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London: Ende des Video-Booms

Foto: SERGIO DIONISIO/ AP

Kameraüberwachung in London Big Brother sieht sich satt

London ist die Welthauptstadt der Späher: In kaum einer Metropole gibt es mehr Überwachungskameras. Doch jetzt wächst die Kritik am Sicherheitswahn. Die Technik gilt als teuer und ineffizient, die neue Regierung will den Wildwuchs eindämmen.

London - Sie sind groß, klein, rund, eckig, auffällig oder unsichtbar: Man muss in der Londoner Innenstadt nicht lange suchen, um eine Überwachungskamera zu entdecken. Sie kleben an Laternenmasten, an Verkehrsschildern oder an Hauswänden. Selbst hinter den neugotischen Türmchen des Parlaments lugen die leistungsstarken Objektive hervor.

Nirgendwo auf der Welt, heißt es, hängen mehr Überwachungskameras als in London. Beweisen kann das niemand, denn verlässliche Zahlen zu dem Wildwuchs gibt es nicht. Aber Schätzungen gehen von über einer Million Kameras aus - die meisten betrieben von Privatpersonen und Unternehmen.

Seit den neunziger Jahren hat die Stadt eine massive Aufrüstung erlebt, überall tauchten plötzlich die "CCTV"-Schilder auf, die Passanten auf die Überwachung durch "Closed-circuit television" hinweisen. An einzelnen Orten ist die Kontrolle bereits lückenlos: Wer in die U-Bahn hinabsteigt, wird nahezu konstant gefilmt. 12.000 Kameras sind in Waggons, Tunneln und Bahnsteigen installiert. Ein typischer Doppeldeckerbus ist mit einem Dutzend Kameras bestückt. Die Passagiere können sich gegenseitig auf Bildschirmen beobachten, die im Bus angebracht sind.

CCTV-Boom von der Blair-Regierung angeheizt

Die Marschrichtung wurde von ganz oben vorgegeben. Die Regierungen von John Major und Tony Blair glaubten, mit CCTV eine Wunderwaffe gegen das Verbrechen entdeckt zu haben, und heizten den Boom mit Steuergeldern an. Hunderte Millionen Pfund wurden in die neue Technik investiert, ganze Sozialsiedlungen standen fortan unter ständiger Beobachtung. Allein in den vergangenen zehn Jahren verdreifachte sich die Zahl der öffentlich betriebenen Kameras.

"Es gibt nur ein Land, das seinen Bürgern nachspürt wie das Vereinigte Königreich, und das ist Nordkorea", polemisierte der Kolumnist Chris Blackhurst im "Evening Standard".

Längst ist die Euphorie jedoch der Ernüchterung gewichen. Dutzende Studien haben den Nutzen von CCTV in Zweifel gezogen: Weder lassen sich Verbrecher von Kameras abschrecken noch fühlt sich die Bevölkerung sicherer. Auch das politische Klima hat sich gewandelt: Der Verfassungsausschuss des Oberhauses beklagte vergangenes Jahr, die Kameras verletzten das Recht auf Privatsphäre. Die neue liberalkonservative Regierung hat angekündigt, den Einsatz der Kameras stärker zu regulieren.

Sicherheitspopulismus mit CCTV

Und so schlägt das Pendel nun zurück. "Der CCTV-Boom ist vorbei", sagt der Kriminologe Pete Fussey von der University of East London. Der Höhepunkt sei 2003 erreicht worden, seither habe sich der Ausbau des Überwachungsnetzes deutlich verlangsamt. Die Förderprogramme der Regierung sind ausgelaufen, und nach den vielen Jahren rasanten Wachstums scheint der Markt einen gewissen Sättigungsgrad erreicht zu haben - auch in einer Acht-Millionen-Metropole wie London ist die Zahl der Straßenecken begrenzt.

Kriminaloberinspektor Mick Neville, Chef der zentralen Video-Einheit der Londoner Polizei, hatte bereits 2009 gemahnt: "Wir haben genug Kameras, lasst uns jetzt aufhören, wir brauchen keine Kameras mehr." Statt immer neue Ausrüstung anzuschaffen, sei es dringend notwendig, die Auswertung des Videomaterials zu verbessern.

Das heißt nicht, dass es keine Überwachungsfans mehr gibt. Auf viele Lokalpolitiker übt CCTV nach wie vor eine große Anziehungskraft aus. "Es macht sich immer gut, in der Presse mehr Kameras anzukündigen", sagt Dylan Sharpe von der Protestgruppe "Big Brother Watch". Für Stadträte sei es der einfachste Weg zu zeigen, dass sie etwas für die öffentliche Sicherheit tun.

So verkündete auch Londons Bürgermeister Boris Johnson im Mai, in den nächsten Jahren noch 2000 zusätzliche Kameras in der U-Bahn installieren zu wollen. Sein New Yorker Kollege Michael Bloomberg war in London, und Johnson war stolz, dass der Amerikaner extra über den Atlantik geflogen war, um sich bei den Kamerapionieren nach ihren Erfahrungen zu erkundigen.

Hält CCTV überhaupt das, was es verspricht?

Die CCTV-Begeisterung hat jedoch spürbar nachgelassen. Die Prognosen für den 1,2 Milliarden Pfund großen Markt fallen deutlich verhaltener aus als noch vor einigen Jahren. Die Marktforschungsfirma Market and Business Development (MBD) sagt bis 2014 ein jährliches Wachstum von ein bis vier Prozent voraus - das schließt allerdings sämtliche Dienstleistungen mit ein. Zugleich warnt sie vor "erhöhter Unsicherheit" wegen der anstehenden Sparrunden in den öffentlichen Haushalten.

Das Kostenargument könnte sich als schlagender erweisen als jahrelange Proteste. Die Warnung vor einer Aushöhlung der Bürgerrechte hat nie verfangen: Den meisten Londonern ist es schlicht egal, dass sie gefilmt werden. Von einem Volksaufstand gegen Big Brother träumen allenfalls ein paar Aktivisten.

Die Kosten-Nutzen-Abwägung hingegen wird in Zeiten knapper Kassen zu einem entscheidenden Faktor. Zunehmend stellen Kämmerer die Frage: Hält CCTV überhaupt das, was es verspricht? Die Antwort fällt in der Regel unbefriedigend aus. Eine Studie des britischen Innenministeriums kam bereits im Jahr 2005 zu dem Schluss: "Es hat eine Menge Geld gekostet und nicht die erwarteten Vorteile gebracht."

Abschreckungseffekt gleich null

Experten sind sich einig, dass die bloße Installation von Kameras nichts bringt. Der Abschreckungseffekt ist gleich null, Straftäter lassen sich in ihrem Handeln nicht beirren. Das gilt für Mörder ebenso wie für betrunkene Jugendliche, die ungeniert an Hauswände pinkeln. Auch fühlt sich die Bevölkerung laut Studien nicht sicherer - der Anblick von Kameras verstärkt eher das Gefühl, in Gefahr zu schweben. Auf die Kriminalitätsrate hat CCTV keinen nachweisbaren Einfluss: Allenfalls Autodiebstähle in Parkhäusern gehen nach der Installation von Kameras messbar zurück, Gewalttaten hingegen nicht.

Ermittler verteidigen Kameras weiterhin als wichtige Hilfe bei der Detektivarbeit. Zwar könnten sie Verbrechen nicht verhindern, aber die Auswertung der Bilder trage wesentlich zur Aufklärung bei, lautet das Argument. Das leugnen nicht einmal die schärfsten Kameragegner. Vor einiger Zeit wurde der mutmaßliche Mörder dreier Prostituierter in Bradford verhaftet, nachdem die Polizei auf einem Überwachungsvideo gesehen hatte, wie der Mann einem der Opfer mit einer Armbrust einen Bolzen in den Kopf schoss.

Doch ist der blinde Glauben an die Technik einem neuen Realismus gewichen. Nach den Jahren der ungebremsten Verbreitung folgt nun eine Phase der Konsolidierung - und Regulierung. Die Polizei konzentriert sich darauf, ihren Umgang mit dem Videomaterial zu verfeinern. Und das Innenministerium arbeitet an neuen Regeln für Kamerabetreiber.

"Der gute alte Wachmann erlebt sein Comeback"

Die einzigen Vorschriften, die es in Großbritannien bisher gibt, stehen im Datenschutzgesetz von 1998: Kamerabetreiber müssen mit Schildern darauf hinweisen, dass gefilmt wird. Eine bestimmte Person hat für die Anlagen zuständig zu sein. Jeder Gefilmte muss auf Wunsch innerhalb von 40 Tagen Zugang zu den Bildern erhalten.

Das Problem: Die Regeln werden in der Praxis kaum eingehalten. Viele Unternehmen scheuen den Personal- und Speicheraufwand. Das will die neue Regierung ändern. Denkbar wäre etwa eine Kamera-Lizenz.

Die Sicherheitsbranche hofft auf die Olympischen Spiele, die 2012 in London stattfinden. Das Großereignis wird die Kameradichte in der Stadt zweifellos noch einmal erhöhen. Das Olympische Dorf wird - wie inzwischen international üblich - einer Festung gleichen. Laut einem unbestätigten Bericht des "Guardian" sind sogar Drohnen im Gespräch: Die unbemannten Flugzeuge könnten das Geschehen mit Bordkameras aus luftiger Höhe überwachen.

Selbst hier ist aber laut Fussey ein neuer Trend erkennbar: Für den Schutz der Austragungsstätten werde wieder verstärkt auf menschliche Kontrolle gesetzt, sagt der Kriminologe. "Der gute alte Wachmann erlebt sein Comeback".

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