Kampf gegen Aids Papst lockert das strikte Kondom-Verbot

Revolution im Vatikan: Papst Benedikt XVI. hat erstmals den Gebrauch von Kondomen als gerechtfertigt bezeichnet. Wer als Katholik jetzt glaubt, er dürfe deswegen seine Familienplanung umstellen, irrt allerdings - um normale Empfängnisverhütung geht es dem Papst nicht.
Papst Benedikt XVI. im Petersdom: Kondom erlaubt - um Aids zu verhüten

Papst Benedikt XVI. im Petersdom: Kondom erlaubt - um Aids zu verhüten

Foto: TONY GENTILE/ REUTERS

Hamburg - Wer als Katholik ein Kondom benutzt, muss nicht mehr zwingend ein schlechtes Gewissen haben: Papst Benedikt XVI. hat einen eingeschränkten Gebrauch erlaubt. Die neue Linie des Vatikan gilt allerdings nicht für die normale Empfängnisverhütung, sondern nur in Ausnahmefällen, etwa um die Verbreitung von Aids durch homosexuelle Prostituierte zu verhindern.

Das katholische Kirchenoberhaupt machte eine entsprechende Bemerkung in einem neuen Interview-Buch, das der deutsche Journalist Peter Seewald - früher ein Kommunist, seit Jahren aber schon ein glühender Verehrer des Papstes - verfasst hat und das den Titel "Licht der Welt" trägt. Das Buch soll am Mittwoch in Deutschland erscheinen, die Vatikanzeitung "L'Osservatore Romano" druckte am Samstag Auszüge daraus, am kommenden Montag werden Teile auch in deutschen Medien zu lesen sein.

Die katholische Kirche war stets für ihre kompromisslose Haltung gegenüber Kondomen kritisiert worden, die vielen Kritikern besonders angesichts der Aids-Epidemie in Afrika als unhaltbar galt. Die katholische Lehre verbietet Kondome, weil sie als Form künstlicher Empfängnisverhütung gelten.

"Schritt zur Moralisierung"

Diese Position wird durch die Aussage des Papstes auch keineswegs revidiert: In dem Gespräch sagt er, dass die katholische Kirche die Verwendung von Kondomen "natürlich nicht als wirkliche und moralische Lösung" ansehe. "Sich allein auf den Präservativ zu konzentrieren, heißt die Sexualität zu banalisieren", wird der Papst zitiert. Aber wenn Prostituierte sich und andere so schützen, könne dies "ein erster Schritt zur Moralisierung" sein und dabei helfen, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, "dass nicht alles gestattet ist und man nicht alles tun kann, was man will".

Doch sei dies nicht der Weg, um die tödliche HIV-Infektion wirklich zu besiegen, wird Benedikt zitiert. Im Kampf gegen die Immunschwächekrankheit Aids brauche es eine "Humanisierung der Sexualität". An anderer Stelle im Buch fragt er im Hinblick auf künstliche Verhütung: "Wie viele Kinder wurden getötet, die eines Tages hätten Genies sein können, die der Menschheit etwas Neues, einen neuen Mozart oder technische Entdeckungen hätten geben können?"

Christian Weisner von den deutschen Reform-Katholiken "Wir sind Kirche" wertete die Aussagen des Papstes zu den Kondomen als "überraschend". Es sei ein Glück, dass der der Papst offenkundig "lernfähig" sei.

Austin Ivereigh, quasi ein Lobbyist der katholischen Kirche in Großbritannien und für die Vermarktung des Buches dortig verantwortlich, spekuliert im "Guardian" über die Motive des Vatikans. Es sei schlicht nie ein Teil der päpstlichen Lehre gewesen, dass Kondome nicht nur der Empfängnisverhütung dienen, sondern auch die Übertragung von Krankheiten verhindern. Jahrelang habe die katholische Kirche zu diesem Thema geschwiegen. "Die Schwierigkeit war, ihre Lehren in diesem Punkt zu verdeutlichen ohne das Verhütungsverbot aufzuheben."

Ganz recht hat Ivereigh mit seiner These des Schweigens allerdings nicht: Noch 2009 hatte Benedikt XVI. massive Kritik von europäischen Regierungen, Wissenschaftlern und Hilfsorganisationen auf sich gezogen, als er bei einer Afrika-Reise sagte, Kondome würden das Aids-Problem in Afrika nicht lösen, sondern im Gegenteil sogar verschärfen.

Aufhorchen lässt auch eine weitere Bemerkung des Papstes in dem Interview-Buch: Wenn ein Papst physisch, psychologisch oder spirituell unfähig sei, seiner Aufgabe nachzukommen, dann habe er auch das Recht - unter bestimmten Umständen sogar die Pflicht - zurückzutreten. Die Frage, ob ein Papst überhaupt zurücktreten kann und darf, hat in der Kirchengeschichte wiederholt für Diskussionen gesorgt.

tdo/AFP/Reuters/dpa
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