch bereit, am Telefon ein kurzes Statement abzugeben: "Ich bin sehr enttäuscht über das Verbot der Ausstellung", sagt sie. "Ich nehme, wie alle anderen Kandidatinnen auch, freiwillig an diesem Wettbewerb teil. Einerseits, weil ich Spaß daran habe, andererseits, weil ich eine wichtige Botschaft loswerden will: Die Landminen zerstören Leben und müssen eliminiert werden. Nicht nur in Kambodscha, sondern überall auf der Welt."

Nico Mesterharm überraschen die kontroversen Ansichten über das "Miss Landmine"-Projekt nicht. "Wir wussten, dass die geplante Ausstellung grenzwertig ist, und waren auf viele Diskussionen vorbereitet. Es ist allerdings ein Unterschied, ob man eine Kunstaktion nicht mag oder ob man sie verbietet." Mit Kritik an der kambodschanischen Regierung hält Mesterharm sich zurück. "Das ist unser erstes Ausstellungsverbot, seit wir das Meta House im Januar 2007 eröffnet haben. Kambodscha ist für uns Künstler eines der freiesten Länder Asiens, aber es gibt halt Grenzen." Dazu gehöre auch die Darstellung von Frauen in der Öffentlichkeit.

Im Meta House wurde in dieser Woche eine Ausstellung mit experimentellen Werken dreier junger Franzosen eröffnet. Die gerahmten "Miss Landmine"-Fotos, die eigentlich an den Wänden hängen sollten, sind ungesehen per Luftfracht nach Oslo geschickt worden.

Dort sitzt Morten Traavik und beantwortet täglich per Telefon und E-Mails Fragen von Journalisten aus aller Welt. Unbezahlte PR, die es ohne das Verbot der Ausstellung vermutlich nie gegeben hätte. Und nicht zuletzt ist der Streit mit der kambodschanischen Regierung wertvoller Stoff für die Dokumentation, die ein kanadisches Filmteam seit Dezember 2008 über "Miss Landmine" dreht.

Die Zukunft der "Miss Landmine"-Reihe ist übrigens beschlossen. "Bevor ich unser nächsten Land ankündige, will ich erst 'Miss Landmine Cambodia' abschließen", sagt Traavik SPIEGEL ONLINE, "aber ja, wir führen bereits Untersuchungen durch und wollen den Wettbewerb, im Anschluss an Afrika und Asien, beim nächsten Mal auf einem anderen Kontinent durchführen."

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